„Ich hätte fast verschlafen“
Arme hoch zum Jubeln: Armin Hary (links) gewinnt in Rom im Vorlauf gegen die Amerikaner Ray Norton (Mitte) und Dave Sime. Foto: imago

„Ich hätte fast verschlafen“

Als erster Mensch der Welt läuft Armin Hary vor 57 Jahren die 100 Meter in 10,0 Sekunden

Zwei Schuhe hat Armin Hary (80) mitgebracht. Zunächst zeigt er den aus dem Jahr 1960, mit dem er in Zürich als erster Mensch der Welt die 100 Meter in 10,0 Sekunden schaffte. Dann einen, wie ihn Athleten heute tragen – der Weltrekord von Usain Bolt: 9,58 Sekunden. „Federleicht, 80, 90 Gramm“, murmelt Hary. „Meiner war 390 Gramm schwer.“ Heute kennen Armin Hary immer noch zwei Drittel der Deutschen. Der 21. Juni 1960. Der deutsche Verband will einen Lauf in Zürich verhindern. Hary solle sich für die Olympischen Spiele in Rom schonen. Eine von vielen Schikanen gegen den James Dean der Leichtathletik. Hary gibt nicht nach. In letzter Sekunde erhält er die Genehmigung. So spät, dass es keinen Linienflug mehr nach Zürich gibt.


Armin Hary, wie wurde das Wunder doch noch möglich?
Da ich in Frankfurt recht beliebt war, hat meine Freundin die Polizei angerufen. Ich bekam eine Eskorte zum Flughafen. Vorne und hinten mit Blaulicht. Ich bin mit meinem VW Käfer bis auf die Rollbahn gefahren, habe einem Polizisten meinen Schlüssel gegeben und stieg in eine Transportmaschine ein.

Gerade rechtzeitig im Zürcher Letzigrund-Stadion angekommen, läuft Armin Hary die 100 Meter in 10,0 Sekunden – doch der Lauf wird annulliert. Dann der zweite. Wieder 10,0. Der Moment des Zieleinlaufs mit der ersten handgestoppten 10,0: eine Sekunde, in der Sportgeschichte geschrieben wird. Und Armin Hary wird weltberühmt.
Tyson Gay, der Weltmeister von 2007, sagte mir, dass die Amis bis heute nicht glauben können, dass man innerhalb einer halben Stunde zweimal 10,0 laufen kann. Sie bräuchten dazwischen zwei Stunden Pause. Mindestens.

Zweieinhalb Monate später, Rom. Sie, 23 Jahre jung, gingen mit der Rolle des Favoriten auf die Ihnen zugeloste Außenbahn …
Moment mal. Ich lag in der Kabine, habe tief geschlafen.

Wie bitte?
Ja, ich habe mich massieren lassen. Bin eingenickt. Ich hätte fast verschlafen.

Die deutschen Funktionäre hatten Ihnen im Vorfeld wieder mal Ärger gemacht, weil Sie bei der Eröffnungsfeier Ihren Strohhut lässig – weit hinten – spazieren trugen. Und jetzt beim Warmmachen schon wieder. Dann der Lauf. Erst startete Dave Sime zu früh, dann Sie. Der dritte Versuch.
Die Sekunde war jetzt da, an nichts zu denken.

Es waren 70 Meter gelaufen, Sie konnten sich nicht Mann gegen Mann verbeißen, weil Sie die Außenbahn hatten und Dave Sime die Innenbahn. Was dachten Sie?
Ich? Nichts natürlich! Sagte ich doch schon. Ich wusste ja sowieso, dass ich gewinne. Deshalb gefallen mir die heutigen Athleten nicht, die sagen, ich bin froh, wenn ich den Endlauf erreiche. Damit kann ich nichts anfangen.

Wann lagen Sie vorne?
Nach 30 Metern war ich zwei Meter vorne. Nach 50 immer noch. Das hat mich enorm viel Kraft gekostet. Bei anderen Läufen hat man mir gegen Ende nie angesehen, dass ich mich anstrenge. Diesmal musste ich kämpfen. Ich hörte in dieser Sekunde die Schreie der Zuschauer. Ich dachte an gar nichts. Ich denke nicht. Ich atme nicht. Gar nichts.
100 Meter ohne zu atmen? Glauben wir nicht. Spielt da das Stipendium in den USA eine Rolle, das Sie an den Funktionären vorbei selbst klargemacht haben? Alles für Gold?
Klar, die USA haben mich reif gemacht. Es war eine ganz harte Zeit. Mich kannte dort kein Schwein. Ich nahm einen Job als Tellerwäscher an.

Vom Tellerwäscher zu Gold. Das ist reif für einen Film. Was haben Sie als Tellerwäscher verdient?
Das Abendessen. Genauer: Ich lebte aus der Mülltonne. Von den Resten der Gäste aus der Mülltonne. Eine harte Zeit. Die den Hunger auf Gold noch größer machte.

Die Sekunde, in der Sie das Zielband zerrissen haben: Waren Sie sicher, dass es Gold ist?
„Bin ich Olympiasieger?“, habe ich gefragt. Ich habe überlegt, wie verhalte ich mich, was tu ich jetzt? Drehe ich eine Ehrenrunde? Lass ich mich bejubeln? So weit hatten sie mich schon gebracht, die Funktionäre, dass ich dachte, egal, was du machst, es ist falsch. Ich bin kurz in die deutsche Kurve gegangen, habe gewinkt. Gefühle von Freude und Genugtuung. Eine innere Befriedigung. Die größte Erfüllung im Leben eines Sportlers. Es gibt keine Ex-Olympiasieger. Gold, das hast du immer.

Es gibt Fotos, auf denen Sie nach dem Sieg auf der Bahn gedankenverloren zurückgehen zum Start. Hat Ähnlichkeit mit Franz Beckenbauers Gang nach dem WM-Sieg 1990. Im selben Stadion.
Ich war sehr einsam in diesem Moment. Ich konnte mich gar nicht freuen. Ich hatte Angst vor der nächsten Aktion der Funktionäre, um mich kaputtzumachen.

Was ging Ihnen bei der Siegerehrung durch den Kopf?
Die deutsche Nationalhymne wurde ja nicht gespielt, sondern die Becher-Hymne, die für die gesamtdeutsche Mannschaft aus der DDR und für uns ersatzweise ablief. Ich war ganz froh drum, nicht singen zu müssen. Denn ich bin nahe am Wasserfall gebaut.

Zu viel Kraft hat Ihnen ein Autounfall in Berlin gekostet. Und wieder eine Schikane.
Mitten auf dem Berliner Kurfürstendamm rammte mich ein Taxi, erwischte das Knie. Eine langwierige Geschichte. Und dann wurde ich für neun Monate gesperrt. Weil ich für 70 Mark zu viel an Kilometern abgerechnet hatte, wie die anderen alle auch. Und weil ich dann auch noch gesagt hatte, die Funktionäre sind für die Athleten da, nicht die Athleten für die Funktionäre. Ist das etwa falsch?

Am Tag, als die Sperre ablief, traten Sie 1961 völlig unerwartet zurück. Ihre Rache an den Funktionären. Heute sehen Sie frisch aus, wirken immer noch dynamisch. Wie lebt es sich als Rentner?
Rentner, bitte nein. Das klingt wie der erste Sargnagel. Ich bin täglich viele Stunden für meine Stiftung zugunsten armer Kinder unterwegs. Ich komme selbst von ganz unten und weiß, wie man durch Sport da rauskommt. Ich werbe für einen Bildband meiner Laufbahn. Der Reinerlös geht an die Armin Hary-Förderung, per Mail bestellbar bei info@aha-f.de. Das Buch ist unsterblich. Es läuft sich nicht tot.

Welche Beschwerden haben Sie?
Wenn ich über Krankheiten erzähle, klingt das wie halb tot. Ich habe so ein Kribbeln in den Füßen. Dann kribbelt es bis zur Wade. Ich kann nicht mehr Golf oder Tennis spielen. Ich war bei so vielen Ärzten. Sie sagen, es sterben in den Füßen wohl einige Nerven ab. Die ganz sensiblen Nerven, wenn man Zucker hat oder wenn es altersbedingt ist. Zucker habe ich nicht. Über das Altern habe ich immer gelacht. Jetzt, bald 80, lache ich nicht mehr.

Die Füße, die Sie zur Goldmedaille trugen, mögen nicht mehr. Gibt es keine Medikamente?
Doch. Aber ich nehme nichts mehr. Weil sie nicht helfen. Mir hilft mein Hund mit seinen vier weißen Pfoten, der mich jeden Morgen um 7 Uhr zum Spaziergang führt.

Sie hatten nach 40 Jahren in Zürich ein Treffen mit einem Zeitnehmer, das Sie sehr berührte.
Er hat fast geheult. Und mir kommen selbst die Tränen, wenn ich daran denke. Da stand mir ein älterer Herr gegenüber. Er sagte: „Meine Uhr zeigte bei Ihrem Weltrekordlauf auf 9,8. Ich hab mich nicht getraut, das zu sagen. Weil ich dachte, die lachen mich alle aus.“

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