„Du kannst nicht ohne Drama“

„Du kannst nicht ohne Drama“

Kult-Fußballtrainer Jürgen Klopp im Interview

Es sind die Rückschläge, die Jürgen Klopp stark gemacht haben. In Mainz hat er sie erlebt, bei Borussia Dortmund ebenfalls. Entstanden sind jeweils große Erfolgsgeschichten – eine davon endet sogar mit der Meisterschaft. Mittlerweile ist Klopp Trainer beim FC Liverpool – und führt den englischen Traditionsklub zurück zu alter Stärke. Ein Gespräch über besondere Momente, die ersten Tage danach – und die Anfänge einer einzigartigen Trainerkarriere, die am Rosenmontag begann.

Herr Klopp, ziehen Sie als Trainer besondere Momente an?
Wir haben es schon ausgereizt, das kann man so sagen. (lacht) Freunde meinen immer: „Du kannst nicht ohne Drama!“

Was war die größte Sekunde Ihrer Trainerkarriere?
Dieser Moment, als Nobby Dickel 2011 geschrien hat: „Mach mich hoch! Mach mich hoch!“ Als er am 32. Spieltag über die Stadionlautsprecher im Signal Iduna Park das 2:0 für Köln gegen Leverkusen angesagt hat und klar war, dass wir mit Borussia Dortmund das erste Mal Meister werden. Ganz, ganz speziell. (überlegt) Ganz speziell war auch der Moment in Mainz 2004: Wir stehen alle auf dem Platz, das Spiel in Karlsruhe läuft noch – und einer schreit: „Das Spiel ist aus. Das Spiel ist aus!“ Da wussten wir, dass wir aufgestiegen sind.

Lassen Sie uns einsteigen mit dem Beginn Ihrer Trainerkarriere im Jahr 2001. Mainz-Manager Christian Heidel hatte Ihnen als Spieler gesagt: „Du bist der Bestverdiener in der Mannschaft.“
„Mehr geht nicht, Kloppo, mehr geht wirklich nicht. Du bist der Bestverdiener, mehr können wir dir nicht geben.“ Christian Heidel war damals und ist heute einer meiner besten Freunde. Nachdem ich als Trainer einen Einblick in die Spielergehälter bekommen hatte, musste ich ihm allerdings sagen: „Du bist ein schönes Arschloch.“ (lacht)
Wie kam es zu Ihrer Beförderung vom Spieler zum Trainer?
Ich wollte immer Trainer werden. Aber das war nicht leicht. Ich hatte nicht genug Geld, um in der fünften Liga anzufangen mit dem Risiko zu scheitern. Dann kam Christian Heidel am Rosenmontag auf die verrückte Idee, mich zum Trainer zu machen. Dazu gibt es eine lustige Anekdote, heute kann ich sie erzählen – zumal ich zu Eckhard Krautzun nach wie vor ein überragendes Verhältnis habe.

Bitte.
Wir haben am 23. Spieltag gegen Fürth verloren, der Abstieg war gefühlt besiegelt. Eckhard Krautzun ist mit uns ins Trainingslager gegangen. Dort hat er eine Sitzung einberufen, die Vertrauensfrage gestellt und ist rausgegangen. Wir haben diskutiert. Die anderen meinten: „Kloppo, du sagst es ihm.“ Na super, dachte ich. Er kommt rein: „Und?“ „Trainer … nee.“ Nach einer kurzen Pause sagt er: „Alles klar. Morgen früh, 10 Uhr, Training.“ Legendär.

Wie ging es weiter?
Eckhard wollte am nächsten Morgen eine Pressekonferenz einberufen: „Alle alten Spieler raus, wir ziehen das mit den jungen durch!“ Der Pressesprecher hat Christian Heidel angerufen: „Christian, der Trainer will eine Pressekonferenz einberufen, in der er sagt: Alle alten Spieler raus.“ Christian antwortete: „Wir geben eine Pressekonferenz, in der wir sagen, dass wir den Trainer rausschmeißen.“ Ich war gerade beim Spaziergang, als mein Handy klingelte. „Kloppo, wir schmeißen Eckhard raus. Kannst du dich auf die Bank setzen?“ Ohne nachzudenken habe ich gesagt: „Ja, aber dann spiele ich nicht mehr.“ „Alles klar.“ Plötzlich war ich Trainer – von einer Sekunde auf die andere.
Sie haben in zwölf Spielen noch die Klasse gehalten und dann zwei Jahre in Folge den Aufstieg in letzter Sekunde verpasst.
Das Gefühl braucht kein Mensch. Das waren die schwärzesten Momente, die man erleben kann. Viel schlimmer als ein verlorenes Finale, von denen ich auch einige erlebt habe. Das hatte etwas von Lebenstraum-Klauen. Beim ersten Mal haben wir gedacht: „Das war die Chance unseres Lebens. Die kommt nie mehr wieder.“ Das war extrem hart. Und ich dachte: „Ich Idiot habe die bis zum Thron geführt und dann doch noch weggezogen.“ Ich fühlte mich total schuldig in dem Moment, was Quatsch war – aber ich hatte dieses Gefühl. Am nächsten Tag wurden wir in Mainz empfangen, von 10 000 Leuten, und haben zusammen die zweitgrößte Nichtaufstiegsfeier aller Zeiten gefeiert. Die Fans gaben uns das Gefühl: „Okay, das war so cool, das wollen wir noch mal machen.“ Dann haben wir es noch mal probiert, scheitern noch mal – diesmal fehlte am letzten Spieltag nur ein Tor –, kommen nach Hause und feiern die größte Nichtaufstiegsfeier aller Zeiten.

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