„Alles hat gepasst“
Das Ding ist drin: Jubelnd dreht Roland Stein nach seinem Treffer zum 1:0-Sensationssieg gegen die Bayern ab – Torwart Oliver Kahn (rechts) ist geschlagen. Foto: imago

„Alles hat gepasst“

Roland Stein warf den großen FC Bayern mit dem kleinen TSV Vestenbergsgreuth aus der ersten Runde des DFB-Pokals

Der Tag kommt. Einmal im Jahr klingelt das Telefon von Roland Stein ganz gewiss. Wenn die Auftaktrunde des DFB-Pokals ausgelost und der FC Bayern einem Verein aus der Fußball-Provinz zugeteilt wird, wird er zum gefragten Mann. Stein weiß, wie es geht, den Rekordmeister in Runde eins aus dem Wettbewerb zu kegeln. Er erzielte einst den 1:0-Siegtreffer für den mittelfränkischen Regionalligisten TSV Vestenbergsgreuth.

Der 14. August 1994. Bitte nehmen Sie uns noch einmal mit in die 43. Minute!
Ich habe es noch im Auge. Wir gewinnen den Ball im Mittelfeld, er kommt rechts zum Wolfgang Hüttner, der flankt auf den ersten Pfosten, ich halte den Kopf hin – drin. (lacht) Alles hat gepasst. Dass es tatsächlich zum Sieg reichen würde, daran haben wir in dieser Sekunde nicht geglaubt, es war ja noch ein ganzes Stück zu spielen.

Wann war klar: Heute geht was?
Ab der 70. Minute habe ich angefangen, ein gutes Gefühl zu entwickeln. Unsere Abwehr stand bombenfest, da habe ich gedacht: Mensch, es könnte ja doch klappen.
Wie war die Stimmung in der Halbzeit, mit der Führung im Rücken?
Jeder Spieler war voller Euphorie. Man ist wahnsinnig aufgeregt, gegen den großen FC Bayern zu spielen. Der Trainer hat uns angespornt, erst mal so weiterzumachen. Er meinte, dass wir ja vielleicht noch eine Konterchance bekämen. (lacht)

Die Sekunde des Schlusspfiffs?
Wir sind wie irre durch das ganze Stadion gerannt. Das halbe Dorf war da, mindestens.

Und die Bayern-Spieler?
Wir wollten eigentlich noch unsere Trikots mit denen tauschen. Schön wäre es gewesen, wenn ich das von Olli Kahn bekommen hätte, dann wäre ich noch glücklicher gewesen. Aber die sind gleich runter vom Platz, sofort in die Kabine, haben geduscht und waren auch schon verschwunden.

Es war das erste Pflichtspiel für Giovanni Trapattoni als Bayern-Trainer.
Wer da auf der Bank saß, war uns egal. Aber für den Trapattoni war das bestimmt speziell (lacht), sich mit dieser Blamage gegen uns einzuführen.
Der Boulevard schreibt am nächsten Tag: „Über diesen Witz lacht die Bundesliga: Giovanni Trapattoni hat bisher drei Worte Deutsch gelernt: Danke, Bitte und Vestenbergsgreuth.“

Für Sie folgte eine lange Nacht.
Wir haben spontan eine Feier organisiert, wo wir natürlich auch das ein oder andere Bier getrunken haben. Manch einer ist mit den 1500 Mark Siegprämie (Steins Monatsgehalt lag bei 1800 Mark, d. Red.) auch noch weitergezogen. Aber wir waren ja alle auch noch berufstätig: Polizisten, Drucker, nur ein, zwei Studenten. Am nächsten Tag mussten wir wieder arbeiten.

Sie ausnahmsweise nicht.
Ich habe bei einer Teefirma als Betriebsschlosser gearbeitet, wo auch Präsident Helmut Hack tätig war. Der hat gesagt: „Bleib morgen daheim, bei dem Erlebnis.“ Das hat aber nicht viel gebracht, weil um sieben in der Früh das Telefon klingelte, da habe ich noch bei meinen Eltern gewohnt. Die Mutter ist dann hoch ins Zimmer gekommen: „Ey, steh auf, du musst sofort nach Vestenbergsgreuth rüber, da ist das Fernsehteam.“ Also war es nichts mit dem freien Tag.

Haben Sie ein Andenken an das Spiel?
Das eigene Trikot habe ich noch, es hängt in meinem Fußballzimmer neben Postern, Fotos und anderen Trikots. Das Spiel von damals habe ich auf VHS-Kassette, mittlerweile auch auf CD. Und bis heute gibt es sogar einen „1:0-Tee“, auf dem steht, dass er „die Schussbereitschaft erhöht und den Torinstinkt steigert“.

Sie waren 21, haben Sie nach Ihrem Tor von einer Fußball-Karriere geträumt?
Ja, klar. Wer Fußball spielt, in der 2. und 3. Liga, der will den Sprung in die Bundesliga schaffen. Aber ich habe dann Pech gehabt, mich schwer verletzt und bin mit einem Kreuzbandriss ein halbes Jahr ausgefallen – und dann ist man schnell vergessen. Schade, dass es nicht gereicht hat.

Wie endete das Pokalmärchen?
Gegen Zweitligist Homburg haben wir zu Hause mit 5:1 gewonnen, im Achtelfinale gegen den VfL Wolfsburg, die waren damals noch in der 2. Liga, haben wir dann unglücklich im Elfmeterschießen verloren. Sonst wäre vielleicht noch ein Kapitel dazugekommen.

Sie wurden später sogar noch einmal als Bayern-Schreck gebucht.
Mein ehemaliger Klub Wacker Burghausen hatte mich 2007 in der ersten DFB-Pokalrunde gegen die Bayern als Glücksbringer eingeladen. Und das hat auch fast geklappt, Bayern gewann erst im Elfmeterschießen.

Ist so eine Pokalüberraschung heute überhaupt noch denkbar gegen die Bayern?
Wenn man sieht, wie der FC Bayern auftritt und was für Spieler mittlerweile da sind, hat sich das noch einmal enorm gewandelt. Nochmal so eine Sensation zu schaffen wäre eine richtige Sensation (lacht) – noch mehr eine Sensation.

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