„Die Party war unfassbar“
Und hoch das Bein: Ole Gunnar Solskjaer (links) steht im richtigen Moment an der richtigen Stelle und trifft zum 2:1-Sieg. Foto: imago

„Die Party war unfassbar“

Fußball Champions-League: Ole Gunnar Solskjaer wird für die Bayern im Finale 1999 zum Albtraum

Im diesjährigen Finale streiten Real Madrid und Juventus Turin um die Krone im europäischen Fußball, doch das größte Drama eines Champions-League-Finals spielte sich vor 12 Jahren ab: 1999 schockt Ole Gunnar Solskjaer die Bayern in der letzten Sekunde des Spiels. Wir haben den Mann, der in einer Sekunde gleichermaßen zu Legende und Albtraum geworden ist, in Norwegen getroffen. Der 26. Mai 1999, Champions-League-Finale: Der FC Bayern geht früh durch ein Tor von Mario Basler in Führung, sehr lange sehen die Münchner wie der sichere Sieger aus. Doch dann nimmt Manchester Uniteds Trainer Sir Alex Ferguson zwei Wechsel vor, die dem FC Bayern die schmerzhafteste Niederlage der Geschichte einbringen sollten …

Herr Solskjaer, nehmen Sie uns noch einmal mit ins Camp Nou nach Barcelona. Es läuft die 93. Minute, noch steht es 1:1 – und dann werden Sie zur Legende.
Ich erinnere mich, als wenn es gestern gewesen wäre. Wir haben wieder Eckball, wie vor unserem Ausgleich eine Minute zuvor. Bayerns Verteidiger Samuel Kuffour weicht nicht von meiner Seite, zieht und zerrt an meinem Trikot. Plötzlich ist er einen Moment unaufmerksam, Teddy Sheringham gewinnt den Kopfball – und ich stehe einen Meter neben ihm völlig frei. Peng!

Die Sekunde des 2:1 für Manchester United, der K.o. für die Bayern!
Ich hatte Angst, dass ich im Abseits stehe. Als ich dann realisiert habe, dass der Treffer zählt, bin ich auf den Knien über den Rasen gerutscht, weil Mario Basler das nach dem 1:0 auch gemacht hatte. Davon war ich genervt. Plötzlich waren alle Spieler um mich herum. Sogar Andy Cole, für den ich auf den Platz gekommen bin. Der Wahnsinn! Soll ich Ihnen etwas verraten?

Ja, bitte.
Ich hatte eine Eingebung. Ich wusste, dass mir irgendetwas Spezielles gelingt in diesem Spiel. Ich habe mir mit unserem Verteidiger Jaap Stam ein Zimmer geteilt. Am Nachmittag vor dem Spiel sollten wir alle ein Nickerchen machen – Befehl vom Trainer. Doch Jaap hat so unfassbar laut geschnarcht, dass ich nicht schlafen konnte. Also habe ich aus Langeweile mit meinem besten Kumpel telefoniert und ihn gefragt, ob er das Spiel gucken würde. Er hatte eigentlich Nachtschicht, ich habe ihm gesagt, dass es eine großartige Nacht für mich wird und er unbedingt tauschen muss. Bereut hat er es nicht (lacht).

Sie haben Bayern die bitterste Niederlage der Vereinsgeschichte zugefügt.
Heute kann ich es ja sagen: Es war Glück! Glück, dass ich das Bein im richtigen Moment und im richtigen Winkel hochbekommen hatte. Ich habe dieses eine Tor Millionen Mal gesehen – den Rest des Spiels nicht einmal. Weil wir so schlecht waren (schüttelt den Kopf). Aber: Wir haben immer daran geglaubt, dass wir noch ein Tor schießen. David Beckham war der beste Standardschütze der Welt – darauf haben wir gehofft. Als wir dann tatsächlich das 1:1 gemacht haben, dachte ich mir: Fantastisch, ich darf 30 Minuten in der Verlängerung eines Champions-League-Finals spielen. Ich habe mich darauf gefreut. Und dann habe ich meine eigenen Hoffnungen ruiniert (lacht).

Nach dem Spiel haben United-Spieler die Stars des FC Bayern getröstet.
Alex Ferguson hat uns immer eingetrichtert, dass wir den Gegner respektieren müssen. In dem Spiel waren die Bayern klar besser, und sie hätten den Sieg verdient gehabt.
Jeder kannte Sie plötzlich aufgrund dieses Tores, dieser Sekunde. Wie sind Sie damit umgegangen?
Leute kommen heute noch zu mir und sagen, ich hätte für den besten Moment ihres Lebens gesorgt. Auch wenn die Männer immer anfügen, ich solle es niemandem erzählen, weil sie ja verheiratet seien und Kinder hätten (lacht). So ein Gefühl wie nach dem Finale 1999 werde ich wahrscheinlich nie wieder haben.

Die Party dürfte legendär gewesen sein – Sie waren zuvor schon Meister geworden und hatten den Pokal gewonnen!
Ja, die Party war unfassbar. Wir haben bis 10 Uhr morgens gefeiert. Ich habe keinen normalen Wodka getrunken, sondern immer einen dreifachen – wir hatten ja drei Titel gewonnen. Welch eine Nacht!

Bis 2007 haben Sie für United gespielt. Dann mussten Sie Ihre Karriere im Alter von 34 Jahren aufgrund einer Knieverletzung beenden.
Es begann schon viel früher, im August 2003 hatte ich mich verletzt. Ich habe über zwei Jahre gebraucht, bis ich wieder richtig fit war. Ich habe die besten Jahre meines Fußballerlebens verletzt verpasst. Beckham ist in dieser Zeit zu Real Madrid gewechselt und ich sollte sein Nachfolger werden. Dann habe ich mich verletzt und der Stern von Cristiano Ronaldo ging auf – von da an war der Weg versperrt.

Seit Ihrem Karriereende sind Sie selbst Trainer. Führen Sie Ihre Mannschaft so, wie Sie von Alex Ferguson geführt worden sind?
Er hat eine spezielle Art, wie er Spieler behandelt. Er kennt dich und deine Familie, er kümmert sich. Jeder wollte ihm das Bestmögliche dafür zurückgeben. Aber man fürchtete ihn auch. Wenn du nicht hart genug gearbeitet hast, war er hinter dir her.

Als Trainer haben Sie schon zwei Meisterschaften und einmal den Pokal in Norwegen gewonnen. Heute trainieren Sie Molde FK.
Das ist mein Herzensverein. Ich bin in Kristiansund, eine knappe Stunde entfernt, groß geworden und wohne dort. Außerdem habe ich das Gefühl, dem Verein etwas zu schulden. Er hat mich an Manchester United verkauft und mir die Möglichkeit gegeben, dort zu spielen.

Wo würden Sie gern mal arbeiten?
In Deutschland – ihr habt die gleiche Mentalität wie wir Norweger. Ich liebe den Fußball in Deutschland. Die Fans, die Stimmung, die Stadien – das ist super. Es geht um Fußball und nicht um die Inszenierung wie in Hollywood. Und ein bisschen Deutsch spreche ich auch. Die Vereine haben ein Nachwuchssystem, das ich bewundere. Guckt euch eure Weltmeister von 2014 an – welch eine Mannschaft!

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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