„Das kann man nicht beschreiben“
Horst Eckel (Mitte) im Finale von Bern gegen Nandor Hidekuti (links). Foto: imago

„Das kann man nicht beschreiben“

Es war einer der legendärsten Momente der Fußball-Geschichte: Horst Eckel erinnert sich an das WM-Finale 1954

Fritz-Walter-Wetter, „Wir sind wieder wer“, Wunder von Bern: Der 4. Juli 1954, das 3:2 von Sepp Herbergers wackeren Helden 
gegen Ungarn, hat unzählige Mythen hervorgebracht. Horst Eckel erinnert sich. Der Nazi-Terror ist erst neun Jahre überwunden, das Wirtschaftswunder ein zartes Pflänzchen. Da sorgen elf Fußballer und Trainer Sepp Herberger für neues, unbelastetes Selbstbewusstsein in Nachkriegsdeutschland. Gegen die jahrelang ungeschlagenen Ungarn gewinnt die Bundesrepublik 3:2 durch Helmut „Boss“ Rahns Tor in der 84. Minute. Zum ersten Mal Weltmeister. Horst Eckel, der „Windhund“, heute 85, war damals rechter Läufer.

Herr Eckel, es läuft die 84. Minute im Berner Wankdorfstadion …
Die 84. Minute! Einmalig. Fürs ganze Leben. Ich bin mit nach vorne marschiert und habe das aus der Nähe gesehen. Als ich sehe, ja, der Ball geht rein: Das kann man nicht beschreiben. Was da in einem vorgeht!

Noch sechs Minuten zu spielen …
Auf dem Platz haben wir nichts mehr besprochen. Keine Zeit. Die meisten waren auch viel zu kaputt zum Reden.

Dann der Abpfiff und die Gewissheit: Deutschland ist Weltmeister!
Was da los war! Richtig habe ich das erst am Tag danach realisiert, auf der Rückreise. Der Empfang war triumphal! Wir haben nicht gewusst, was in Deutschland los ist. Massen an Geschenken haben wir nach Hause geschleppt.

Wie hatte der große Sepp Herberger die Mannschaft vor dem Finale eingestellt?
Er hat immer eine große Rede gehalten. Er kannte jede Stärke und Schwäche der Gegner. Wir haben immer den Kopf geschüttelt und gefragt: „Woher weiß er das nur wieder?“

Was war Ihre Aufgabe?
Ich musste Nandor Hidegkuti decken. Viele denken, Ferenc Puskas sei der Kopf der Ungarn gewesen. Das stimmt nicht. Der Kopf war Hidegkuti. Ich war stolz darauf, dass ich als Jüngster diese Aufgabe bekam. Dann kam die Erkenntnis: „Oh Gott! Das ist ja gar nicht so einfach!“ Er war einer der besten Stürmer der Welt, und ich war sein Gegenspieler. Aber das habe ich weggesteckt und gesagt: „Gut, dann probier ich es halt mal.“ Herberger hat gesagt: „Das ist der Mann wie bei uns Fritz Walter. Horst, Sie müssen immer bei ihm sein!“ Das habe ich gemacht. Es ist ganz gut gelungen.

Der Mythos Fritz-Walter-Wetter. Wie viel hat der Regen zu Ihrer Leistung beigetragen?
Beim Fritz hat es geholfen. Der war sensibel. Und deswegen war es gut, dass es geregnet hat. Da fühlte er sich wohler. Aber den übrigen Spielern war das egal.

In den Gruppenspielen hatte es eine 3:8-Klatsche gegen die Ungarn gegeben.
Da hatten wir aber nicht die beste Mannschaft auf dem Platz. Das war Herbergers Geheimplan. Er wollte die Stammspieler für das Entscheidungsspiel gegen die Türkei und das von ihm erwartete zweite Duell gegen Ungarn schonen. Wir haben mit der Niederlage gerechnet. Aber das wir so hoch verlieren mussten … Das war nicht so gut. Trotzdem hat das der Mannschaft nicht wehgetan. Denn wir wussten, dass wir die Chance zur Revanche bekommen werden. Das hatte uns Herberger immer gesagt.

Waren die Ungarn nach vier Jahren ohne Niederlage, dem Vorrundensieg und der 2:0-Führung im Finale überheblich?
Ja, und das hat man gemerkt. Nach dem 2:0 waren die schon Weltmeister. Als sie feststellten, „Hoppla, die Deutschen können auch Fußball spielen“, war es für sie vielleicht schon zu spät.

Es tauchen immer wieder Dopinggerüchte auf. Wie gehen Sie damit um?
Ich kann dazu nur sagen: Wir sind nicht gedopt worden. Hundertprozentig! Tausendprozentig! Wir haben nichts bekommen.

Wie hat sich Ihr Leben nach dem WM-Titel verändert?
Vorher kannte mich kaum jemand – außer in Kaiserslautern. Aber danach musste ich immer von der Weltmeisterschaft erzählen. Ich bin aber der Horst Eckel geblieben, der ich davor auch war.

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