Andreas Kümmert spricht über Angst und Stärke
Andreas Kümmert spricht im Interview über Angst und Stärke. Am 21. Oktober tritt er in Hannover im Kulturzentrum Faust auf Foto: privat

Andreas Kümmert spricht über Angst und Stärke

Vor anderthalb Jahren hat Andreas Kümmert den Vorentscheid des Eurovision Song Contest gewonnen – doch er lehnte es ab, zum Finale zu fahren. Er sei nicht in der Verfassung, die Wahl anzunehmen, sagte er. Heute weiß er: Er litt unter einer Angststörung. Jetzt ist Andreas Kümmert wieder da. Am 21. Oktober ist er in Hannover zu Gast. Ein Gespräch über Angst, soziale Medien und darüber, wie gefährlich Ehrlichkeit sein kann.

Herr Kümmert, wie geht es Ihnen?
So weit ganz gut.

Die Zeit war sicherlich nicht ganz einfach für Sie, nachdem Sie den ESC wegen einer Angststörung abgelehnt hatten.
Ich bin auf dem Weg der Besserung und habe mein Leben so weit geordnet, dass ich mich so weit bereit fühle.

Wann und warum haben Sie sich damals entschieden, sich von der Bühne zurückzuziehen?
Naja, ich habe nicht wirklich eine Pause eingelegt. Ich war auf Tournee. Ich war nur in den Medien nicht präsent. Das heißt nicht, dass ich nicht da war.

Sie haben gesagt, dass der Hass, der Ihnen damals manchmal entgegenschlug – gerade auch über die so genannten sozialen Medien – Sie sehr belastet und runtergezogen hat. Wie gehen Sie heute damit um?
Es gibt verschiedene Instrumente, die ich verwende. Zudem bekomme ich vieles nur sehr gefiltert mit.

Wer filtert?
Mein Management. Ich mache auch meine Facebook-Seite nicht mehr selbst, werde aber ständig auf dem Laufenden gehalten über alles, was dort passiert. Zudem habe ich gelernt, dass die Menschen, die mir ihren Hass entgegengebracht haben, nicht mich meinen, da sie mich ja gar nicht persönlich kennen.

Haben Sie eigentlich jemals darüber nachgedacht, mit der Musik aufzuhören?
Das war tatsächlich nie eine Option. Die Musik gehört zu mir. Ich möchte gar keinen anderen Weg gehen.

Dazu gehört aber auch eine gewisse Stärke, oder?
Natürlich gehört Stärke dazu. Aber wenn man Musik so selbstverständlich macht wie morgens aufzustehen, dann kostet das zwar Kraft, diesen Weg zu gehen, aber diese Anstrengung ist es wert – zumal es ja keine Alternative gibt.

Recovery Case heißt nicht nur Ihre neue CD, sondern auch Genesungsfall. Also Musik als Therapie?
Ja, auf jeden Fall. Das Album enthält autobiographisch die vergangenen anderthalb Jahre meines Lebens, in denen ich viele Sachen verarbeitet habe. Es ist sehr ehrlich.

Ist Ehrlichkeit nicht gefährlich? Wer ehrlich ist, ist auch immer sehr verletzlich…
Ja, ich denke schon, dass das gefährlich ist. Aber es ist auch nötig, damit man sich diesen Menschen entgegenstellt, die so viel Hass in sich tragen. Man muss zeigen, dass sie keine Wirkung auf das eigene Leben haben.

Sie haben einmal gesagt: „Es ist ein Paradoxon für mich: ich brauche Öffentlichkeit und habe Angst vor ihr.“ Wie dämmen Sie jetzt die Angst ein? Ist die Angst überhaupt beherrschbar?
Ja, sie ist beherrschbar. Angst vor der Bühne hatte ich ja nie. Wenn Menschen einen auf der Bühne  sehen wollen und eine Karte für ein Konzert gekauft haben, dann stehen sie einem ja grundsätzlich eher positiv gegenüber. Beim kostenlosen TV ist das ganz anders. Ich habe gelernt, die Angst zu beherrschen. Ich mache eine Therapie und habe sehr viel über mich selbst gelernt. Zudem bekomme ich Medikamente.

Es geht ja auch immer darum, sich selbst zu lieben, zu akzeptieren und zu definieren. Samy Deluxe beispielsweise hatte als dunkelhäutiger Deutscher in seiner Jugend große Probleme, seine Identität zu finden, hat er einmal gesagt. Wie wichtig ist es eigentlich, in unserer Gesellschaft dazuzugehören? Möchten Sie dazugehören?
Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, dazuzugehören, weil viele Ideale der Gesellschaft menschenfeindlich sind. Bei Samy Deluxe hat die Hautfarbe sicherlich eine große Rolle gespielt, weil grundsätzlich immer etwas gesucht wird, um andere ausgrenzen zu können. Ich finde es manchmal beschämend, dieser Gesellschaft anzugehören. Aus Angst alleine zu sein, will jeder dazugehören. Aber das nimmt den Menschen die Möglichkeit, individuelle Gedanken zu entwickeln.

Ihre CD ist sehr persönlich geprägt. Gibt es eigentlich ein Lieblingslied auf Ihrer CD?
Ich tue mich etwas schwer, mein eigenes Zeug zu bewerten. Es gibt ein paar Titel, die ich ziemlich gut finde. „I Love you“ ist ein Lieblingstitel, geht es in dem Song doch darum, sich selbst zu lieben.

War es eigentlich eine bewusste Entscheidung, in kleineren Clubs aufzutreten?
Ja, ich glaube, die haben genau die richtige Größe.

Kennen Sie Hannover?
Ich war mal mit der Schulklasse zu Expo-Zeiten da. Das war klasse. Aber mehr kenne ich von Hannover nicht.

Das Interview führte Heike Schmidt.

Karten für das Konzert am 21. Oktober in Hannover gibt es im Ticketshop der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Alle weiteren Konzerttermine stehen auf der Website des Sängers.

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