Hilfe für Papierlose
Gesundheit ist ein Menschenrecht: Katrin Volkenand engagiert sich mit dem Projekt „Anonymer Krankenschein“ für eine bessere medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere. Foto: Triller

Hilfe für Papierlose

„Anonymer Krankenschein“ sichert Versorgung

Linden-Nord (bt). Wer krank ist, geht zum Arzt. Mit Versichertenkarte ist das kein Problem. Aber was tun Menschen, die keine Versichertenkarte haben? Weil sie sogenannte „Papierlose“ sind. Papierlose haben keine Krankenversicherung und meist auch kein Geld, um einen Arzt zu bezahlen. Sie sind illegal zugewandert, ihr Aufenthaltsstatus ist nicht gesichert. Wenden sie sich in ihrer Not an die Behörden, sind diese verpflichtet, ihre Daten weiterzuleiten. „Das bedeutet, dass die Menschen nicht zum Arzt gehen, weil sie Angst vor Abschiebung haben“, sagt Katrin Volkenand. Die zweiunddreißigjährige Pädagogin und Gesundheitswissenschaftlerin ist Leiterin des Projektes „Anonymer Krankenschein“.

Gesundheit ist ein Menschenrecht: Katrin Volkenand engagiert sich mit dem Projekt „Anonymer Krankenschein“ für eine bessere medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere. Foto: Triller

Gesundheit ist ein Menschenrecht: Katrin Volkenand engagiert sich mit dem Projekt „Anonymer Krankenschein“ für eine bessere medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere. Foto: Triller

Das bundesweit einmalige Projekt fußt auf einen Beschluss des niedersächsischen Landestages im Jahr 2014. Für bedürftige Menschen ohne Aufenthaltsstatus sollte eine alltagstaugliche Lösung in der medizinischen Versorgung auf den Weg gebracht werden, die niemanden ausschließt. Seit Dezember 2015 ist das Projekt mit einer Laufzeit von drei Jahren am Start. Zwei Vergabestellen wurden eingerichtet: In Göttingen und in Hannover. Volkenand leitet das Büro in Hannover mit Sitz im Freizeitheim Linden. „Unser Angebot ist kostenlos, freiwillig und anonym“, betont Volkenand. Ihre Aufgabe ist es, sowohl die Papierlosigkeit des Ratsuchenden als auch seine Mittellosigkeit festzustellen. Wer ein Smartphone besitze, so Volkenand, sei nicht mittellos. Sie fragt nach den medizinischen Problemen, vermittelt Arzttermine und begleitet die Patienten in die Praxen. Volkenand spricht Englisch und Spanisch, bei Bedarf zieht sie einen Dolmetscher hinzu. Bisher hat sie rund 22 Krankenscheine ausgestellt. Über die Krankenscheine können ambulante und klinische Behandlungen abgerechnet werden. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist hochgradig organisiert, sagt Volkenand. Das sei für Papierlose schwierig. So müsse bei der Aufnahme eines Patienten die Versichertennummer vorliegen und wird ein Mutterpass ausgestellt, muss die Frau ihren Namen angeben.
Das Land Niedersachsen fördert das Projekt pro Jahr mit 500.000 Euro. Wenig Geld, sagt Volkenand. Eine Operation könne teuer sein und eine Geburt bis zu 2000 Euro kosten. „Wir wissen nicht, wann das Geld aufgebracht ist“. Die Zahl der Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, ist nicht bekannt. Im Jahr 2014 sollen es etwa 200.000 bis 500.000 Menschen gewesen sein. Steigt die Zahl der abgelehnten Asylanträge, so die Vermutung, steigt auch die Zahl der „Illegalen“. Eine Kritik an dem Projekt „Anonymer Krankenschein“ sei, sagt Volkenand, dass öffentliche Gelder für Menschen eingesetzt werden, die offiziell ausreisepflichtig und „eigentlich gar nicht da sind“. Volkenand weist auf die Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen: Laut Artikel 25 sei der Anspruch auf ärztliche Versorgung ein Menschenrecht. Nach wenigen Monaten Projektlaufzeit zieht Volkenand eine erste Bilanz. In dem Modellprojekt, sagt sie, könne man viel bewegen und ein Beispiel für vergleichbare Vorhaben in anderen Städten sein. Allerdings erreiche man mit dem Angebot längst nicht alle Betroffenen. Viele Arbeiten im Projekt seien, so die Erfahrung von Volkenand, ‚Learning by doing‘.

Kontakt:
Anonymer Krankenschein, Gesundheitsversorgung für Papierlose,

Windheimstraße 4 (im FZH Linden),

Telefon (0511) 92 06 61 94,

E-Mail hannover@anonymerkrankenschein.de.

Auf Wunsch wird auch eine Legalitätsberatung vermittelt.

 

Zu diesem Artikel veröffentlichen wir eine Richtigstellung von  Katrin Volkenand

1) Es geht bei dem Modellprojekt nicht darum, Menschen ohne Krankenversicherungskarte zu versorgen. Davon sind weitaus mehr betroffen, als die Gruppe, die wir gem. Auflagen durch das Sozialministerium versorgen dürfen, umfasst. Denken wir nur einmal an Obdachlose, die nicht in den „Genuss“ eines Anonymen Krankenscheins kommen. Entscheidend ist, dass die Menschen, die durch das Projekt einen leichteren Zugang zur medizinischen Versorgung erhalten können, einen undefinierten Aufenthaltsstatus haben. Dabei ist es keineswegs so, dass alle -wie von der Autorin geschrieben- illegal zugewandert sind. In dem Vortrag, auf dem der Artikel basieren soll (es war, anders als aus dem Artikel zu vermuten, kein Interview), erläuterte ich „Wege in die Illegalität“. Die illegale Zuwanderung ist eine Möglichkeit, aber bei weitem nicht die einfachste oder häufigste. Auch Menschen, die „legal“ eingereist sind oder gar längere Zeit sich „rechtmäßig“ im Bundesgebiet aufhalten, können aus unterschiedlichen Gründen dieses Aufenthaltsrecht verlieren und somit in den Personenkreis der hier angesprochenen rutschen.

2) Ich bin nicht die Leiterin des Projektes, sondern die Leiterin der Anlauf- und Beratungsstelle. Geleitet wird das Projekt von einem Verein, namens Gesundheitsversorgung für Papierlose e.V. Leider erscheint es in dem Artikel so, als sei ich eine „Heldin“. Ich bin für die Umsetzung des Projektes angestellt, aber nicht die Leiterin des gesamten Projektes. Im weiteren Verlauf wurde das ja auch so beschrieben.

3) Das Zitat, „wer ein Smartphone besitzt, ist nicht mittelos“, stammt definitiv nicht von mir, noch weniger spiegelt es die Meinung der für das Projekt tätigen Personen. Ich kann mir nicht erklären, wie es im Kontext eines solchen Artikels zu einer solch absurden Idee kam, dass der Satz aus meinem Mund gekommen ist.

Zur Aufklärung:

Die Diskussion um Mittellosigkeit und Bedürftigkeit von MigrantInnen ist immer wieder Zündstoff für sog. „besorgte BürgerInnen“ und Personen mit rechts-konservativer Gesinnung. Die wirtschaftliche Situation am Besitz eines Smartphones festzumachen, ist (ich spreche hier im Namen des Vereins und in meinem persönlichen) völlig absurd. Ich muss hier keine Verkaufspreise nennen, die dies bestätigen, weise nur darauf hin, dass im Rahmen der Mittellosigkeitsprüfung hier vor Ort jede einzelne ratsuchende Person befragt wird. Ich weise darauf hin, dass dies  für viele bedeutet, sehr private mitunter unangenehme Informationen preiszugeben. Das kennen Sie sicher auch; wir „Deutschen“ sind dafür bekannt, dass wir ungern erzählen, wie viel wir verdienen oder auf dem Konto haben. Smartphones gehören heutzutage zu den Grundkommunikationsmitteln und sind vor allem für jene Personen wichtig, die ihre Familie nicht in unmittelbarer Nähe haben. Insofern: Denken Sie einmal nach, ob der Satz wirklich als Zitat von mir Sinn macht oder ob sich die Autorin vielleicht einfach verhört hat oder nur die Kritik aufgeschnappt hat und dann aber als von mir geäußert gedeutet hat.

4) Da ich schon dabei bin, werde ich auch weitere Zeilen kommentieren:

Das hochgradig organisierte Gesundheitssystem ist nicht nur für „Papierlose“ schwierig. Auch hier wurde die Aussage aus dem Kontext gerissen. Der Aufbau, die Planung und die Umsetzung eines solchen Modellprojektes, so meine Aussage, ist unter anderem von der Schwierigkeit geprägt, Menschen ohne „Papiere“ in ein mit „Daten, Nummern und Karten“ geschmücktes System zu integrieren, ohne dabei rechtliche Vorgaben zu missachten und gleichzeitig allen Beteiligten gerecht zu werden.

5) Die Kritik, der wir uns aussetzen mussten, (öffentliche Gelder für „illegalisierte“), ist, anders als im Artikel dargestellt, gewiss nicht meine Meinung. Ich möchte hierbei daran erinnern, dass auch die Sozialämter, die es vor Projektbeginn taten und nach wie vor Behandlungsscheine für „undokumentierte“ ausstellen, auch öffentliche Mittel verwenden. Selbst der bei dem Vortrag anwesende CDU Vertreter, dessen Namen ich leider nicht mehr weiß, verwies auf die Höherwertigkeit des Menschenrechts! Im Übrigen haben Menschen, deren medizinische Versorgung durch den Fonds gedeckt werden kann, (leider) nur Anspruch auf sehr wenige Leistungen (§4 AsylbLG).

6) Die Legalisierungsberatung ist ein Kooperationsprojekt und wird von kargah.ev durchgeführt. Die Formulierung „auf Wunsch“ ist da nicht treffend. Unser Auftrag ist es, allen Menschen, die Möglichkeit der Legalisierungsberatung aufzuzeigen. Ich sehe den Begriff „Wunsch“ nicht als den besten und schade, dass kargah.ev. als Kooperationspartner nicht erwähnt wurde, hatte ich doch in dem Vortrag eine extra Folie hierzu gezeigt.

7) Ich bin mir bewusst, dass ein Gesicht immer gerne abgedruckt wird, doch drückt das Foto hier etwas aus, was ich im Rahmen des Vortrags nicht ausgedrückt habe. Das Foto entstand neben einem Aufsteller mit Vereinslogo. Schön wäre es gewesen, mich in Verbindung mit der Aufgabe abzulichten.

8) Und last but noch least: Ein Modellprojekt ist, wie der Name schon sagt, ein modellhaftes Vorhaben, in dem vieles neu ist. Dennoch finde ich den Satz „viele Arbeiten seien learning bei doing“ nicht gut formuliert und auch hier wurde ein Zitat aus dem Kontext entfernt.

„Learning by doing“ verwandte ich als Resümee aus den Monaten der Vertragsverhandlungen mit Abrechnungsstellen, Entwurf der Krankenscheine und sonstiger organisatorischer Schritte. Das galt dabei nicht ausschließlich oder vornehmlich für die Arbeit hier vor Ort, sondern im Grunde für alle Beteiligten, von Ministerium über Abrechnungsstellen bis hin zu Leistungserbringern….

Katrin Volkenand

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