„Das war wie Krieg“
Panik im Innenraum: Die Katastrophe mit 74 Toten im Fußballstadion von Port Said am 1. Februar 2012. Foto: imago

„Das war wie Krieg“

Die Katastrophe von Port Said / Emad Moteab war dabei und erinnert sich an das schreckliche Ereignis

Am 1. Februar 2012 sterben bei einem Fußballspiel zwischen Al Masry und Al Ahly in der ägyptischen Stadt Port Said 74 Menschen. Im Interview erinnert sich Al-Ahly-Profi Emad Moteab an die schrecklichen Ereignisse.

Herr Moteab, welche Erinnerungen haben Sie an die Ereignisse von 2012 in Port Said?
Das war wie Krieg, was da nach dem Spiel passiert ist. Ein Albtraum. Das Kuriose ist: Wir hatten schon bei der Anreise ein ungutes Gefühl.

Weshalb?
Weil sich in den Tagen vor der Partie gegen Al Masry einiges hochgeschaukelt hatte. Wir hatten von mehreren Seiten gehört, dass es im Stadion zu Unruhen kommen könnte. Aber natürlich hatte keiner gedacht, dass es so schlimm werden würde, dass ein Ägypter einen anderen Ägypter umbringen würde – nur wegen eines Fußballspiels.

Al Masry („der Ägypter“) gegen Al Ahly („der Nationale“) ist mehr als ein Fußballspiel. Die Fans beider Klubs können sich nicht leiden – vor allem aus politischen Gründen. Im Februar 2012 eskaliert dieser Konflikt. Bereits bei der Ankunft am Stadion werden Zuschauer aus Kairo von Zuschauern aus Port Said mit Steinen beworfen. Die Polizei guckt weg. Ein Jahr nach dem Sturz von Machthaber Hosni Mubarak ist die Sicherheitslage im Land völlig instabil. Fans von Al Masry können ungehindert Messer, Schwerter und Feuerwerkskörper ins Stadion bringen. Schon vor dem Anstoß stürmen Zuschauer das Spielfeld und schlagen aufeinander ein. Die Partie wird mit 30 Minuten Verspätung angepfiffen. Im Verlauf der ersten Halbzeit kommt es zu weiteren Ausschreitungen: Al-Masry-Fans bewerfen Al-Ahly-Fans mit Brandsätzen. Die Polizei guckt immer noch weg. Das Spiel läuft weiter.

Hätte man das Spiel nicht abbrechen müssen?
Natürlich! Die Situation im Stadion wurde mit jeder Minute bedrohlicher. Wir haben den Schiedsrichter einige Male gebeten, das Spiel abzubrechen. Aber er wollte es unbedingt zu Ende bringen. Mein Mitspieler Hossam Ghaly hat den Schiedsrichter zweimal lautstark aufgefordert abzupfeifen. Dafür hat er dann die Rote Karte gesehen.

Wie ist die Mannschaft mit der Situation umgegangen?
Es war eine merkwürdige Stimmung im Team. Wir haben zwar lange Zeit mit 1:0 geführt, aber irgendwann war uns völlig egal, ob wir dieses Spiel gewinnen oder nicht. Wir wollten nur noch, dass es endlich vorbei ist und die Leute nach Hause gehen können.

Sie saßen anfangs auf der Ersatzbank und sollten nach der Pause eingewechselt werden.
Richtig. Ich wollte auch unbedingt aufs Feld, aber mein Trainer hat mich nicht gelassen. Ich hatte kurz zuvor ein bisschen Ärger mit Zuschauern hinter der Auswechselbank gehabt. Der Trainer hatte Angst um mich und meinte, es wäre zu gefährlich. Im Nachhinein muss ich sagen: Er hatte recht.

Emad Moteab sitzt 90 Minuten auf der Bank. Das Spiel endet 3:1 für Al Masry. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff stürmen Hunderte Zuschauer den Platz, bewaffnet mit Messern, Schwertern und Eisenstangen. Sie machen Jagd auf Spieler und Fans von Al Ahly. Teile der Tribüne werden in Brand gesteckt. Die Spieler von Al Ahly flüchten in die Kabine. Fans von Al Ahly versuchen ebenfalls, das Stadion zu verlassen – doch die Ausgänge im Gästeblock sind versperrt. Im Stadion spielen sich schreckliche Szenen ab. Al-Ahly-Anhänger werden erstochen, erschlagen oder von der Tribüne gestoßen. Die Polizei greift kaum ein. Ist sie überfordert? Oder ist die Katastrophe von Port Said ein gesteuerter Racheakt des alten Regimes, so wie es viele Ägypter bis heute vermuten?

Nach dem Schlusspfiff herrschte Chaos im Stadion. Wie haben Sie reagiert?
Ich habe am Anfang gar nicht mitbekommen, was los ist. Ich dachte, da laufen mal wieder irgendwelche Bekloppten aufs Spielfeld. Ich bin mit meinen Kollegen in die Kabine gelaufen, und erst auf dem Weg dorthin habe ich realisiert, wie ernst die Lage ist. Ich hatte Angst.

Wie ging es weiter?
Fans unseres Klubs kamen zu uns in die Kabine. Sie bluteten und schrien um Hilfe. Also bin ich wieder rausgegangen, um zu helfen. Das war ein furchtbarer Anblick! Da lagen überall Tote und Verletzte. Also bin ich zurück in die Kabine, da haben wir uns dann eingeschlossen. Einige Spieler haben ihre Familienangehörigen angerufen. Verletzte Fans wurden von unseren Mannschaftsärzten behandelt. Drei Stunden nach dem Abpfiff wurden wir endlich mit Militärhubschraubern nach Kairo geflogen.

Am Tag danach wird in der ägyptischen Fußballliga der Spielbetrieb eingestellt – und erst zwei Jahre später wieder fortgesetzt. Sportlich geht es in dieser Zeit bergab am Nil. Die Nationalmannschaft Ägyptens, von 2006 bis 2010 dreimal in Folge Afrikameister, hat sich erst 2017 wieder für ein Turnier qualifiziert. „Port Said hat den ägyptischen Fußball verändert“, sagt Emad Moteab. Und auch sein Leben.

Sie haben noch am Abend der Katastrophe Ihre Karriere für beendet erklärt.
Richtig. Ich saß mit meinen Mannschaftskollegen Mohamed Barakat und Mohamed Aboutrika in der Kabine. Wir waren alle völlig fertig. Nach einem kurzen Gespräch haben wir dann beschlossen, aufzuhören. Auch aus Respekt vor den getöteten Fans.

Inzwischen spielen Sie aber wieder für Al Ahly. Warum?
Die Justiz hat die Täter zur Rechenschaft gezogen. Ich habe keinen Grund mehr gesehen, meine Fußballschuhe weiter in die Ecke zu legen. Das heißt jedoch nicht, dass ich diesen schrecklichen Tag vergessen habe.

Vergessen nicht, aber vielleicht verdrängt?
Auch nicht. Es gibt Momente im Leben, die bleiben für immer. Ich habe einen solchen Moment im Februar 2012 in Port Said erlebt, als ich die Toten im Stadion gesehen habe.

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