„Dann wurde es dunkel“
Die Sekunde des Knock-out: Christoph Kramer ist völlig benommen im WM-Finale 2014. Foto: imago

„Dann wurde es dunkel“

Fußball-Weltmeisterschaft 2014: Für Christoph Kramer bleibt sein Knock-out in der 17. Minute auf ewig in Erinnerung

Mario Götze macht Deutschland 2014 zum Weltmeister. Die außergewöhnlichste Finalgeschichte schreibt ein anderer Mann: Christoph Kramer geht nach einem Zweikampf in der 17. Spielminute k. o. – und schleppt sich 14 Minuten lang über den Platz, ohne zu wissen, wo er ist. Noch heute sind nicht alle Erinnerungen wieder da …

Herr Kramer, was ist die Ihnen am häufigsten gestellte Frage?
Dafür brauche ich ein bisschen Bedenkzeit.

Sie haben zehn Sekunden …
Die Frage nach dem WM-Finale.

Das trifft sich gut, genau darüber möchten wir sprechen. Über diese eine Sekunde im WM-Finale 2014, in der Sie k.o. gegangen sind.
Diese eine Sekunde hat mich auf eine Art berühmt gemacht. Und ich finde an dieser Sekunde nichts Negatives, im Gegenteil: Sie hat positiv auf meine Karriere eingewirkt. Körperlich war es keine gute Sekunde (lacht).

Der Argentinier Ezequiel Garay hat in der 17. Minute den Stecker gezogen.
Ja, dann wurde es dunkel. An die ersten 17 Minuten kann ich mich sehr gut erinnern. Nur was zwischen der 17. und der 31. Minute passiert ist, fehlt, ist einfach weg.

Nach dem K. o. kam es zu einem Dialog mit dem Schiedsrichter – zumindest hat es Nicola Rizzoli so erzählt. „Schiedsrichter, ist das das Finale? Ich muss wissen, ob das wirklich das Finale ist“, hatten Sie gefragt und dann nach dem „Ja“ Rizzolis gesagt: „Danke, das ist wichtig zu wissen.“
Warum sollte er lügen? Ich habe mich nur gefragt, in welcher Sprache ich mit ihm gesprochen haben soll. Italienisch kann ich nicht, Deutsch kann er nicht. Muss dann ja wohl Englisch gewesen sein. Irgendwie kann ich mir das nicht vorstellen. Den Satz bekomme ich auf Englisch schon hin – aber in dem Zustand?

Sie sind 14 Minuten nach dem Zusammenprall ausgewechselt worden, wurden gestützt.
Ich hätte auch noch laufen können, denke ich. Ich bin auch direkt zur zweiten Halbzeit mit rausgegangen und habe mich auf die Bank gesetzt. Da war ich auch wieder komplett bei Sinnen. In der Halbzeit wurden ein paar Checks gemacht, ob etwas gebrochen ist und ob ich klar bin. Es war nicht so dramatisch, dass ich das WM-Finale im Krankenhaus hätte gucken müssen.

Sie hatten direkt nach dem Turnier große mediale Aufmerksamkeit mit vielen Interviews. Was haben Sie noch nie erzählt?
Ich habe fast geheult, als ich eingelaufen bin mit dem Blick auf den Pokal und auf die Christusstatue auf dem Berg. Ich habe auch eine Halskette mit einem silbernen Anhänger von der Statue, die mir meine Mutter mit neun Jahren geschenkt hat. Ich trage sie noch sehr häufig.

Diese Geschichte steht sicher auch in Ihrem Tagebuch, das Sie führen.
Ich habe die Erlebnisse natürlich schon nachgetragen. Dafür habe ich mir aber etwas Zeit genommen. Normalerweise schreibe ich für jedes Ereignis immer eine Seite, über die WM ist es ein eigenständiges Kapitel geworden. Ich habe so viele Eindrücke aus dem Campo Bahia mitgenommen, so viele wunderschöne Erinnerungen. Diese 50 Tage waren eine ganz intensive Zeit, die schönste Zeit in meinem Leben. Es war alles so perfekt, so schön, so anders. Ich bin dort rumgelaufen mit großen Augen wie ein Kind an Weihnachten und fand einfach alles geil. Ich habe mindestens 8000 Handyfotos gemacht …

Was bleibt neben diesen Fotos?
Von jedem Spiel habe ich Rasen mitgenommen, aus dem Campo habe ich so eine Taschentuchbox mitgenommen – damit man später einfach mal riechen kann, wie das Campo so roch.

Die olfaktorische Erinnerung.
Ja, ich habe meine Fußballschuhe von der WM in einem Bankschließfach, umhüllt von einem Lederetui. Als ich neulich dort etwas zu erledigen hatte, habe ich mir das Schließfach aufmachen lassen. Wahnsinn. Der Geruch. Ich stand plötzlich wieder im Estádio do Maracanã. Nach der Karriere mache ich mir mal einen schönen Raum in meinem Haus, den ich aufwendigst bearbeite, und dort werden sicherlich auch ein paar Geruchsproben liegen.

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