„Damals brauchte man dickere Eier“
Ein Auftakt nach Maß: Sebastian Vettel siegt im Ferrai beim ersten Rennen der neuen Saison in Melbourne. Foto: imago

„Damals brauchte man dickere Eier“

Indianapolis, 2007: Sebastian Vettel steigt in die Elite des Rennsports auf und bestreitet sein erstes Formel-1-Rennen. In Melbourne holte er im Ferrari den ersten Sieg der Saison.

Seit dem Saisonstart in Australien nimmt Sebastian Vettel WM-Titel Nummer fünf in Angriff. Zum Auftaktrennen in Melbourne kam er mit seiner „Gina“ (wie er liebevoll seinen neuen Ferrari nennt) als erster über die Ziellinie und feierte seinen ersten Formel-1-Sieg seit September 2015. Im Interview spricht er über den Tag, der sein Leben verändert hat – und sagt: „Früher brauchte man dickere Eier“. Viermal Weltmeister, jetzt 43 Grand-Prix-Siege, 80-mal auf dem Podium: Sebastian Vettel hat als Formel-1-Pilot mit nur 28 Jahren schon alles erreicht. Wie behält man da die Bodenhaftung? Vettel scheint‘s zu können. Seine prägende Sekunde? Nicht einer seiner WM-Titel, auch nicht einer seiner großen Siege. Der Heppenheimer erinnert sich vor allem an sein erstes Rennen als Pilot in der Königsklasse.

Herr Vettel, was war die Sekunde, die Ihr Leben verändert hat?
Wenn ich mich festlegen müsste, war das mein erstes Formel-1-Rennen mit BMW-Sauber in den USA 2007.

Warum war das so wichtig?
Es kam unheimlich überraschend. Robert Kubica durfte nach einem Unfall in Montreal eine Woche zuvor den Grand Prix der USA nicht bestreiten. Als der damalige Motorsportchef Dr. Mario Theissen mir sagte, ich würde das nächste Rennen fahren, war ich baff. Ich war ja Testfahrer, hatte schon damit geliebäugelt, aber nicht damit gerechnet. Also flog ich nach Indianapolis und versuchte, cool zu bleiben.

Cool bleiben? Das dürfte nicht so leicht gewesen sein …
Ich weiß noch, wie toll das Gefühl war, zwischen den besten Rennfahrern der Welt in der Startaufstellung zu stehen. Und plötzlich war ich mittendrin. Ich habe das genossen. Ich wusste ja nicht, wann ich wieder diese Chance bekommen würde. Und ich verrate jetzt mal was: Während des Rennens war ich körperlich am Ende. Ich konnte meinen Kopf nicht mehr gerade halten und war einfach nur glücklich, als ich die Ziellinie gesehen habe.

Sie waren damals mit 19 Jahren und 350 Tagen der jüngste Formel-1-Pilot aller Zeiten, wurden Achter und der jüngste Fahrer, der einen Punkt geholt hat.
Stimmt. Aber mir sind solche Statistiken wurscht. Heute und auch damals schon. Mir war es wichtiger, erst einmal einen Stammplatz zu ergattern.

War es zu Beginn Ihrer Karriere herausfordernder, Formel 1 zu fahren?
Absolut. Als ich 2005 meine erste Testfahrt hatte, hatte ich einen Zehnzylinder im Heck. Damals dachte ich, dass ich den nie beherrschen würde. Auch die Achtzylinder waren immer noch sehr anspruchsvoll – es gab viele Stellen, wo man die Pobacken zusammenkneifen musste. Doch seit der Regeländerung auf V6-Hybridmotoren sind die Autos zu leicht zu fahren. Damals brauchte man dickere Eier. Es ist schade: Die Autos müssten schneller werden, mehr Power haben, mehr Grip, mehr Abtrieb.

Sie wechselten 2009 zu Red Bull, wurden viermal Weltmeister. Damals soll auch schon Ferrari auf Sie aufmerksam geworden sein.
Na ja, ich fuhr mit einem Ferrari-Motor (lacht). Im Ernst: Den ersten seriösen Kontakt hatte ich 2008 mit Teamchef Stefano Domenicali. Wir redeten über eine gemeinsame Zukunft. Genau wie mit Michael (Schumacher – d. Red.). Auch er sagte, wie speziell Ferrari ist, wie besonders die Atmosphäre. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich noch zu sehr mit Red Bull verbunden und dankbar, dass sie mir die Chance gegeben haben. Deshalb war ein Wechsel noch kein Thema.

Spätestens seit Ihrem Wechsel zu Ferrari 2015 gelten Sie als Spitzenverdiener der Formel 1. Hätten Sie sich das an jenem 17. Juni 2007 erträumt?
So sehe ich das nicht. Klar kann ich mir viele Dinge leisten. Aber man merkt relativ schnell, dass es andere Werte im Leben gibt: Freundschaft, Familie, Glück. Die kann man sich mit keinem Geld der Welt kaufen. Zelten im Regen kann genauso schön sein wie ein Urlaub auf einer Trauminsel.

Also würde Sebastian Vettel nicht auffallen, wenn man ihn auf dem Campingplatz trifft.
Oder wo auch immer … Ich mache in meiner Freizeit, was normale Leute in meinem Alter so machen. Manchmal gehe ich aus, bin aber kein besonders guter Tänzer. Ich bin eher der Typ, der an der Bar rumsteht und sein Bier genießt. Ich bin so viel unterwegs, dass ich es liebe, in meinem eigenen Bett zu schlafen und mein eigenes Frühstück zu machen. Zu Hause habe ich im Haushalt natürlich Hilfe, ich mache viele Sachen aber auch selbst.

Wie hat sich Ihr Leben durch den Erfolg noch geändert – außer, dass die Öffentlichkeit ein Stück von Ihnen haben will?
Der erste Titel hat mich entspannter gemacht, weil ich das große Ziel, das ich in meinem Leben hatte, erreicht habe. Das heißt nicht, dass mein Leben danach langweiliger geworden ist – im Gegenteil. Aber während ich früher vielleicht etwas verkrampfter war, genieße ich das alles heute mehr. Natürlich ohne den Fokus zu verlieren. Ich gehe nicht auf jede Party und lasse überall die Sau raus.

Sind Sie sich eigentlich manchmal bewusst, was Sie seit Ihrem Debüt erreicht haben?
Ja, für mich ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen. Schon als Kind habe ich versucht mir vorzustellen, wie es wohl wäre, in der Formel 1 mit diesem roten Auto zu fahren. Michael Schumacher war halt mein großes Idol – und er fuhr seine großen Erfolge mit Ferrari ein.

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