Das ist der Gipfel
Heidis Welt sind die Berge, denn dort ist sie zuhaus: Hier mit ihrem Freund, dem Geißenpeter. Foto: Katrin Ribbe

Das ist der Gipfel

Das Schauspielhaus zeigt „Heidi“ als Familienstück

Okay, Heidi ist die Hauptperson in Familienstück von Johanna Spyri. Okay, Heidi (Sophie Krauß) ist eine echte Sympathieträgerin, keineswegs verschreckt, sondern eher von herzensoffener Natürlichkeit. Aber Fräulein Rottenmeier (Johanna Bantzer) stiehlt ihr ab und an wirklich die Show. Mit einem hohen Dutt auf dem Kopf, der jedes Mal bedenklich wackelt, wenn sie schimpft, ihren spitzen Pumps und dem 50er-Jahre-Kleid hat sie etwas von der Prusseliese, die  Pippi Langstrumpf zur Raison ruft.
Johanna Bantzer überzeichnet die Figur so schön, dass sie zur Karrikatur ihrer selbst wird – und damit die Kinder sehr erfreut. Ganz so ernst kann sie niemand nehmen – weder im Publikum noch auf der Bühne. Selbst Heidi zuckt nicht wirklich zusammen, wenn ein Dutt-Beben droht. Diese Heidi ist eben nicht das pummelige Naivchen aus der 70er-Jahre-Zeichentrick-Serie. Sie ist kein verschrecktes kleines Mädchen, das mit Kulleraugen das große kühle Haus der Sesemanns in Frankfurt bestaunt. Diese Heidi ist mutig, herzlich und weiß genau, was sie will. Auch als sie bei den Sesemanns längst im braven Bubikragen-Kleidchen mit himmelblauem Prinzessinnen-Tüllüberwurf (Kostüme: Selina Peyer) steckt, das dem Prinzessinnenkleid von Klara (Ayana Goldstein) sehr ähnelt. Sie vergisst nicht, woher sie kommt, was sie das ärmliche Leben in den Bergen und nicht zuletzt der  manchmal grummelnde Großvater (Wolf List) gelehrt hat: Beurteile Menschen nie nach dem Hören-Sagen, sondern nach dem, was dir die eigenen Augen und Ohren mitteilen.
Natürlich ist es auch die Heidi, die auf einen Frankfurter Kirchturm klettert, um die Berge zu sehen, die für die Großmutter vom Geißenpeter (Dennis Pörtner) weiße Brötchen sammelt. Da sie aber vom Kindchen-Kulleraugen-Schema so weit entfernt ist wie ein Glubschi vom Gremlin, ist das auch ein Stück für Jungs und Erwachsene – zumal schon das Bühnenbild (Maria-Alice Bahra) an sich eine Show ist. Wie auf einer Tortenplatte lassen sich je nach Szene die Berge, das Innere der Alm-Öhi-Hütte oder auch die sterile, ganz in Weiß gehaltene Welt der Sesemanns nach vorn in Richtung Zuschauerraum drehen. Das Krankenhaus-Weiß hat zudem den Vorteil, dass man auf die Wände hervorragend Filmsequenzen projizieren kann – beispielsweise, wenn Heidi nachts von den Bergen und ihrem Großvater träumt oder auch wenn Fräulein Rottenmeier oben auf der Bühne steht und ihr Rock per Video (Bert Zander) zum Leben erwacht. Aber mehr soll nicht verraten werden. Diese Heidi und ihr Team sollte man selbst erleben. Also ab in die Berge – so lange es noch geht.

Mehr Infos:
❱❱ www.staatstheater-hannover.de

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