„Es war wichtig, die Reißleine zu ziehen“
Trat auf Schalke als Trainer zurück, als er das Erschöpfungs-syndrom erkannte: Ralf Rangnick. Foto imago

„Es war wichtig, die Reißleine zu ziehen“

Er hat den Erfolg quasi gepachtet – kennt aber auch die Schattenseiten des Profisports: Ralf Rangnick im Interview

Vor fünf Jahren trat Ralf Rangnick überraschend als Trainer auf Schalke zurück – wegen eines Burn-outs. Heute ist „Mister Aufstieg“ der Erfolgsmacher von RB Leipzig. Ein Interview über die besonderen Momente einer besonderen Karriere. RB Leipzig war in dieser Saison Bayern-Jäger. Unglaublich. Als Aufsteiger. Die Euphorie in Leipzig? Riesig! Das Stadion fast immer ausverkauft. Denn dieser Aufsteiger hat Spaß gemacht. Der Erfolg hat dabei einen Namen: Ralf Rangnick. Er führte RB in die Bundesliga, verpflichtete mit Ralph Hasenhüttl den idealen Trainer und stellte eine Mannschaft zusammen, die alle überrascht. „Leistung ist planbar“, ist sein Credo. Sein Saisonziel – „eine sorgenfreie Saison“ – war zwar lange bescheiden, Rangnicks Motto lautet jedoch: „Wir spielen immer auf Sieg – egal gegen wen.“

Herr Rangnick, Sie haben die Lizenz zum Aufsteigen. Den SSV Ulm führten Sie als Trainer von der dritten in die zweite Liga, Hoffenheim zehn Jahre später in die erste Liga. Zwischendrin brachten Sie Hannover 96 zurück ins Oberhaus. Und zuletzt gelang mit RB Leipzig in drei Jahren der Durchmarsch von der dritten in die erste Liga.
Heute bereue ich den Weggang aus Ulm, ich hätte dort bleiben sollen – so ist mir dieser Moment, dieses Erlebnis des Aufstiegs auf der Trainerbank leider verwehrt geblieben. Das war eine außergewöhnliche Truppe. Uns hatte damals in der zweiten Liga keiner auf dem Zettel. Der Fernsehsender Premiere hatte sogar vergessen, uns vor der Saison als Aufsteiger vorzustellen.

Bitte verraten Sie uns: Was geht in der Sekunde des Aufstiegs, in dem Moment, in dem der Schiedsrichter abpfeift, in einem Trainer vor?
Das ist unbeschreibliche Freude gepaart mit einem hohen Maß an tiefer Zufriedenheit. Man hat schließlich das ganze Jahr Tag für Tag auf dieses große Ziel und auf diesen Augenblick hingearbeitet.

Nicht nur bei Ihren Aufstiegen haben Sie außergewöhnliche Momente erlebt – welche Person hat den Trainer Rangnick am nachhaltigsten geprägt?
Als junger Trainer hatte ich in Deutschland nicht wirklich Trainer, an denen ich mich hätte taktisch orientieren können. In puncto Strategie und Taktik war Deutschland nie ein Vorbild für andere Nationen. Bei uns waren eher die deutschen Tugenden gefragt: „Ihr müsst Gras fressen.“ „Gegen die hast du erst gewonnen, wenn du im Bus sitzt.“ Bis zum Jahr 2000 waren wir in Deutschland nicht gerade dafür bekannt beziehungsweise gar Vorreiter, mit einem klaren Matchplan, mit einer ausgetüftelten Taktik zu spielen. Darum blieb mir nichts anderes übrig, als Autodidakt zu sein und mich im Ausland weiterzubilden. Arrigo Sacchi (ehemaliger Nationaltrainer Italiens, Anm. d. Red), Walerij Lobanowski (ehemaliger Nationaltrainer der Ukraine und der UdSSR, Anm. d. Red.) und vor allem Helmut Groß (Vorreiter der ballorientierten Manndeckung und sein Mentor – d. Red.) haben mich inspiriert und geprägt.

1998 hatten Sie einen epochalen Auftritt im „Sportstudio“. An der Taktiktafel erklärten Sie den Zuschauern den Ulmer Erfolgsfußball; eine Legende besagt, dass sogar die Frau vom damaligen Nationaltrainer Erich Ribbeck auf dem heimischen Sofa gesagt haben soll, dass sie es jetzt auch endlich verstehe. Der Fußballprofessor Ralf Rangnick war geboren.
Nicht ganz, den Professor gab es in Wahrheit schon etwa ein halbes Jahr vorher. Premiere hat eine Woche lang in Ulm gedreht. Sie haben mich ins Einstein-Museum geschleppt, auf das Ulmer Münster gebeten – und auf dem Platz gefilmt, wie ich Hütchen aufgestellt und meiner Mannschaft an der Tafel etwas erklärt habe. Danach haben sie drei meiner Spieler gebeten, „Professor“ in die Kamera zu sagen – und haben das zwischen den einzelnen Sequenzen eingeblendet. Ab diesem Moment hatte ich den Beinamen Professor.

Der Sie ärgert oder ehrt?
Es gibt Schlimmeres, als Professor genannt zu werden. Wir waren der Zeit damals einfach schon 15 Jahre voraus. Heute stehen doch alle möglichen Experten an Videowänden und erklären Spielzüge. Das Besondere war, dass ich damals ein No-Name-Trainer war, der gerade erst ein halbes Jahr im Profifußball tätig war.
Würde denn Ihr Matchplan, den Sie an der „Sportstudio“-Tafel erklärt haben, heute noch greifen?
Im Spiel gegen den Ball ja. Das ballorientierte Verteidigen und Überzahlschaffen war damals noch die absolute Ausnahme.

War der Sieg über das Erschöpfungssyndrom Ihr größter?
Es war zuallererst einmal wichtig, das zu erkennen und die Reißleine zu ziehen – das war nicht leicht, ich hatte ja noch dreieinhalb Jahre Vertrag auf Schalke. Im normalen Leben kann man sich krankschreiben lassen, in Kur gehen und dann zurückkehren – als Bundesligatrainer ist das nicht möglich. Ich wusste nie, wohin mit meiner Energie – und plötzlich hatte ich gar keine mehr. Das war für mich nicht einfach zu verstehen. Alle leistungsrelevanten Werte waren im Keller.

Wie haben Sie das erstmals gemerkt?
Schon am Ende meiner Hoffenheimer Zeit waren rückblickend erste Signale da. Eine Auszeit allein hätte wohl nicht gereicht. Solange du nicht grundsätzlich etwas änderst, nützt das nichts.

Machen Sie Sport?
Es gibt Läufer, die beim Joggen Glückshormone ausschütten. Zu denen gehöre ich nicht. (lacht) Ich jogge, weil ich weiß, dass es meinem Körper guttut. Ich achte bewusster auf meine Ernährung. Und ich schalte auch immer wieder mal mein Handy aus.

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