„Ich bin mit Anlauf reingehechtet“
Schnell in Deckung: Der Gladbacher Herbert Laumen (rechts im Netz) schaut gebannt auf den einknickenden Pfosten neben Werder-Keeper Günter Bernard (Mitte). Foto: imago

„Ich bin mit Anlauf reingehechtet“

Fußball: Gladbachs Herbert Laumen schreibt am 3. April 1971 im Spiel gegen Werder Bremen unbeabsichtigt Geschichte

Borussia Mönchengladbach gegen Werder Bremen – ein Klassiker in der Fußball-Bundesliga. Und wie immer wünschen sich die Zuschauer, dass viele Tore fallen. Allerdings nicht im wahrsten Sinne, so wie einst im April 1971 als der Torpfosten brach.

Herr Laumen, Borussia Mönchengladbach gegen Werder Bremen am 3. April 1971. Für Borussia geht es im Saisonendspurt noch um die Meisterschaft, für Werder hingegen um nichts mehr. Da war ein Sieg wohl fest eingeplant?
Ja sicher, wir wollten unseren Titel verteidigen. Die Bayern saßen uns im Nacken. Aber zwei Minuten vor Schluss stand es nur 1:1 …

Und dann fliegt die Flanke von Günter Netzer in den Fünfmeterraum, wo Sie lauern. Doch nicht der Ball landet im Netz, sondern Sie!
Ich bin mit Anlauf reingehechtet, doch der Bremer Torwart Günter Bernard hat den Ball übers Tor gelenkt. Ich hatte so viel Schwung, dass ich mit voller Wucht ins Netz gefallen bin. Als ich mich wieder aufrichten wollte, habe ich plötzlich gemerkt, dass es krachte.

Der rechte Pfosten brach, die Latte kippte schräg ab und verfehlte nur knapp Ihren Kopf. Hatten Sie Angst?
Das nicht. Aber ich dachte mir: Jetzt besser Deckung nehmen, wer weiß, was noch passiert. Ich hing wie ein Fisch im Netz und zappelte. Zum Glück hat mich jemand gleich befreit.

In der Gladbacher Nordkurve, vor der das Tor stand, gab es ein Riesengelächter. So etwas hatte es in der Bundesliga noch nie gegeben. Und weil die Affäre den sukzessiven Austausch der Holztore durch solche aus Aluminium bewirkte, blieb es bei diesem einen Pfostenbruch.

Wenn Kinder eine Scheibe einschießen, nehmen Sie Reißaus. Sie haben einen Pfosten zerbrochen. Hatten Sie Schuldgefühle? Gab es Vorwürfe?
Nein, wirklich nicht. Mancher witzelte: Du warst einfach zu schwer. Aber es war ja scheinbar ein Vorteil für uns. Wir haben alle gehofft, dass das Spiel wiederholt wird und wir dann gewinnen würden. So war auch die Reaktion der Mitspieler, und selbst die Bremer waren damit einverstanden.

Schiedsrichter Gert Meuser schlug zunächst vor, man möge den Pfosten doch für die verbleibenden zwei Minuten festhalten, ob durch Ersatzspieler oder Ordner. Niemand ging darauf ein. Ein Ersatztor gab es nicht. Und der halbherzige Reparaturversuch von Platzwart Willi Evers, der mit Hammer, Nägeln und einem Stück Holz aus den Katakomben zurückkam , scheiterte auch. Nach zwölf Minuten Wartezeit brach Meuser die Partie ab. Am 29. April 1971 wurde das Urteil gefällt. Wegen der „Passivität“ der Gladbacher wertete der DFB das Spiel mit 0:2. Borussia fiel später auf den zweiten Platz zurück, zog am letzten Spieltag dennoch an den Bayern vorbei und wurde Meister.

Kaum jemand weiß, dass Sie 1967 den damals schnellsten Bundesligahattrick geschossen und beim legendären 7:4 von Kaiserslautern gegen die Bayern 1973 zwei Tore gemacht haben.
Das ist wohl so. Dabei war das 7:4 gegen die Bayern mit Maier, Beckenbauer und Müller eine ganz große Sache. Und vergessen Sie meine 121 Bundesligatore nicht! Angesprochen werde ich aber meistens nur auf den Pfostenbruch.

Der zu Ihrem Spitznamen wurde …
Da wollte mal einer einen Witz machen und rief: „Da kommt der Herr Pfostenbruch.“ Ich konnte nicht drüber lachen.

Inwieweit hat diese eine Sekunde, als das Tor über Ihnen zusammenbrach, Ihr Leben beeinflusst?
Sie gehört zu mir. Wenn Sie mich fragen, ob ich es lieber hätte, es wäre nie passiert, dann sage ich: Nein. Noch in 100 Jahren kennt man den Namen Laumen. Ich bekomme immer noch vier bis fünf Autogrammwünsche pro Woche.

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