„Ich habe täglich am Pendel trainiert“
Uwe Seeler bei seinem legendären Hinterkopftor. Foto: imago

„Ich habe täglich am Pendel trainiert“

Superstar und Idol: Uwe Seeler (80) über sein Hinterkopftor und die Verletzung, die fast seine Karriere beendete

Herr Seeler, der 14. Juni 1970, brütende Hitze in León. Es läuft die 82. Minute, Deutschland liegt im WM-Viertelfinale gegen England 1:2 zurück. Karl-Heinz Schnellinger flankt …
Uwe Seeler: Ich bin im Rückwärtslaufen und denke: „Oh, kommst du noch an den Ball?“ Ich drehe mich, sehe, dass der Torwächter im kurzen Eck steht, springe mit einem Bein ab – und erwische den Ball mit dem Hinterkopf. Der Ball geht in den Winkel …

Es geht in die Verlängerung, Deutschland gewinnt 3:2. Bei 42 Grad im Schatten!
Auf dem Platz war kein Schatten. Auf dem Platz waren es 55 Grad. Der Wahnsinn. Heute würde man das nicht mehr zulassen. Aber zu der Zeit … Dass wir während des Spiels Wasser getrunken haben, das hat es nicht gegeben. Deswegen bin ich überrascht, wie viel man heute trinkt. Das Spiel hat ja zum Teil noch nicht begonnen, da haben die schon Flaschen in der Hand.

Woher kam Ihre Kopfballstärke?
Ich habe täglich am Pendel trainiert. Ich habe dort auch Fallrückzieher und Seitfallzieher geübt. Kopfballpendel gibt es heute gar nicht mehr. Ob das gut ist? Ich glaube, dass sich viele verbessern könnten, wenn sie am Pendel trainieren würden. Ich sehe das doch in der Bundesliga.

Es wird halt auf andere Dinge Wert gelegt.
Ja, aber zwei Drittel der Mannschaften in der Bundesliga spielen trotzdem keinen berauschenden Fußball. Wenn man den Fußball verkompliziert, gibt es Probleme. Herberger hat mal einen Satz gesagt, als ich 17 Jahre alt war, ein junger Bengel, vor meinem ersten Länderspiel 1954. Er sagte: „Männer, wenn ihr den einfachen Fußball beherrscht, seid ihr Weltklasse!“ Dann der Nachsatz: „Aber das ist sehr schwer!“ (lacht) Herberger hatte recht.

Aus zwei Gründen hätte es das Hinterkopftor gar nicht geben dürfen: 1965 hatten Sie sich die Achillessehne gerissen. Das war damals gleichbedeutend mit dem Karriereende.
Man hat es bis auf die Tribüne, auf der meine Frau saß, knallen hören. Ich dachte, mich tritt ein Elefant. Da hing der Fuß. Vor mir hatte es keiner geschafft zurückzukommen. Der Kurt Fischer (damals HSV-Mannschaftsarzt – d. Red.) war ein guter Operateur. Dem habe ich vertraut. „Wenn du hier Mist machst, dann mach ich deine Praxis kaputt“, habe ich gesagt (lacht). Man muss dazu sagen: Das war seine erste Achillessehnenoperation.

Mit einem Spezialschuh haben Sie später die Nationalmannschaft in Schweden zur WM 1966 geschossen.
Das war mein erstes Länderspiel nach der Verletzung, ein Vabanquespiel. Spiele ich oder spiele ich nicht? Helmut Schön hatte mich angerufen, gefragt, ob ich mir das zutraue. Ich habe das Risiko auf mich genommen. Nach dem Sieg war Helmut Schön so happy. Vorher hatte er massiv unter Druck gestanden. Nach dem Spiel sagte Schön zu mir: „Heute Abend musst du dir ein paar Minuten freinehmen. Heute Abend trinken wir einen Whiskey.“ Ich: „Herr Schön, ich trinke aber gar keinen Whiskey.“ Er: „Heute Abend trinkst du einen mit mir!“ Und da hat er sich ordentlich einen reingetan. Man merkte, welche Last von ihm abgefallen ist.

Der zweite Grund, weswegen das Hinterkopftor in Mexiko gar nicht hätte fallen dürfen: 1968 hatten Sie Ihre DFB-Karriere bereits beendet. Wie hat man Sie wieder zurückgeholt?
Wieder hatte Schön angerufen: Mexiko, er stelle sich vor, Gerd Müller vorne, ich als hängende Spitze. Ich habe gesagt: „Herr Schön, als ich aufgehört habe, meinte ich das auch so.“ Irgendwann habe ich eingelenkt. Ich wusste, in Mexiko – die Höhe, die Hitze – muss ich topfit sein. Ich habe dann mehr trainiert als je zuvor. Ich habe schließlich im Jahr 70 000 Kilometer im Auto gesessen. Ich habe dann meinen Chef angerufen, Adi Dassler: „Chef, ich muss ein bisschen kürzertreten. Ist das in Ordnung?“ Er sagt: „Ja, mein Junge, du hast ja auch gute Zahlen.“ Da wusste ich sofort, was gelaufen war. Herberger und Schön hatten das im Hintergrund schon klargemacht. Ich habe nur gehofft, dass das klappt und es nicht heißt, der Plan mit Seeler, der war Mist.

Sie waren damals ein Superstar, aber trotzdem Halbprofi, weil Sie als Generalvertreter für Sportartikel gearbeitet haben. Und Sie haben auf Millionen verzichtet!
Drei Tage habe ich 1961 mit Inter Mailand im Hotel Atlantic verhandelt. Am dritten Tag habe ich mich für die Kombination Beruf und Fußball entschieden, gegen Inter. Inter-Trainer Helenio Herrera hat mit dem Kopf geschüttelt. Ich habe den Dolmetscher gefragt: „Warum macht er das?“ Der sagt: „Er hat es noch nie erlebt, dass jemand auf so viel Geld verzichtet.“ Ich sag: „Dann ist das jetzt das erste Mal!“

Diese Arbeitsamkeit, die Leidensfähigkeit: Vermissen Sie das bei heutigen Profis?
Ein bisschen wehleidiger sind sie. Ich habe noch auf Kopfsteinpflaster Fußball gespielt, auf Trümmergrundstücken. Auch da habe ich Fallrückzieher, Flugkopfbälle gemacht. Ich sah danach immer aus … Meine Mutter war erschrocken, wenn ich nach Hause gekommen bin, dreckig, blaue Flecken, die Klamotten kaputt. Wenn ich heute die Bälle sehe … Wir hatten ja Ostereier. Selbst geflickt, die alten Blasen. Mein alter Herr ist im Hafen groß geworden, der war ein Haudegen, der hat zu meinem Bruder und mir gesagt: „Damit ihr das wisst! Weicheier will ich hier nicht haben!“ Und „Denkt daran: Geld ist nicht alles!“ Ich bin ein stinknormaler Mensch geblieben: Wenn ich eine Knackwurst essen will, dann esse ich eine Knackwurst. Und wenn ich ein Steak essen will, esse ich ein Steak. Ich bin zufrieden – was will ein Mensch mehr? Alles stimmt. Familie ist gesund. Ich trauere den Millionen nicht hinterher. Ich habe alles erlebt, was es auf der Welt gibt.

Es gab immer diese „Uwe, Uwe“-Sprechchöre.
Ja, das ist irre! Das ist geboren hier im Stadion in Hamburg, da war ich noch recht jung. Plötzlich riefen die Zuschauer alle „Uwe, Uwe“. Noch heute, wenn ich unterwegs bin: „Darf ich Uwe sagen?“ Ich sag dann: „Sagt doch eh jeder schon.“ Ich bin glücklich darüber, stinknormal geblieben zu sein. Ich habe mich gefreut über Erfolge, aber deswegen habe ich nicht geglaubt, dass ich ein besserer Mensch bin.

Mannschaftskollegen waren genervt, weil Sie auch beim Essen keinen Autogrammwunsch abgelehnt haben.
Wenn es manchmal zu lange ging, habe ich gesagt: „Mensch, jetzt habe ich aber Appetit. Ich würde jetzt gerne mal essen.“ Ich werde heute noch gefragt, woher ich die Ruhe nehme. Aber: Wenn die Leute kommen und Autogramme wollen, kann man doch nicht Nein sagen. Oder bei Kindern! Das Problem wird doch nicht besser, wenn man sagt: „Hau ab!“ Zu Kindern sagt man nicht „Hau ab!“.

Wie stolz sind Sie, dass Kinder heute noch wissen, wer Sie sind?
Ich kann das manchmal kaum glauben, was ich immer noch alles an Autogrammpost bekomme. Mein Büro macht mir immer die Mappen fertig. Als das einmal überhandnahm, habe ich zu meiner Tochter gesagt, „Mensch, Gertie, immer diese verdammten Autogramme! Und dann Bilder und dies und das!“ Sie: „Papi, sei glücklich und froh! Stell dir mal vor: Du bist 45 Jahre raus und die Leute schreiben dir immer noch. Darauf kannst du stolz sein!“ Seitdem schreibe ich weiter.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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