Ich habe einen Traum von Europa
Dr. Irving Wolther wurde 1969 geboren. Er ist studierter Sprach- und Kulturwissenschaftler: 2006 promovierte er an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover über den Eurovision Song Contest. Seitdem ist Wolther unter anderem freier Autor für eurovision.de. Außerdem unterrichtet er seit 2008 Public Relations (PR) für Musikwettbewerbe im Rahmen des Hannover Song Contests „Hören!“.Fotos: Klingspohn

Ich habe einen Traum von Europa

„Dr. Eurovision“ Irving Wolther träumt von einer Show, die die Menschen vereint

Mein Traum von Europa begann in einer lauen Sommernacht in dem italienischen Städtchen Urbania. Ich war dort für zwei Monate auf einem Sprachkurs, und unsere Truppe bestand aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen junger Studierender aus der ganzen Welt: Australien, Deutschland, England, Albanien, Österreich und Kroatien. Die beiden Kroaten waren Hardrock-Fans, und wir teilten auch sonst keine gemeinsamen Interessen. Nach der zweiten Flasche Rotwein jedoch geschah etwas Merkwürdiges: Als ich in der Gruppe von meiner Leidenschaft für den Eurovision Song Contest erzählte, begannen die beiden jungen Männer mit mir zu diskutieren und sich über die schlechte Qualität der Musik beim ESC zu echauffieren. Sie erzählten mir von ihrer Musikszene und ihrer Kultur, und am Ende des Abends lagen wir uns in den Armen und grölten gemeinsam kroatische Eurovisionsbeiträge.
Im Laufe meines Lebens geriet ich immer wieder in vergleichbare Situationen, und der Eurovision Song Contest erwies sich dabei stets als ideales Eisbrecher-Thema. Die größte Musikunterhaltungssendung der Welt mag geliebt oder verspottet werden – kalt lässt sie auf jeden Fall niemanden. Und wer sich eingehender damit beschäftigt, erkennt in den Mechanismen des Wettbewerbs ein Abbild Europas mit all seinen Stärken, mit all seinen Schwächen und in all seiner Vielfalt.
Als ich nach Hannover kam, um am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der HMTMH Journalismus zu studieren und schließlich 2006 über den Eurovision Song Contest zu promovieren, öffnete mir die EXPO die Augen für viele kulturelle Aspekte des Wettbewerbs, die mir bis dahin verborgen geblieben waren. Ich lernte Hannoveraner mit bulgarischen, portugiesischen, polnischen, schwedischen, französischen, türkischen Wurzeln kennen, die mich mit ihrer Kultur und ihrer Musik vertraut machten. So entstand die Reihe „Mit Dr. Wolther um die Welt“, in der ich für den NDR auf www.eurovision.de über die Musik- und Kulturgeschichte der Teilnehmerländer beim Eurovision Song Contest berichte.
Je mehr ich über die einzelnen Länder und ihre Kultur erfuhr, umso trauriger stimmte mich der Gedanke, wie wenig wir in Europa über unsere eigenen Nachbarn wissen. Und mit jedem Wettbewerb wurden die Stimmen lauter, die sich über die „osteuropäische Punktemafia“ oder die „Balkan-Connection“ echauffierten, ohne auch nur im Geringsten mit den kulturhistorischen Gegebenheiten der jeweiligen Regionen vertraut zu sein. So reifte mein Traum zu einem Projekt heran, das nun mit dem Jubiläumsbuch „Die ganze Welt des Song Contests“ zum Abschluss gekommen ist. Auf 372 Seiten stelle ich anhand von Beispielen aus 60 Jahren Eurovision Song Contest die Musik- und Kulturgeschichte aller bisherigen Teilnehmerländer vor.
In Zeiten, in denen Europa immer wieder als gescheitertes Projekt gebrandmarkt wird, ist der Wettbewerb ein Symbol für das, was Europa sein kann: Ein Zusammenschluss von Nationen, die durch gemeinsame Anstrengungen in der Lage sind, etwas wirklich Großes zu schaffen – eine Show, die Jahr für Jahr fast 200 Millionen Fernsehzuschauer vor den Bildschirmen vereint. Und so ein Gefühl von Gemeinsamkeit in Vielfalt erschafft.
Doch diese Vielfalt gilt es zunächst einmal kennenzulernen. Ich wünsche mir, dass mein Buch einen Beitrag dazu leisten kann, Brücken zwischen Menschen in Europa zu bauen, die Nachbarn sind und doch viel zu wenig voneinander wissen. Der Traum geht weiter …

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