„Diese Euphorie war irre“
Jubel: Henning Fritz bei der WM 2007. Foto: imago

„Diese Euphorie war irre“

2007 wird die Handball-Nationalmannschaft Weltmeister / Ein Wintermärchen / Torhüter Henning Fritz erinnert sich

 4. Februar 2007 in Köln: Angetrieben von einem 20 000-Stimmen-Chor krönen Deutschlands Handballer eine Traum-WM mit Gold, bezwingen Polen im Finale mit 29:24 – und holen sich nach 29 Jahren wieder den Titel. Ein Wintermärchen, nach dem Fußball-Sommermärchen ein halbes Jahr zuvor. Im Schnitt schauten mehr als 16 Millionen Fernsehzuschauer zu. Einer der Handball-Helden ist Torhüter Henning Fritz. Er war Europameister, Olympia-Zweiter, Welthandballer des Jahres und krönte seine Karriere mit dem WM-Titel. Doch vor dem Turnier steckte er in einer Krise. Zehn Jahre nach dem Wintermärchen spricht der 42-Jährige über sein Burn-out, den WM-Rausch und warum das Halbfinale für ihn das Spiel mit der besonderen Sekunde ist.

Anmerkung der Redaktion: Autor Jens Kürbis (51) duzt Henning Fritz. Er darf das: Kürbis war Nationaltorwart (39 Länderspiele) und spielte von 1991 bis 1995 mit Fritz beim SC Magdeburg.

2007, die WM, welche Bilder schießen dir da spontan durch den Kopf?
Die vom Weg zum Finale – die haben sich bei mir eingebrannt. In Wiehl sind wir vom Hotel kaum zum Bus gekommen, der Vorplatz war voller Menschen. Dann die Straßen, sie waren links und rechts gesäumt von Menschen. Und auf der Autobahn, da haben uns die Fans in ihren Autos überholt, auf dem Seitenstreifen angehalten, nur um zu winken. Das war schon etwas Außergewöhnliches, was ich so noch nicht erlebt hatte. Auch das riesige Fahnenmeer in Schwarz-Rot-Gold in der Köln-Arena und dass wir unsere Pressekonferenzen live auf fast allen Kanälen verfolgen konnten. Diese Handball-Euphorie war irre.

Zuvor gab es das Halbfinale gegen Frankreich, den Titelfavoriten …
Das sind die Spiele, die man sich als Sportler wünscht. Und wenn die nach zwei Verlängerungen mit 32:32 positiv ausgehen, ist das etwas Besonderes. Erst recht, wenn man noch so mitten im Zentrum steht.

Gab es da diesen Moment, die eine Sekunde, den entscheidenden Ball, den du nie vergessen wirst?
Na klar, den Wurf von Daniel Narcisse. Den letzten des Spiels. Ich kannte sein Wurfbild (Fritz und Narcisse waren zusammen beim THW Kiel aktiv, d. Red.), habe mich darauf verlassen. Ich sehe alles noch vor mir: den Freiwurf, wie Daniel nach links wegspringt, attackiert wird, wirft, so, wie ich es wollte, in meine linke untere Ecke. Ich bin runter. Der Ball springt von meinem Fuß hoch. Gehalten. War ja auch nicht mehr ganz so viel Dampf dahinter, eine lösbare Aufgabe.

Und dann?
Fernandez hechtet sich in den Kreis, kriegt den Ball, aber nicht richtig. Ich hab’ den Ball wieder, guck zum Schiri. Der zeigt: Das Spiel ist aus. Dann bin ich mit dem Ball losgerannt, einfach nur gerannt.

Hast du ihn noch?
Ja. Er ist zu Hause in der Vitrine.

Warum bist du losgerannt?
Ich wollte allen zeigen, wir haben es geschafft. Das war wie eine Erlösung. Da ist alles abgefallen, der ganze Druck, die Anspannung, alles. Das Gefühl, im Finale zu stehen, war etwas ganz Großes. Unsere gute WM wäre nicht vollkommen gewesen, wie ein unfertiges Bild. Dass ich dann von den Jungs noch durch die Arena getragen wurde, war ein bewegender Moment. Den habe ich nur noch genossen. Auch wenn das nicht ganz einfach war. Mir wurde eine Deutschland-Fahne in die Hand gedrückt, den Ball wollte ich aber auch nicht hergeben. Ist ja klar, jeder sucht da ein Souvenir.

Und dann kam das Finale …
Das lief eigentlich gut. Wir hatten Polen im Griff. Und dann kam die 35. Minute. Da ist mir bei einer Abwehraktion der Muskel in der rechten Wade gerissen. Ich hatte an der Wade schon die ganze WM über Probleme. Im ersten Moment waren da nur Schmerzen. Als ich auf der Bank saß, sah, wie das Spiel kippte, dachte ich, wegen dieser Scheißverletzung geht alles den Bach runter. Ich hatte Panik, konnte ja nicht mehr eingreifen, war machtlos. Aber Jogi Bitter hatte dann seinen Wachmacher, einen Kopftreffer. Ab da hat er wichtige Bälle gehalten. Und nach dem Sieg gab es kein Halten mehr. Die besondere Sekunde war für mich aber der Schluss des Halbfinales. Auch im

Rückblick. Viele sprechen mich noch heute auf dieses Spiel an, dass sie aus dem Zimmer gehen mussten, es vor Spannung nicht ausgehalten haben.
Dabei war deine Situation vor der WM alles andere als rosig. Es war eher eine dunkle Zeit.
Und die begann ausgerechnet nach meiner Ehrung zum Welthandballer. Mitte 2005 habe ich gemerkt, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmt. Die Vorbereitung war eine Katastrophe. Kurzatmig, nicht leistungsfähig. Ich war nach zwei Runden Joggen fix und fertig. Das war irritierend. Ich hatte plötzlich Bewegungseinschränkungen, konnte den Ball nicht anvisieren.

Hast du dir Hilfe geholt?
Ich habe viel probiert, es aber letztlich mit mir selbst ausgemacht, es auch anfangs nur meiner Frau erzählt. Das ist keine Thematik, mit der man an die Öffentlichkeit geht. Bis dahin habe ich immer gesagt: Der Körper streikt? Das gibt es nicht.

Und dann kamen die Probleme im Verein dazu …
Weil ich die Leistung nicht mehr gebracht habe, hat der THW Thierry Omeyer nach Kiel geholt. Da war klar, wohin das läuft. In der Halbserie vor der WM habe ich gar nicht mehr gespielt, musste auf die Tribüne. Aber zum Glück hat der Heiner (Bundestrainer Brand, d. Red.) an mich geglaubt. Und ich habe den Kontakt zu Dr. Conradi gefunden.

Du meinst den Neuro-Coach aus der Nähe von Lemgo und seine Therapie?
Ja. Die Therapie ist schallmodulierte Musik, die das autonome Nervensystem in Balance bringt. Durch die Musik bin ich wieder in den Tiefschlaf gekommen, konnte regenerieren und sportlich ging es wieder nach oben. Erst ganz oben, dann der Fall, die Krise – da lernt man alles besser schätzen. Seitdem gehe ich bewusster mit mir und anderen Dingen um, bin demütiger.

Was machst du heute?
Ich wohne mit meiner Familie in Östringen bei Heidelberg, bin Handball-Experte bei Sky, Torwarttrainer beim Deutschen Handballbund. Und dann bin ich noch bei ein, zwei Projekten beteiligt.

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