„Da war natürlich Halligalli“
Immer mit Blick Richtung Korb: Basketball-Star Dirk Nowitzki, hier im Spiel Anfang Februar gegen Philadelphia Foto: imago

„Da war natürlich Halligalli“

Basketball-Star Dirk Nowitzki erzählt von seinen sportlichen Highlights

Er ist eine absolute Basketball-Legende: Dirk Nowitzki knackte erst kürzlich als sechster Spieler überhaupt die 30.000 Punkte-Marke in der nordamerikanischen Profiliga NBA. 2006 scheitert er mit den Dallas Mavericks tragisch im Finale der NBA. Fünf Jahre später, als keiner mit ihm und seinem Team rechnet, gelingt das Unglaubliche.
Im Interview erzählt das „German Wunderkind“, wie der größte Triumph seiner Karriere möglich war, warum er nach dem Finale in die Kabine flüchtete und wie er es schafft, auch mit 38 Jahren noch zu den Besten zu gehören.„Wir haben nie aufgegeben. Wir waren die Mannschaft, die oft hinten lag, sich aber trotzdem immer wieder zurückgekämpft hat.“ Eigentlich sollte der Sommer 2006 der von Dirk Nowitzki sein, der seiner Dallas Mavericks. Bis ins NBA-Finale hatten sie es geschafft, führten gegen Miami Heat in der Finalserie mit 2:0. Alles schien bereitet für den ersehnten ersten Titel – doch dann glitt ihnen erst ein Spiel, dann die Serie aus den Händen.
Fünf Jahre später rechnete keiner mit den Mavericks. „Wir waren das ganze Jahr über Außenseiter“, erzählt Nowitzki. Das Team war in die Jahre gekommen, „aber wir waren einfach zur richtigen Zeit fit“, sagt der heute 38-Jährige. Am Ende holen sie den Titel, den ihnen keiner mehr zugetraut hätte, „weil in diesem Jahr einfach alles gepasst hat“.

Herr Nowitzki, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an den Juni 2011 zurückdenken?
Die Momente nach dem entscheidenden Sieg. Die Momente, in denen die Tränen kamen in der Umkleide. Wo dir alles durch den Kopf geht. Die investierte Arbeit, die Leute, die mit dir mitgekämpft haben, die mit frustriert waren jedes Jahr nach dem Play-off-Aus. Und die zwei Paraden werde ich natürlich nie vergessen. Die eine hier in Dallas und die andere, die sie mir in Würzburg geschmissen haben. Da standen plötzlich 10 000 Leute auf dem Residenzplatz.

Wie haben Sie diese Wochen nach dem größten Sieg Ihrer Karriere erlebt?
Da war natürlich Halligalli, ist doch klar. Wenn man auf etwas so lange hinarbeitet – da haben wir uns natürlich schon ein bisschen gehen lassen. Aber wir waren ja eine ältere Mannschaft und alle von den Play-offs einfach so platt, dass wir überhaupt nicht so die Party oder die Sause haben steigen lassen, wie wir es uns eigentlich gedacht hatten. Wenn wir 2006 gewonnen hätten (Dallas führte in der Finalserie gegen Miami schon mit 2:0 und verlor noch dramatisch mit 2:4, Anm. d. Red.), als wir eine jüngere Mannschaft hatten, ich glaube, da wäre was gegangen. Aber 2011? Tyson Chandler war da durch, Jason Kidd war damals schon 38, ich war total platt, war ja noch krank in dem einen Spiel – also, da haben wir vielleicht ein, zwei Nächte was steigen lassen und dann waren aber auch alle total platt.

Dabei ging es gar nicht gut los. Im Auftaktmatch zogen Sie sich einen Sehnenriss im Mittelfinger der linken Hand zu.
Ich wusste gar nicht, dass es passiert ist. Ich glaube, ich hatte versucht, einem den Ball aus der Hand zu schlagen, und ganz normal weitergespielt. Und als dann Auszeit war, gehe ich zur Bank und schaue auf meinen Finger. Und der hing 90 Grad nach unten, weil die Sehne durchgerissen war. Das war Wahnsinn! Und dann haben wir das Spiel eins auch noch so haushoch verloren. Da war natürlich die Frustration erst mal groß.

Dann gelang Ihnen ausgerechnet mit der linken Hand im zweiten Spiel 3,6 Sekunden vor Spielende der Korbleger zum 95:93-Auswärtssieg.
Zuerst dachte ich, dass mich die Verletzung wahnsinnig behindern wird. Aber letztlich habe ich es gar nicht gemerkt. Das ist die Finalserie, du spürst überall Adrenalin.

In Spiel sechs haben Sie sich kurz vor Schluss mit Jason Terry auf dem Spielfeld umarmt – war das diese eine Sekunde, in der Sie wussten, dass Sie Meister waren?
In dem Moment waren wir mit sechs, sieben oder acht Punkten – ich weiß nicht mehr genau – vorne, weniger als eine Minute zu spielen. Da war es klar: „Jetzt haben wir es geschafft.“ Mit dem Jet (Terrys Spitzname, Anm. d. Red.) habe ich von der Mannschaft am meisten durchgemacht. Ich habe mit ihm 2006 verloren, nachdem wir 2:0 vorne waren. Wir haben die Jahre über immer zusammen gekämpft. Und dass der Jet dann da gerade stand und wir uns umarmt haben, das war irgendwie passend für unsere Karriere zusammen. Dass wir das so haben krönen dürfen, war eine tolle Sache für uns beide.

Nach dem Spiel sind Sie aus der Halle geflüchtet, um in der Stunde Ihres größten Triumphes allein zu sein. Wer hat Sie aus der Kabine zurückgeholt?
Unser Pressesprecher ist mir hinterhergelaufen – und sogar der Pressechef der NBA. Die wussten halt, dass ich wahrscheinlich als wertvollster Spieler der Finalserie ausgezeichnet werde. In unserer Kabine war eine Bank kurz vor der Dusche, da habe ich mich hingelegt und da kamen halt ein paar Tränen raus. Beide haben zu mir gesagt: „Hey, die Trophy-Präsentation ist jetzt, du musst schon raus.“ Ich habe geantwortet: „Komm, gib sie irgendjemand anderem, ich will sie nicht haben.“ Aber dann meinten sie, dass die Bilder um die Welt gehen würden und ich die Sequenz mit der Trophäe in der Hand in 20, 30 Jahren sicher gern sehen würde. Da habe ich mich aufraffen müssen, war aber auch froh, als ich draußen war. In der Halle war es okay, da war ich nicht mehr so emotional.

Derzeit ist kein anderer NBA-Profi so lange bei einem Verein wie Sie.
Das ist schon eine wahnsinnig lange Zeit in einem Verein, da bin ich stolz drauf. Da gehört ein bisschen Glück dazu. Dass der Mark (Klubbesitzer Mark Cuban, Anm. d. Red.) die Mannschaft gekauft hat in meinem zweiten Jahr und dass wir solch eine Freundschaft entwickelt haben über die Jahre, das konnte am Anfang niemand wissen.

Wie motivieren Sie sich nach fast 1500 NBA-Spielen noch?
Im Sommer ist es nicht leicht, das gebe ich zu. Wenn die Familie am Strand liegt und ich sage: „Okay, ich muss jetzt mal in den Kraftraum.“ Aber die Spielerei macht noch Spaß, da kribbelt’s. Die Fans, die Atmosphäre und dann mit der Mannschaft einen Weg finden, das Spiel zu gewinnen – das wird immer Spaß machen. Und deshalb versuche ich es noch so lange, wie es geht. Der Körper macht hoffentlich die nächsten zwei Jahre noch mit. Und dann setzen wir uns noch mal zusammen.

Was müssen Sie tun, um mit den teilweise 20 Jahre Jüngeren mithalten zu können?
Ich habe im Sommer viel gemacht. Basketballerisch habe ich zwar erst im August angefangen, fitnessmäßig, also in Sachen Kondition, aber quasi durchtrainiert. Denn wenn du einmal konditionell auf null bist, brauchst du im Alter zwei, drei, vier Monate, bis du wieder dran bist. Das Hin- und Hergerenne, die Bewegungen, wenn dich jemand verteidigt, das kann man nicht simulieren. Da tut erst mal alles wieder weh. Vor allem in der ersten Woche des Trainingscamps, wenn man zweimal am Tag trainiert. Aber mittlerweile fühle ich mich schon besser und hoffe, wieder eine konstante Saison spielen zu können.

Wenn Sie an den Titel denken, was ist davon bis heute geblieben?
Die Beziehungen zu den Spielern von damals. Das ist ein Bund, der nie brechen wird, ein familiäres Gefühl. Wenn man solch eine Sache gewinnt, ist man für den Rest des Lebens miteinander verbunden. Neulich haben wir gegen Houston gespielt, da spielt der Brewer jetzt (Corey Brewer war Nowitzkis Kollege in der Meistersaison, Anm. d. Red.). Da sind wir beim Aufwärmen zur Seite gegangen, haben geflachst und gefragt: „Wie geht’s, Champ?“ Das wird einfach nie alt. Ist schon Wahnsinn, dass wir uns den Traum damals erfüllt haben.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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