„Ich hatte so viel Glück“
In seinem Element: Robby Naish bei Surfmeisterschaften im Jahr 2006 auf Hawaii. Foto: Imago

„Ich hatte so viel Glück“

1976 wird Robby Naish mit nur 13 Jahren Windsurf-Weltmeister – und zur Ikone

Robby Naish glaubt daran, vom Leben mit viel Glück gesegnet worden zu sein. Als armer hawaiianischer Junge gewinnt er 1976 mit 13 Jahren seine erste Weltmeisterschaft im Windsurfen. Zahlreiche Titel folgen – und im Zuge dessen steigt Naish zur Ikone seines Sports auf. Heute kämpft der 54-Jährige immer noch – unter anderem als Botschafter der renommierten Laureus-Stiftung – im Dienste des Surfbretts. Ein Gespräch mit einem glücklichen Mann.

Mr. Naish, in den Siebzigerjahren haben Sie eine Sportart neu definiert. Wie denken Sie heute darüber?
Das fühlt sich immer noch sehr gut an! Ich bin sehr aktiv, entwickle Ausrüstung und surfe jede Menge. Ich versuche, mein Niveau zu halten. Vielleicht nicht auf dem allerhöchsten Level, aber immer noch respektabel. Das war eine tolle Reise bis hierhin.

Zurück ins Jahr 1976. Ihr erster Weltmeistertitel. Mit gerade mal 13 Jahren. Wie konnte das passieren?
Richtiger Ort, richtige Zeit. Ich hatte so viel Glück … (überlegt)

Erklären Sie uns das.
Es war im September 1976 in Nassau auf den Bahamas, mein erstes Mal außerhalb der USA. Alleine. Meine Eltern waren nicht dabei. Wir waren arm. Erst habe ich die Meisterschaften auf Hawaii gewonnen. Dabei habe ich ein Flugticket zu den US-Meisterschaften gewonnen. Durch den Sieg dort bekam ich das Ticket für die Bahamas. Von Freiflug zu Freiflug. Als ich auf den Bahamas ankam, war das überwältigend! 430 Teilnehmer aus allen Ecken der Welt. Ich war das einzige Kind. Mein Vorteil war, dass ich auf Hawaii aufwachsen konnte. Ich konnte zu jeder Jahreszeit aufs Wasser.

Wann haben Sie begonnen?
Mit elf Jahren. Weniger als zwei Jahre vorher …

Mit welchen Erwartungen sind Sie damals angereist?
Ich wusste nicht, was mich erwartet. Nur eins: Wenn es extrem windig wird, würde ich Probleme bekommen. Ich war so leicht, dass ich bei starkem Wind kaum surfen konnte. Bei leichtem Wind konnte ich meine Fähigkeiten ausspielen. Durch mein niedriges Gewicht wurde das Board schneller. Glücklicherweise hatten wir nur leichten Wind.

Wann haben Sie gemerkt: Ich kann das hier schaffen!
Wir hatten mehrere Rennen. Kein Freestyle, kein Wellenreiten, nur Streckenrennen. Erst nach mehreren Tagen habe ich gemerkt, wow, ich habe die Chance, dieses Ding zu gewinnen. Und als ich nach einigen Tagen die Führung übernahm, fragten plötzlich alle: „Was macht dieses kleine Kind da?“ (lacht)

Wie haben die anderen auf das Kind reagiert?
Manche waren beeindruckt, manche bestürzt. Ich wurde der letzte Gesamt-Weltmeister. Danach gab es verschiedene Gewichtsklassen. Ich glaube, dass viele von den älteren, schwereren Jungs so geschockt darüber waren, von einem kleinen, leichten Kind geschlagen worden zu sein, dass man die kombinierte Gesamtwertung abgeschafft hat. Danach habe ich halt in meiner Gewichtsklasse gewonnen.

Der Moment, als Sie wussten: Ja, ich habe gewonnen. Wie war der?
Ich war … (überlegt) … Ich war glücklich. Aber auch geschockt, wollte nicht triumphierend auftreten, weil ich wusste, dass ich Glück hatte. Abends habe ich meine Eltern angerufen. Der erste Anruf seit meiner Ankunft. Damals war das Telefonieren teuer und wir hatten wenig Geld.

Was hat das Telefonat gekostet?
Ich musste es nicht bezahlen. Meine Eltern hatten Gäste zum Abendessen. Aus dem Hintergrund hörte ich sie rufen: „Welchen Platz hat er gemacht? Wie hat er abgeschnitten?“ Ich sagte: „Oh, ist ganz gut gelaufen.“ Als ich erzählte, dass ich gewonnen hatte, hörte man Schreie: „Oh my God!“ Ein echter Schock, eine Riesenüberraschung.

Wie waren die ersten Tage danach?
Ich reiste nach Hause. Windsurfen war damals ein ganz kleiner Sport, unter dem Radar (von Naishs erstem WM-Sieg finden sich beispielsweise keine Fotos, d. Red.).

Aber Sie haben dafür gesorgt, dass er gewachsen ist.
Aber nicht auf Hawaii! Es wurde größer in Europa, es wurde größer in Japan, aber in Hawaii blieb es klein. Ich habe das geliebt! Ich kam nach Hause – und es hat niemanden gekümmert.

Sie konnten Kind bleiben.
Absolut. Die anderen in der Schule wussten nichts davon, keiner meiner Schulfreunde war Windsurfer. „Ah, er macht diesen Windsurfkram, na ja.“ Es hat keinen gekümmert. (lacht) Die Lehrer auch nicht.

Wie haben Sie sich für weitere Erfolge motiviert?
Ich liebe, was ich tue. Und Wettkampf war für mich eine Erfahrung – aber nie ein Ziel. Ich wollte meinen Sport gut machen. Auch hat sich das Windsurfen immer verändert. Ausrüstung, Wettbewerbe. Jedes Jahr war neu. Ein neues Board, neue Segel, wir wurden noch schneller. Als ob es keine Beschränkungen gegeben hätte, als ob man jedes Jahr ein noch schnelleres Auto fahren würde. Vielleicht haben wir den Sport zu sehr ausgereizt – über den Punkt hinaus, an dem er noch für das große Publikum attraktiv ist.

Sie wirken glücklich.
Zu glücklich! Manchmal bekommst du mehr, als du verdienst. Ich bin einer dieser Menschen, die das Glück hatten zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein – und das viele Male. Ich bin über 50 Jahre alt – und noch immer ein bezahlter Profi. Das ist verrückt.

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