„Ich habe den Ball einfach durch die Tür gehauen“
Der entscheidene Moment: Mattia Stefanelli (rechts, Nr. 9) schießt den Ball ins kurze Eck. Foto: imago

„Ich habe den Ball einfach durch die Tür gehauen“

San Marinos Fußballnationalstürmer Mattia Stefanelli schießt das erste Auswärtstor des Landes in der WM-Qualifikation seit 15 Jahren

Am 12. Oktober 2016 fragte der Fußballverband San Marinos im Internet, welchem seiner Spieler zu Ehren ein Nationalfeiertag eingerichtet werden sollte – samt Statue als Pilgerpunkt. Das „offizielle“ Ergebnis der nicht ganz ernst gemeinten Umfrage:
Platz 1: Mattia Stefanelli (52 Prozent)
Platz 2: Mattia Stefanelli (37 Prozent)
Platz 3: Mattia Stefanelli (11 Prozent)

Klare Kiste. Stefanelli ist Fußball-Nationalstürmer des 32 000-Einwohner-Staates, der unweit der Adria in Italien eingebettet ist. Am Tag vor der Umfrage hatte er etwas Historisches geschafft: Der 24-Jährige schoss ein Tor. Nicht irgendein Tor. Er traf in Oslo gegen Norwegen. Es war der erste Auswärtstreffer San Marinos in der WM-Qualifikation seit 15 Jahren. Danach ging in einem norwegischen TV-Studio sogar das Licht aus, ganz San Marino drehte durch – und Stefanelli ist in dem Ministaat seitdem ein Fußballer mit Kultstatus. Hier spricht der 23-Jährige über den Auftritt seines Lebens.

Signore Stefanelli, wie fühlt es sich an, der Held der san-marinesischen Fußballfans zu sein?
Ich fühle mich gar nicht wie ein Held. Ich bin ehrlich gesagt ein ziemlich demütiger Mensch und habe mich einfach gefreut, dass ich meine Teamkameraden und Freunde mit diesem Tor so unglaublich glücklich machen konnte. Immerhin hat es uns kurz von einem Unentschieden träumen lassen. Für ein paar Minuten. (lacht)
Stefanellis Tor in der 54. Spielminute des WM-Qualifikationsspiels gegen Norwegen war das zum 1:1. Norwegen gewann am Ende noch mit 4:1. Es war das erste Auswärtstor San Marinos in der WM-Quali seit 2001.

Beschreiben Sie bitte, wie Sie es gemacht haben.
Ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht, was ich am besten tun sollte. Ich habe erst mal die Aktion von meinem Teamkollegen Tommaso Zafferani beobachtet.
Zafferani macht gegen Norwegens Stefan Strandberg einen Haken, der Verteidiger (noch bei Hannover 96 unter Vertrag) rutscht ins Leere. Dann grätscht Zafferani den Ball auch noch vor dem heraneilenden Joshua King irgendwie rüber zu Stefanelli.

Und dann?
Ich nahm den Ball auf und habe ihn einfach durch die Tür gehauen, wie man bei uns sagt. Mit voller Gewalt rein ins Tor. Ich bin glücklich, gegen ein Team wie Norwegen getroffen zu haben. Aber auch noch immer ein bisschen enttäuscht, dass wir es nicht geschafft haben, einen Punkt mit nach Hause zu nehmen.
Die Sekunde, in der der Ball drin war: War das der bislang beste Moment in Ihrer Karriere?
Sicher einer der emotionalsten – das ist ganz klar. Aber ich betrachte immer das große Ganze, möchte meine bisherige Laufbahn gar nicht so auf diesen Bruchteil beschränken – auch wenn diese Sekunde ohne Zweifel toll war. Für unsereins, wir sind keine Stars, sind einfach die Momente am besten, in denen wir merken, dass wir den Job tatsächlich können. Kicken, Fußball spielen – das war immer mein Traum.

Man kann Sie als Halbprofi bezeichnen. Skizzieren Sie bitte Ihren bisherigen fußballerischen Werdegang.
Verletzungen haben meine fußballerische Entwicklung in entscheidenden Momenten gestört. Ich spiele jetzt in der 1A Categoria, das ist die siebte Liga in Italien. Mein Team ist Vis Novafeltria Calcio aus der Emilia-Romagna, ich wohne nur ein paar Kilometer vom Klub (nahe zur Grenze San Marinos, d. Red.) entfernt. Alles ist gut so. In der Jugend habe ich es geschafft, in Cesena spielen zu dürfen (die Profis der AC Cesena spielen heute in der italienischen Serie B). Da bin ich stolz drauf.

Nach Ihrem Tor in Norwegen: Gab es eine kleine Party?
Ja! (lacht) Meine Compagnions haben das Tor natürlich mit mir gefeiert, haben mir gratuliert. Und da waren so viele Anrufe. Ich bin kaum hinterhergekommen. Die Aufmerksamkeit um meine Person hat sich gleich mal verdoppelt. Aber ich bleibe ein geerdeter Typ.

Ihr Gesicht, die Gesichter ihrer Teamkollegen und Trainer nach dem Treffer – das pure Glück war nicht zu übersehen. Gar nicht auszudenken, wie das bei einem Tor gegen Deutschland aussehen würde, oder?
(lacht) Na, so ähnlich! Wenn ich treffe, drehen wir gemeinsam durch. Und wenn jemand anders trifft, drehe ich mit dem durch.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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