„Ich dachte, mich hätte ein Pferd getreten“
Elegante Ballannahme: Erwin Kremers (rechts) tanzt im EM-Finale 1972 Gegenspieler Revaz Dzodzuaschvili (Sowjetunion) aus. Foto: imago

„Ich dachte, mich hätte ein Pferd getreten“

Hannover. 1972: Was für ein Jahr für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft! Erst entzaubern Netzer und Co. England in Wembley, dann folgt in Belgien gegen die Sowjetunion der erste EM-Titel. Mit dabei im Finale von Brüssel: der Schalker Erwin Kremers. Ein Gespräch über ein großes Team mit großen Persönlichkeiten.

In der Blüte seines sportlichen Lebens war Erwin Kremers trotz seines Zwillingsbruders Helmut ein Einzelgänger. Der nannte ihn „Herr Pastor“. Warum? „Weil ich im Gegensatz zu Helmut früh zu Bett gegangen bin. Ich habe gern gelesen“, erzählt Erwin. Auch im Europameisterschaftsfinale 1972, diesem rauschhaften 3:0 in Brüssel gegen die Sowjetunion, war er ein Exot.

Für das Finalturnier mit vier Mannschaften qualifiziert sich die deutsche Auswahl über die Gruppe mit Polen, der Türkei und Albanien. Im Viertelfinalhinspiel zerlegt das Team um Regisseur Günter Netzer und Libero Franz Beckenbauer England in Wembley durch Tore von Uli Hoeneß, Netzer und Müller mit 3:1 – der erste deutsche Sieg im Heimatland des Fußballs. Im Rückspiel in Berlin reicht ein 0:0. In Belgien schließlich setzt sich der Favorit mit 2:1 (zweimal Müller) gegen die Gastgeber durch. Finale!

Herr Kremers, Sie waren Linksaußen. Also – wie es im Volksmund heißt – verrückt.
Positiv verrückt. Ich hatte ja nur 15 Länderspiele. Aber das war immer wieder abenteuerlich bei der Nationalmannschaft, wenn du reinkamst zum Frühstück. Da saßen 50 Offizielle und zehn Spieler. Dann habe ich denen „Guten Morgen“ gesagt, mich hingesetzt und gefrühstückt. Da kam der Helmut Schön zu mir und sagte: „Erwin, das sind alles Herren vom DFB. Hier ist es üblich, dass man die per Handschlag begrüßt.“ Ich dachte, mich hätte ein Pferd getreten. Ich bin von Haus aus sehr höflich, aber so was kannte ich nicht. Und die Herren kannte ich auch nicht.

Und dann saßen Sie während der EM auch noch zwischen sechs Bayern und drei Gladbachern. Sie als Exot vom Vizemeister und Pokalsieger Schalke.
Da wirste normalerweise zerrieben. Ich hatte das Glück, dass ich auch mal bei Mönchengladbach gespielt hatte. Mit Günter Netzer habe ich mich blind verstanden. Deshalb konnte ich da mithalten. Bei Gladbach hat er einen Jaguar E gefahren, hat mich oft mitgenommen zum Training.

Und die Bayern?
Die sind mit so einem Selbstbewusstsein zur Sache gegangen, das war neu für mich. Den Gerd Müller musste man lieben und bewundern. Von ihm träumen. Oft dachte ich mir: „Wo läuft der denn hin?“ Da wäre ich in 100 Jahren nicht hingelaufen. Da kam der Ball aber hin. Mir tut es unglaublich leid, dass er erkrankt ist (Alzheimer – d. Red.).

Haben Sie mitbekommen, dass Berti Vogts vor dem EM-Finale gegen die Sowjetunion geweint hat?
Bitterlich geweint, weil er Trainingsrückstand hatte und nicht spielte. Das war menschlich sehr bedauernswert. Ich habe immer gern gegen Berti gespielt. Da ging es fürchterlich zur Sache. Ich sage das mit ganz großem Respekt. Ich konnte mich nur wehren, wenn ich die Gegner nass gemacht habe. Ich konnte unheimlich dribbeln. Treten konnte ich nicht. Und wenn, dann hat man das 100 Kilometer vorher gesehen.

Wie hat Helmut Schön Sie auf das Finale eingestellt?
Er sagte zu Netzer: „Günter, das Spiel schnell machen. Und guck bitte, dass dir keiner von hinten den Ball wegnimmt.“ Weil Netzer das manchmal passierte. Und zum Schluss, wenn wir ihn anguckten, sagte er: „Hört mal, wir sind doch auch wer.“ Dann war die Besprechung zu Ende. Mir hatte Schön gesagt: „Druck aufbauen, auf den Gerd Müller flanken!“ Das war ein wunderbares Gefühl für mich. Kaum war die Lücke da, flankte ich: Hoch, mittelhoch oder flach – der Gerd konnte mit jedem Ball was anfangen. Und dann genügte ein Blick von ihm, der dir sagte: „Erwin, das hast du gut gemacht.“

Eigentlich hatten Sie mit Schön Ärger.
Ja. Vor dem Turnier. Ich war in keinem einzigen Qualifikationsspiel dabei. Schön hatte nach einem Sichtungslehrgang gesagt: „Toll, Sie sind jetzt dabei, Sie haben mein Wort.“ Irgendwann rief Co-Trainer Jupp Derwall an und sagte zu uns, zu Helmut und mir: „Ihr spielt jetzt in der B-Mannschaft.“ Ich sagte sofort: „Nee, da spiele ich nicht.“ Dann erschien eine Schlagzeile, weil Hermann Neuberger, der damalige DFB-Präsident, sagte: „Wir sind jetzt 50 Jahre ohne die Kremers ausgekommen, da werden wir die nächsten 50 Jahre auch ohne sie auskommen.“

Und?
Dann rief irgendwann der Helmut Schön an. Als er sagte: „Schön am Apparat“, dachte ich, man will mich vereiern. Ich wollte auflegen, da sagte er: „Nein, nein. Erwin, ich bin es wirklich. Ich lade Sie ein zum Länderspiel Deutschland gegen Russland, zur Eröffnung des Münchner Olympiastadions.“ Er fragte mich: „Würden Sie da kommen?“ Ich sagte: „Ich freue mich wie ein Kind. Ich komme sehr gern; wenn Sie sagen, dass es die A-Mannschaft ist, dann bin ich morgen früh schon da.“ Als Schön in seinem trockenen Humor nach dem 4:1 gegen Russland sagte: „Der Mann kann wiederkommen“, da war das die Sekunde, in der ich wusste: Jetzt haste es geschafft, um Europas Krone zu spielen.

Dieses 4:1 mit vier Müller-Toren war ein Traum. Weil die Russen, drei Wochen später EM-Finalgegner, sehr stark waren. Warum aber waren vom Vizemeister und DFB-Pokalsieger Schalke nur Sie dabei?
Nach dem Bundesliga-Bestechungsskandal waren mehrere von uns gesperrt. Ich kam erst ein Jahr danach, zur Saison 1971/1972, zu Schalke.

Im Skandal um verschobene Spiele 1970/1971 hing Schalke tief mit drin. Insgesamt wurden 13 Gelsenkirchener ab dem 5. August 1972 gesperrt. Der DFB hatte sie für die Nationalmannschaft schon vorher boykottiert.

Wie kamen Sie während Ihrer erfolgreichen Zeit in Mönchengladbach mit dem knurrigen Trainer Hennes Weisweiler aus?
Wehe, wir verloren. Dann war Schweigen angesagt im Mannschaftsbus. Kein Radio, nichts. Da war komplette Ruhe. Stundenlang bei langen Heimfahrten. Einmal kam er zu mir. „Hör mal, wenn du ein Kopfballtor machst, kriegste von mir 100 Mark.“ Wie der Teufel das will, erziele ich ein Kopfballtor. Als 18-Jähriger musste man dann den Mut haben, ihn anzusprechen. Ich sprach ihn an. Er gab mir Kontra: „Du Doofmann, deinen Kopf hat man angeschossen …“ Es waren trotzdem schöne Zeiten.

Ihr Zwillingsbruder wohnt heute nur ein paar Kilometer von Ihnen entfernt. Wie ist das Verhältnis?
Bestens. Da wundern sich unsere Frauen immer, wenn wir telefonieren. Das Gespräch dauert fünf Sekunden. Er fragt: „Wie geht’s?“ Ich antworte: „Gut. Und wie geht’s dir?“ Er: „Auch prima. Nichts Neues.“ Beide: „Schönen Tag.“ Das war’s dann.

Haben Sie in Ihrer Laufbahn nie was ausgefressen?
Ich kann überall hingehen. Hoch erhobenen Hauptes. Das Einzige war die Rote Karte vor der WM 1974.

Erzählen Sie bitte.
Ich war Gerechtigkeitsfanatiker. Wir spielten auf dem Betzenberg, wo kein Schiedsrichter den Mut hatte, gegen Kaiserslautern zu pfeifen. Da bist du 90 Minuten lang getreten worden. Ich war früher jähzornig.

Fängt gut an, die Story.
Ich bin heftig gefoult worden, der Schiedsrichter gibt aber Freistoß für Kaiserslautern. Da bin ich ausgeflippt. Da hätte mir einer sagen können, wenn du schweigst, gebe ich dir 10 Millionen, ich hätte ihn trotzdem beleidigt.

Sie haben Schiedsrichter Max Klauser zweimal „blöde Sau“ genannt. Und dann baute Ihnen Klauser eine goldene Brücke.
Er hat mich zweimal gefragt: „Herr Kremers, was haben Sie gesagt?“ Dann sagte ich: „Also noch einmal für Doofe. Sie sind eine blöde Sau.“ Dann war’s ganz aus, er zückte Rot. Ich bekam drei Monate Sperre, die Höchststrafe. Davon haben sich beide Seiten nicht mehr erholt – meine Länderspielkarriere war zu Ende …

… und damit Kremers’ Traum vom Weltmeistertitel im eigenen Land. Denn nach dem Platzverweis verzichtet der DFB darauf, ihn für das Turnier zu nominieren.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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