„Diego? – Das wird schwierig!“
Waren nicht auf einer Wellenlänge: Trainer Felix Magath (links) und sein brasilianischer Star Diego. Foto: imago

„Diego? – Das wird schwierig!“

Siegtorschütze im Europapokal-Finale der Landesmeister 1983, Vizeweltmeister 1986, Meistertrainer – Felix Magath hat den deutschen Fußball geprägt

Das Geschehen in der Fußball-Bundesliga betrachtet Meistertrainer Felix Magath mittlerweile aus mehreren Tausend Kilometern Entfernung. Seit Juni 2016 ist er Trainer des chinesischen Vereins Shandong Luneng. Warum er als prägendstes Erlebnis seiner an Titeln reichen Trainerkarriere den Abstiegskampf in der Saison 2010/11 nennt, erklärt der frühere Mittelfeldstar im Interview.

Herr Magath, welcher Moment war dieser eine in Ihrer Trainerkarriere?
Mein erstes Spiel mit dem VfL Wolfsburg 2011 beim VfB Stuttgart. Als ich damals zum zweiten Mal zum VfL kam, habe ich die Mannschaft auf Platz 18 übernommen. Ich erinnere mich genau, es war Mitte März. Ich hatte am Donnerstag angefangen, am Samstag hatten wir das Spiel.
Wie bitte? Sie haben als Trainer zweimal das Double geholt, sind mit Wolfsburg Sensationsmeister geworden, haben zahlreiche Rettungsmissionen hinter sich gebracht.

Warum denn dieses Spiel? Was passierte in Stuttgart?
Wir haben klasse gespielt, mussten höher als 1:0 führen. Grafite hatte kurz vor der Pause die Führung erzielt. Danach hatten wir dann noch zwei, drei Riesenchancen. In der 92. Minute fällt das 1:1. Das hat mir in diesem Moment einen richtigen Schlag verpasst. Mir hat es den ganzen Magen zusammengezogen. Das war richtig schmerzhaft. Ich wusste: Das wird schwierig. In diesem Moment war mir klar, dass der Abstiegskampf in dieser Saison bis zur letzten Sekunde gehen würde …

Kam Ihnen da nicht auch der Gedanke: Mensch, war das überhaupt die richtige Entscheidung? Sie waren nur zwei Tage nach Ende Ihres Jobs beim FC Schalke nach Wolfsburg zurückgekehrt.
Nein, man kann ja nicht in die Zukunft schauen. Es war nur dieses Gefühl und die Erkenntnis: Scheiße – jetzt müssen wir bis zur letzten Sekunde um den Klassenerhalt kämpfen. Das ist mir richtig in die Glieder gefahren.

Vor dem entscheidenden Spiel am letzten Spieltag in Hoffenheim kommt es zum Eklat. Weil Sie Spielmacher Diego, der aktuell seinen x-ten Frühling in Brasilien erlebt, nicht für die Startelf nominieren, flüchtet der aus dem Mannschaftsquartier. Sie gewinnen das Spiel mit 3:1 nach 0:1-Rückstand. War Ihre Nichtnominierung von Superstar Diego der Schlüssel zum Sieg und damit zum Klassenerhalt? Immerhin waren Sie zwischendrin für 21 Minuten abgestiegen.
Als ich nach Wolfsburg kam, habe ich mir Diego in den ersten Tagen und Wochen angeschaut und dann gesagt: „Das wird schwierig.“ Worauf VW-Vorstandschef Martin Winterkorn und Garcia Sanz, der Aufsichtsratsvorsitzende, zu mir sagten: „Herr Magath, probieren Sie es doch, versuchen Sie es mit Diego!“ Ich antwortete: „Okay, mache ich.“ Ich habe Diego dann auch immer wieder aufgestellt, aber weitergeholfen hat er uns nicht wirklich. Es ging nicht vorwärts. Und vor dem letzten Spiel habe ich mich gegen ihn entschieden. Wir haben vor dem Spiel in Hoffenheim in Mannheim übernachtet. In der Sitzung vor dem Spiel, gegen 13.30 Uhr, habe ich ein paar Worte gesagt und die Namen der elf Spieler an die Tafel geschrieben. Diego war nicht dabei. Als ich fertig war, den letzten Namen geschrieben hatte, hat es plötzlich hinter mir geraschelt, da war eine Unruhe. Ich habe mich umgedreht, ein Stuhl wurde zurückgeschoben. Diego ist aufgestanden und hat sich verabschiedet.

Fluchend? Oder wortlos?
Er hat wortlos den Saal verlassen. Dann war natürlich eine Aufregung unter den Spielern und Assistenten. Ich habe gesagt: „Ruhe, hinsetzen!“ Und dann meine Ansprache fortgesetzt. Danach sind wir zum Spiel gefahren – ohne Diego. Wir waren nur noch 15 Spieler.

Es gab keinen Kontakt mehr zu ihm?
Nein, es lief dann ohne ihn. Natürlich war die Sache mit Diego eine sehr schwierige Entscheidung. Das hat mich die Nacht gekostet und den nächsten Morgen bis zur Sitzung. Ich habe mich damit schwergetan, mir aber immer bewahrt, so zu handeln, wie ich es für richtig gehalten habe. Ob das nun in der Öffentlichkeit gut ankommt oder nicht.

Diego oder nicht Diego – das war so ein Härtefall. Am 34. Spieltag!
Ich glaube, dass wir mit Diego nicht gewonnen hätten in Hoffenheim. Er war ein Spieler, der nur für sich gespielt hat und nicht für die Mannschaft. Er hat seine unbestrittenen Fähigkeiten, sein Können aber leider nur für sich eingesetzt, nicht für andere. Fußball ist aber immer noch ein Mannschaftssport. So ein Spieler trägt nicht zur Homogenität einer Mannschaft bei, so ein Spieler ist eher dafür verantwortlich, dass eine Mannschaft auseinanderfällt – da kann er individuell noch so stark sein. Das kann er durch technische Kabinettstückchen nicht wettmachen.

Herr Magath, Sie haben auch als Fußballer Sachen erlebt, die für zwei, drei Profileben reichen. Was war diese eine Sekunde Ihrer Laufbahn als Spieler?
Puh, das ist schwierig (bläst die Backen auf, atmet tief ein und aus). Da muss ich mal überlegen.

Als Spieler standen Sie 1986 in Mexiko kurz vor dem WM-Triumph, gegen die Argentinier gab es kurz vor Schluss den K. o. zum 2:3, den Sie schon von der Bank aus erlebten. Oder war es Athen 1983, der goldene Schuss für den HSV zum Europapokal der Landesmeister?
Ja, das schon eher. Aber aus einem bestimmten Grund, der sicher erst einmal komisch klingt.

Erzählen Sie bitte.
Als ich jenes Tor gegen Juventus Turin geschossen habe, dachte ich mir in der Sekunde: „Oh, Mist! Zu früh!“ Das Ding war drin – und dann? Wie lange geht es denn noch? Das war ja in der neunten Minute der Partie.

War der Klassenerhalt mit Wolfsburg ein größeres Glücksgefühl als so mancher Titelgewinn, etwa mit den Bayern?
Für mich ist der Nichtabstieg bedeutungsvoller als eine Meisterschaft. Bei Bayern ist ein Titel ja sowieso selbstverständlich, aber auch der VfL Wolfsburg entwickelte sich dahin. Natürlich ist man im Stress, wenn man Meister werden will. Aber eigentlich hat man nichts zu verlieren, wenn man Zweiter wird. Klar, es ist nicht der erste Platz, aber eben auch nicht so schlecht. Und wenn du absteigst, bist du weg, eine Liga tiefer. Da hängt ja viel mehr dran, da geht es um viele Existenzen. Von daher war die Bedeutung eines Klassenerhalts für mich immer größer. Die Erleichterung ist viel größer als bei einer Meisterschaft. Da verlierst du eben im negativen Fall nicht so viel.

Ein bisschen gejubelt haben Sie schon.
Ja, klar. Aber nachdem ich realisiert hatte „Oh, Tor!“, kam das Bewusstsein: War das zu früh? Das war ein ganz spezieller Moment. Wir haben uns kurz gefreut, mehr aber auch nicht, sind dann zur Tagesordnung übergegangen, weil noch so lange zu spielen war. Dieses Tor hat den Rest des Spiels bestimmt: Wir alle hatten durch den Treffer genügend Luft, um noch mehr zu rennen und richtig dagegenzuhalten. Die richtige Erlösung kam erst mit dem Schlusspfiff.

War es mehr das Gefühl der Erleichterung oder des Triumphs?
Pure Erleichterung. Man darf sich eben nie zu sehr freuen nach einem Führungstor, das ist immer gefährlich. Wir haben damals in Athen am Ende nur noch auf die Uhr geschaut. Wie lange noch? Acht Minuten vor Schluss hatte ich die Chance auf die Entscheidung, auf das 2:0. Ich habe versagt, am Tor vorbeigeschossen.

War es als Spieler schöner, kurz vor Schluss – glücklich bis unverdient – zu gewinnen oder eine Partie souverän über die Zeit zu bringen?
Haben wir je ein Spiel glücklich gewonnen? Wir waren doch immer klar die bessere Mannschaft. (lacht) Lassen Sie mich mal überlegen. Gegen Frankreich 1982 bei der WM in Spanien, das war glücklich mit der Aufholjagd am Ende plus Elfmeterschießen. Oder das 1:0 gegen Marokko in Mexiko 1986 (WM-Achtelfinale – d. Red.). Mit dem Hamburger SV mal, 1980 im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister gegen Hajduk Split, da haben wir vielleicht Glück gehabt. Das Hinspiel endete 1:0 für uns, im Rückspiel waren wir schlecht, verloren 2:3. Das hat gereicht. Mein Gott, war das superglücklich. Wir haben zwei Tore gemacht – und wussten nicht wie und warum.

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