„Das ist meine Tochter. Oder nicht?“
Der einstige Macher: Rudi Assauer mit seiner Tochter Bettina Michel im Hintergrund. Foto: iamgo

„Das ist meine Tochter. Oder nicht?“

Der ehemalige Schalke-Manager Rudi Assauer kämpft gegen Alzheimer / Seine Tochter steht ihm zu Seite

Vor zehn Jahren bekam Rudi Assauer die Diagnose Alzheimer. Dass er 18 Jahre Manager beim FC Schalke war, hat er inzwischen vergessen. „Papa hat keine Angst mehr“, sagt seine Tochter Bettina Michel. Ein Hausbesuch. Rudi Assauer (71) lässt sich entschuldigen, er habe noch zu tun. Ein bisschen wie früher – nur sind es keine Spieler- und Sponsorenverträge, um die er sich kümmern muss, wie er es 18 Jahre lang als Erfolgsmanager des FC Schalke getan hat. Assauers Akten heute sind Schalke-Magazine. „Darin blättert er stundenlang“, sagt seine Tochter Bettina Michel.
Seit Ende 2011 wohnen die beiden zusammen in Herten. „Das Zimmer hier ist seine Burg, die verlässt er nicht so schnell“, erzählt sie. Wenn die Tür zur Burg offen steht, und das steht sie immer, schaut er in den Flur mit den vielen Bildern. Sie zeigen ihn, den Manager Assauer, der die Fußball-Bundesliga prägte. Als Mensch. Als Typ. Als Macher. Auf dem Tisch im Wohnzimmer eine Etage tiefer steht ein Spruchschild: „Willst du glücklich sein, dann sei es.“ Obwohl Assauer vor zehn Jahren an Alzheimer erkrankt ist, hat man den Eindruck: Er ist es.

Frau Michel, weiß Ihr Vater Rudi Assauer, dass er krank ist?
Nein. Wenn ich ihm morgens eine Birne gebe und sage, die Birne ist gut für die Birne, brummelt er: „Eine Birne für die Birne. Die Birne funktioniert doch.“ Mit dem Thema Alzheimer ist er durch, er weiß nicht, dass er das hat. Er kämpft nicht mehr gegen die Krankheit – lange hat er das gemacht. „Ich bin der Erste, der die Krankheit besiegt“, hat er gesagt. Papa hat keine Angst mehr. Früher ist er vier Tage und vier Nächte am Stück durch die Wohnung gelaufen: hier durchs Wohnzimmer, dort in den Wintergarten, Treppe hoch, Treppe runter. Patienten laufen auf diese Weise ihrem alten Leben hinterher.

Die Zigarre, die immer sein Markenzeichen war, …
… raucht er nach wie vor. Er vergisst auch nicht, dass er Bier lecker findet. Zuletzt hat er zwei Weizen getrunken, danach haben wir ihm heimlich eins ohne Alkohol bestellt. Da hat er gefragt: „Wollt ihr mich verarschen?“ Wir haben uns kaputtgelacht.

Hadern Sie mit dem Schicksal?
Ich versuche, ihm jeden Tag so schön wie möglich zu machen. Ich wünsche ihm nicht, dass er bettlägerig wird, und habe versprochen: Du gehst nicht ins Heim – das halte ich! Ich hoffe lieber, er bekommt irgendwann einen Herzinfarkt, hier auf der Couch, damit er das, was da vielleicht noch kommt, nicht erleben muss.

Gibt es eine Prognose?
Normalerweise ist zwischen sieben und acht Jahren das Endstadium erreicht und du liegst unterm Torf. Er ist im zehnten Jahr. Ein Kämpfer! Es verläuft in Schüben. Zuletzt bekam er einen richtigen Knall, da hat er lange gebraucht, um sich zu erholen. Die Augen sind dann leerer, es kommt gar nichts an. Und dann haut er wieder Sachen raus, bei denen ich denke: Okay, wen haben wir denn heute hier? Er läuft gerade und sicher, kann sich alleine anziehen, isst mit Messer und Gabel, kann sich – mit Anleitung – dieZähne putzen. Was wollen wir mehr?

Weiß er noch, dass er mal Manager auf Schalke war?
Zu Beginn wusste er es noch, ja. Als sie den Huub Stevens 2012 auf Schalke entlassen haben, bin ich morgens zu ihm ins Zimmer gestürmt: „Die haben den Huub entlassen!“ Da ist er aufgestanden und hat gesagt: „Da fahren wir jetzt hin, das regeln wir.“ Heute sagt er immer, wenn wir an der Arena vorbeifahren: „Ich war da ja auch mal.“ Aber als Manager? Als er den Huub vor ein paar Monaten im Fernsehen gesehen hat mit seiner rot-weißen Stuttgart-Jacke, da hat er gesagt: „Irgendwas stimmt da nicht.“ Weil sie rot war, nicht blau.

Erkennt er Sie als Tochter?
(überlegt) Zuletzt sagte er plötzlich: „Das ist meine Tochter!“ Ich konnte es kaum glauben. „Ja. Oder stimmt das nicht?“ Er weiß, dass wir zusammengehören. Wir sind ein Team, ich bin Personalunion: Tochter, Mutter, Lebenspartner. Nicht zu verwechseln mit Lebensgefährte! Er ist halt körperlich liebevoll, drückt mich, gibt mir mal ein Küsschen, so ein bisschen Susi und Schmusi.
Seit Ende 2011 leben Sie hier gemeinsam in einem Haus.
Es dreht sich alles um ihn, so einfach ist die Welt. Bis 11 Uhr schläft er tief und fest. Sein Zimmer da oben, da ist er der König. Im Bett frühstücken findet er ganz toll, das dauert dann auch schon mal bis mittags. Und dann entscheiden wir, was wir machen und ob wir was machen. Wenn eine dunkle Wolke am Himmel ist, geht er nicht raus. Er könnte ja einen nassen Hintern kriegen.

Das komplette Interview mit Bettina Michel steht im Buch zur Serie.

50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 7 08 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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