„Ich hatte das Ding richtig gut auf der Pfanne“
Der Schuss zum WM-Titel 1990: Andreas Brehme (Nr. 3) triftt vom Elfmeterpunkt. Foto: imago

„Ich hatte das Ding richtig gut auf der Pfanne“

Fußball: Andreas Brehme schießt Deutschland 1990 zum WM-Titel in Rom

Vor 27 Jahren schrieb Andreas Brehme mit einem Schuss deutsche Fußballgeschichte. Immer mal wieder fährt der Wahlmünchner in seine zweite Heimat Italien. Dorthin, wo er 1990 Weltmeister wurde, am 8. Juli 1990, durch seinen Elfmeter im Finale der deutschen Nationalelf gegen Argentinien. Ein Spiel, das das Leben von Brehme (56) für immer verändert hat.

Herr Brehme, der 8. Juli 1990, es läuft die 85. Minute im Finale gegen Argentinien – da pfeift Schiedsrichter Edgardo Enrique Codesal Méndez aus Mexiko Elfmeter für Deutschland.
Dann war erst einmal Chaos.

Bei wem?
Na, bei mir nicht. Ich war ganz ruhig. Doch alle Argentinier sind zum Schiri und haben ihn bedrängt. Als wir das Foul an Rudi Völler hinterher in der Kabine noch mal im Fernsehen gesehen hatten, war das Gelächter groß. Wir haben ihn hochgenommen: „Ey, Rudi, bist du da zusammengebrochen?“

Nach dem Pfiff musste eine Entscheidung getroffen werden: Wer schießt? Lothar Matthäus, wie immer?
Wir hatten drei Schützen vereinbart: Lothar, Rudi und mich. Rudi ist gefoult worden, und der Gefoulte schießt nicht. Lothar hat mir signalisiert, ich solle zum Punkt gehen. Er hat ein paar Schritte zurückgemacht, in dieser Sekunde war mir schnell klar, was das bedeutete.

Sie haben kein Wort miteinander gewechselt?
Nur Blickkontakt.

Später erklärte Matthäus, er habe sich nicht sicher gefühlt, weil aus seinem Schuh in der ersten Hälfte Stollen herausgebrochen waren.
Sein Verzicht hatte nichts mit Angst zu tun. Ich finde es ungerecht, wenn manche Leute ihm vorwerfen, er habe sich in die Hosen gemacht. Nein. Lothar hat eine Weltklasse-WM gespielt und in dieser Sekunde genau die richtige Entscheidung getroffen. Er hat nicht an sich gedacht, sondern an die Mannschaft.

Hatten Sie mal zu Teamchef Franz Beckenbauer geschaut in diesen Momenten?
Ja, Franz hat mir gezeigt, ich solle den Elfmeter schießen. Irgendeiner musste ja. Ich fühlte mich auch relativ sicher.

Der Weg war ziemlich weit zum Punkt, nicht?
Auf alle Fälle, ja. Und ich musste unendlich lange warten, bis ich endlich den Elfmeter ausführen konnte. Sieben, acht Minuten, glaube ich. Du legst dir den Ball hin, dann kommt einer der Argentinier und schießt ihn weg. Ich habe mir den Ball dann genommen, bin ein paar Schritte zurück und habe abgewartet, bis das ganze Theater rund um den Schiedsrichter vorbei war, bis die Argentinier irgendwann mal endlich alle aus dem Strafraum raus waren.

Tatsächlich waren es nur exakt zwei Minuten vom Pfiff des Schiedsrichters bis zur Ausführung des Elfmeters. Sie haben ganz starr nur auf den Ball geschaut.
Du musst bis zum Pfiff des Schiedsrichter alles um dich herum ausblenden.

Hat Ihnen dann irgendjemand etwas zugerufen?
Mein Freund Rudi Völler. Der rief: „Andy, wenn du den reinmachst, sind wir Weltmeister.“ Da hab ich geantwortet: „Danke, mein Freund, danke für den Hinweis, das weiß ich auch!“ (lacht).

Der argentinische Torhüter Sergio Goycochea hatte schon im Viertelfinale gegen Jugoslawien und im Halbfinale gegen die Italiener je zwei Elfmeter gehalten. In welchem Moment haben Sie sich für die Ecke entschieden?
Als ich mir den Ball hingelegt habe. In die vom Schützen aus gesehen linke Ecke. Du bist total im Tunnel. Du bist einzig und allein konzentriert auf den Schuss. Der muss reingehen. Feierabend.

Haben Sie in der Sekunde, als sie den Ball getroffen haben, gespürt: Ja, der ist es!
Ja, weil ich ihn gut getroffen habe. Ich hatte das Ding richtig gut auf der Pfanne – und dann waren wir alle froh, dass er drinne war.

Wenn man sich die Bilder des Torjubels noch mal anschaut, dann muss man ja froh sein, dass Sie unverletzt geblieben sind …
… und dass ich nicht erstickt bin. Da hatte ich echt ganz kurz Beklemmungen. Auf einmal lagen alle auf mir.

Ein Schuss, der Ihr Leben geprägt hat.
Total. Die Leute reden ja heute noch von diesem Spiel. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht auf dieses Finale angesprochen werde. Egal, ob beim Einkaufen, am Flughafen oder irgendwo im Stadion.

Sind Sie hin und wieder enttäuscht, dass Ihre Karriere oft verknappt und nur auf diese Sekunde, diesen Schuss reduziert wird?
Nein. In meiner Vita steht ja, was ich gewonnen habe und wo ich gespielt habe. Wer möchte, kann sich das durchlesen.

Sind Sie nach dem Finale einmal in Argentinien gewesen?
Nein, aber es gab eine witzige Begegnung. Ich habe vor einigen Jahren mal in Wolfsburg vor einem Spiel gegen die Bayern bei einem Elfmeterschießen gegen Goycochea mitgemacht – für einen guten Zweck.

Lassen Sie mich raten: Diesmal hat er den Ball gehalten.
Nein, null.

Haben Sie wieder in die rechte Torwartecke geschossen?
Ich habe ihm gesagt: „Sergio, wir müssen das für die Leute hier genau so machen wie 1990 in Rom. Rechte Torwartecke.“ Dann hab ich den Ball ins andere Eck geschossen. Er ist tatsächlich in die vereinbarte Ecke gesprungen und war chancenlos. Meine Güte, ist der hinter mir hergerannt. Was haben wir später in der Kabine gelacht …

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