„Der Befund ist gut: Sie sind geheilt!“
Glücklich: Benjamin Köhler mit seiner Frau Marina. Foto: imago

„Der Befund ist gut: Sie sind geheilt!“

Fußballprofi Benjamin Köhler kämpft sich nach Krebsdiagnose eindrucksvoll zurück

Am 4. Februar 2015 erhält der Fußballprofi Benjamin Köhler (36) die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Sein Schicksal bewegt 
Fußballdeutschland, seinem Sohn Dian schwindelt er vor: „Papa hat nur ein bisschen Bauchschmerzen.“ Und dann war sie da, die böse Vorahnung. „Plötzlich stand ich in der Krebsstation“, erzählt Köhler, „ich dachte: Was soll das denn jetzt? Dann sah ich all die Krebspatienten. Langsam wurde mir bewusst, dass es auch mich erwischt haben könnte.“ Es hatte ihn erwischt. Mittlerweile ist er zurück auf dem grünen Rasen in Diensten von Zweitligist Union Berlin. Benjamin Köhler hat den Krebs besiegt. Doch die Angst, die ist geblieben.

Herr Köhler, wie haben Sie gespürt, dass Sie krank sind?
Ich hatte ein unwohles Gefühl im Bauch. Komischerweise immer abends. Tagsüber habe ich trainiert, ab 20 Uhr fing es an. Und es wurde immer schlimmer. Ohne die Tabletten, die ich mir jeden Tag reingeschmissen habe, hätte ich gar nicht mehr schlafen können.
Sie gingen zum Arzt.

Erst wurde vermutet, die Lymphknoten seien zu dick. Es gab weitere Untersuchungen, eine Vorahnung. Dann kam das Ergebnis der Gewebeproben.
Die Diagnose Krebs, die schlimmste Schocksekunde, die man sich vorstellen kann.
Ja. Am Anfang habe ich es mit dem Schlimmsten verbunden. Ich habe an den Tod gedacht. Ich war im dritten Stadium, die Metastasen waren in Brust und Bauch. Schnell habe ich den Entschluss gefasst, dass ich diese Krankheit besiegen werde!
Drei Tage nach der Diagnose. Köhlers Verein Union Berlin, der symbolisch Köhlers Vertrag verlängert, hat ein Heimspiel gegen Bochum. „Ich hatte geahnt, dass da etwas kommt. Der Verein wollte unbedingt, dass ich ins Stadion komme“, sagt Köhler. Es sind Szenen, die Fußballdeutschland bewegen. In der 7. Minute – die 7 ist Köhlers Rückennummer – unterbrechen beide Mannschaften plötzlich das Spiel. Köhlers Mitspieler laufen zur Haupttribüne, streifen sich Köhler-Trikots über und rollen ein Transparent aus: „Eisern bleiben Benny“. Köhler sitzt mit seiner Frau Marina auf der Tribüne – und weint, wie auch jetzt wieder.
Das war ein so trauriges Gefühl im Stadion. Du siehst diese tolle Aktion, aber du denkst nicht: Oh, schön. Cool, dass sie was machen. Du wirst konfrontiert: Ich habe eine scheiß Krankheit.

Sechs Chemotherapien haben Sie über sich ergehen lassen.
Die erste hat mich umgehauen. Vor jeder Chemo die Angst: Jetzt geht die Scheiße wieder los. Am ersten Abend bekam ich jedes Mal extreme Kopfschmerzen, war kaputt, müde. Am zweiten Tag fing es an, ich konnte nichts mehr essen, nichts trinken. Fünf, sechs Tage lang, dann bekam ich Heißhunger und habe auch schon mal zwei Pizzen verdrückt. Nach der ersten Chemo hatte ich zweimal so starke Bauchschmerzen, dass ich in die Notaufnahme musste.

Gab es den Moment, in dem Sie schlichtweg keinen Bock mehr hatten?
Ja. Ich habe nur zu Hause gehockt. Die Zyklen gezählt, die Tage zwischen den Chemos. Nach der vierten habe ich gedacht: „Immer noch zwei. Wie soll ich das überstehen?“ Die Heilungschancen lagen bei 80 Prozent. Aber 20 Prozent packen es eben auch nicht. Natürlich gab es Momente, in denen ich gezweifelt habe. Die letzten Wochen waren hart. Das Warten auf die Enduntersuchung. Dann hast du irgendwo im Körper ein Ziehen und denkst an das Schlimmste. Meine Mutter hatte dreimal Brustkrebs, das ist schon Jahre her. Noch heute hat sie ein mulmiges Gefühl, wenn sie zur Nachuntersuchung geht. Ich hoffe, dass sich das legt. Dass ich nicht mehr diese Sorgen habe. Im November muss ich hin.

Was haben Sie in den Tagen vor dem Therapiebefund gemacht?
Ich war eine Woche auf Ibiza mit meiner Frau. Ich hatte Bauchprobleme und habe immer nur gedacht: Da ist wieder irgendwas. Nach den Untersuchungen habe ich dann gesagt: „Können Sie bitte gleich mal gucken?“ Ich sollte am nächsten Nachmittag anrufen. Ich habe es nicht ausgehalten und morgens schon angerufen. Das Telefonat dauerte 30 Sekunden.

Wie lief es?
„Ich wollte wissen, ob der Befund gut oder schlecht ist.“ „Gut. Es sind keine aktiven Krebszellen mehr zu sehen. Sie sind geheilt.“

Worte, die Ihr Leben veränderten.
Ich konnte es nicht glauben. Die letzten Monate, die Angst, der Tod – und auf einmal soll alles weg sein. Ich bin zu meiner Frau, die auf der Terrasse saß. Sie war so stark in der ganzen Zeit. Nur einmal habe ich gesehen, dass sie geweint hat.
Haben Sie sich in der ganzen Zeit mal gefragt: Warum ich?
Gar nicht. Ich habe gesehen, dass es vielen Menschen schlechter geht. Mein Zimmernachbar, Mitte 20, hatte einen Gehirntumor, er muss eineinhalb Jahre Chemos machen. Er weiß nicht, ob es weggeht. Ob er überlebt. Die Kinder auf der Krebsstation – ich habe immer gedacht: Wenn das mein Kind wäre … Das war hart. Mir wurde übel.

Inwiefern hat die schlimme Zeit Sie verändert?
Das hört sich jetzt doof an: Ich genieße das Leben mehr. Wenn ich Freunde treffe, weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist. Ich freue mich auf jeden Tag. Viele Fußballer wissen ihr Leben nicht zu schätzen. Wir alle haben ein super Leben, können uns alles leisten, haben viel Freizeit. Klar, es gibt auch negative Punkte: Der Zeitraum, in dem wir Geld verdienen, ist kurz, wir können nicht oft feiern gehen, müssen aufpassen in der Öffentlichkeit. Trotzdem. Wir können uns nicht beschweren! Das erst durch so eine Krankheit so intensiv erfahren zu haben, ist eigentlich schade.

Ihr Sohn Dian ist acht Jahre alt. Weiß er, dass Sie Krebs hatten?
Nein. Ich möchte das nicht. Viele haben gesagt, ich soll ihm von Beginn an die Wahrheit sagen, weil Kinder das verarbeiten müssen. Ich weiß auch nicht, ich wollte das einfach nicht. Der ist so empfindlich. Ich habe gesagt: Papa ist ein bisschen krank, hat nur ein bisschen Bauchschmerzen, durch die Medikamente fallen die Haare aus. Das Wort Krebs wollte mir nicht über die Lippen. Ihn hat am meisten interessiert, wann ich wieder trainieren kann. „Wenn du deinen 7. Geburtstag hast“, habe ich ihm versprochen. (ringt mit den Tränen)

Sie haben Wort gehalten.
„Dein Papa ist wieder gesund“, habe ich ihm gesagt. Er hat das nicht wahrgenommen. Er weiß ja nicht, wie schlimm es war.

Spielt Dian Fußball?
Ich sage ihm, dass er jeden Tag Fußball spielen soll. Aber er war ein bisschen vergesslich. (schmunzelt) Zuletzt war er im Fußballcamp, den ganzen Tag. Dann kam er nach Hause und wollte weiterspielen. „Warum?“, habe ich ihn gefragt. „Du sagst das doch immer.“ Da wusste ich: Jetzt ist es bei ihm drin. (lacht)

Grübeln Sie noch oft?
Jeden Tag. Ich denke jeden Tag daran, bei jeder kleinen Beschwerde, bei jedem Zwicken. Auf meinem Geburtstag zuletzt war es ganz schlimm.

Was war?
Ich bin nachts wach geworden, hatte wahnsinnige Schmerzen und habe Blut gepinkelt. Was ist denn hier los, habe ich gedacht. Geht die ganze Scheiße von vorne los? Ich bin ins Krankenhaus gefahren, habe eine Infusion gegen die Schmerzen bekommen. Ich habe alle verrückt gemacht: meine Frau, meine Eltern. Dann kam der Arzt. Er musste lachen: „Nierensteine. Ganz normal, diese Schmerzen. Sie gehen wieder 
weg …“

Das Buch zur Serie! 50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 7 08 85 60 Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.