„Ich wollte Weltmeister werden – mir doch egal, wie!“
Ein Elfmeter für die Ewigkeit: Paul Breitner trifft im WM- Finale 1974 vom Punkt zum 1:1 Ausgleich. Foto: imago

„Ich wollte Weltmeister werden – mir doch egal, wie!“

Eiskalt verwandelt: Paul Breitner erzählt von seinem Elfmeter im WM-Finale von 1974

Der 7. Juli 1974 in München. Am Vormittag des WM-Finales gegen die Niederlande fragt Bundestrainer Helmut Schön in die Runde, wer schießt, falls es einen Elfmeter geben sollte. Niemand meldet sich. In der 25. Minute des Endspiels gibt es Elfmeter für Deutschland. Paul Breitner nimmt sich den Ball. Im Interview blickt Breitner noch einmal zurück.

Herr Breitner, beamen wir uns ins WM-Finale 1974. Die Holländer führen durch einen Elfmeter von Johan Neeskens mit 1:0. In der 25. Minute gibt es Strafstoß für Deutschland. Bernd Hölzenbein ist gefoult worden.
Und plötzlich habe ich den Ball in der Hand. Wie in Trance.

Sie legen die Lederkugel auf den Punkt, bereit zur Ausführung, da kommt Wolfgang Overath aufgeregt auf Sie zu und fragt irritiert: „Hey, Paul, willst du jetzt schießen?“
Ich habe geantwortet: „Das siehst du doch. Den haue ich jetzt rein. Und nun schleich dich!“ All das hat man mir hinterher erzählt, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich hatte einen Filmriss. Vom Elfmeterpfiff bis zum Wiederanstoß. Rund zwei Minuten.

Der schönste Filmriss der deutschen Länderspielgeschichte. Sie bezwingen Hollands Torhüter Jan Jongbloed, das 1:1. Kurz vor der Pause erzielt Gerd Müller den Siegtreffer – 2:1. Deutschland ist zum zweiten Mal Weltmeister.
Bei vollem Bewusstsein hätte ich gesagt: Ich? Niemals!

Wer war denn eigentlich eingeteilt für einen Elfmeter im Endspiel? Wer sollte schießen?
Wir hatten keinen festen Schützen. Im Frühjahr 1974 hat Gerd Müller bei Bayern-Spielen ein paar Elfer verschossen, auch der Franz (Beckenbauer – d. Red.). Beide haben darauf gesagt: „Nie wieder!“ Auch am Morgen des Finales. Sonntag, 11 Uhr, Sportschule Grünwald. Helmut Schön fragte wieder: „Leute, wer schießt?“ Und wieder meldete sich keiner.

Was haben Sie sich damals gedacht? Sie waren einer der Jungspunde, gerade 22 Jahre alt.
Menschenskinder, warum will denn keiner? Es war, als ob sie sich wünschten, dass es keinen Elfmeter im Spiel gäbe. Ich wollte zehn Elfer pro Spiel! Ich wollte Weltmeister werden – mir doch egal, wie!

Uli Hoeneß, Ihr Mitspieler vom FC Bayern, hatte gegen Schweden getroffen, aber gegen Polen verschossen.
Genau. Die Lösung mit Uli hatte sich also auch erledigt. Schön wollte immer wieder den Gerd überreden, aber der weigerte sich. Jede Sitzung endete also mit denselben Worten von Schön: „Ja, okay. Dann werden wir sehen.“ In der Sitzung am Vormittag vor dem Finale sagte er plötzlich: „Meine Herren, dann unterhalten wir uns noch mal in der Kabine. Wir müssen eine Lösung finden.“ Ich dachte mir: Das kann doch nicht wahr sein!

Kam es noch zu einer Entscheidung?
Der Bundestrainer sagte zu Franz: „Wenn es so weit kommt, nehmen wir Kontakt auf.“ Er wollte, dass sich die neun anderen Feldspieler keine Gedanken machen mussten. Ich war fassungslos. Der Franz hätte bei einem Elfmeter doch nicht zum Schiedsrichter sagen können: „Wir brauchen bitte noch fünf Minuten, weil wir erst eine Arbeitsgemeinschaft gründen müssen, um einen Schützen zu finden.“

Und so kam es zu Ihrem legendären Elfmeter. Als der Schiedsrichter auf den Punkt zeigte, haben Sie da überhaupt zur Bank und zum Bundestrainer geschaut?
Nein, für mich hat niemand um mich herum existiert. Ich habe nichts gesehen, nichts gehört. Zum Glück hatte ich früh in meiner Karriere mit autogenem Training begonnen, konnte alles ausblenden, auch die knapp 80 000 Zuschauer. Ich habe nur getan, was ich tun musste – unbewusst.

Der Elfmeter hat Ihren weiteren Karriere- und Lebensweg entscheidend beeinflusst.
Es war ein wegweisender Moment. Weil ich nach wie vor täglich darauf angesprochen werde. Es ist eine Erinnerung, die mich mein ganzes Leben lang verfolgt – im Positiven. Bin ich eines Tages zu altersschwach, um diese Geschichte wieder und wieder zu erzählen, werde ich mir in die Schulter einen Chip einpflanzen lassen. Wenn ich auf dem Sterbebett liege, kann ein jeder, der nach diesem Elfer fragt, einen Knopf drücken und sich meine Version anhören.

Das komplette Interview mit  Paul Breitner steht im Buch zur Serie:

Das Buch zur Serie
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