„Kneifen kam gar nicht infrage“
Ein Traumpaar: Hans Günter Winkler mit seiner Stute „Halla“ 1957 bei einem Reitturnier in Achen. Foto: imago

„Kneifen kam gar nicht infrage“

Vor 61 Jahren ritt Hans Günter Winkler auf seiner Stute Halla zum Olympia-Gold

Der Weg zur Reitsportlegende führt, wie könnte es anders sein, ins Reitsportmekka – nach Warendorf. Seit 1950 lebt Hans Günter Winkler, kurz HGW, in der Kleinstadt nahe Münster. Hier, im platten Münsterland, blickt der weltweit erfolgreichste Springreiter bei Olympischen Spielen auf eine steile Karriere zurück. Fünf Goldmedaillen, eine Silbermedaille, eine Bronzemedaille, dazu zwei Weltmeistertitel, ein Europameistertitel, fünfmal deutscher Meister. Bis 1984 ritt HGW in 107 Nationenpreise, von denen er 42 gewann. Im Gespräch erzählt der am Montag 91 Jahre alt gewordene Springreiter, warum aufgeben keine Option war, und wie er es schaffte, unzähmbare Pferde zu reiten.

Herr Winkler, gehen wir zurück auf den 17. Juni 1956. Olympische Spiele in Stockholm. Erster Umlauf. Dreizehntes Hindernis, der 1,60 Meter hohe Gartenkoppelzaun. Bis dahin waren Sie auf Ihrer Stute Halla fehlerfrei geblieben, als Einziger. Was passierte dann?
Es war der vorletzte Sprung. Er war sehr steil und hoch. Um keinen Fehler zu riskieren, habe ich die Stute stärker zurückgenommen. Halla sprang daraufhin heftig ab und riss über dem Sprung ihre Hinterhand hoch. Um oben zu bleiben, machte ich instinktiv die Knie zu. Da sagte es peng! Es war unglaublich schmerzhaft, in vielerlei Hinsicht.

Sie haben sich dabei einen Muskel in der Leiste gerissen. Aber ein Hindernis kam noch. Wie konnten Sie sich im Sattel halten?
Mit Glück. Ich hatte keine Führung mehr und rutschte im Sattel hin und her. Ich blieb nur drauf, weil Halla geradeaus lief: Durch den nächsten Sprung, direkt auf den Ausgang zu. Pferde gehen ja immer dahin, wo die Pfleger mit den Leckerlis warten. Sie führten uns aus dem Parcours, ich rutschte von Halla herunter und wurde zur nächsten Bank getragen. Da saß ich dann.

Ihr Mannschaftsarzt diagnostizierte Ihnen daraufhin zunächst einen Leistenbruch …
Nein, nein. Ich habe keinen Arzt rangelassen.

Dachten Sie nie ans Aufgeben?
Nein, aufgeben kenne ich nicht. Wir waren damals drei Mann. Nicht vier Mann wie heute. Wenn einer ausfiel, war die Mannschaft kaputt. Ich hatte plötzlich die Verantwortung. Jeder guckte: Was macht er nun? Ich signalisierte: Alles in Ordnung. Wenn man mich in ein Krankenhaus geschleppt hätte, dann wäre alles aus gewesen. Hans Günter Winkler wäre der größte Feigling der Nation gewesen. Ich war damals der Erfolgreichste. Die Leute warteten nur darauf, dass ich mir einen Fehler leiste.

Nach dem ersten Umlauf lag die deutsche Equipe mit 28 Fehlerpunkten in Führung. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg waren die deutschen Reiter einer Medaille so nah. Konnte man da überhaupt kneifen?
Kneifen kam gar nicht infrage. Es gibt Leute, die über den Dingen stehen, die wie besessen an die Dinge glauben. Wie der Beckenbauer, der mit gebrochenem Unterarm weiter Fußball spielte. Ich wollte zu Olympia. Ich war bei Olympia. Ich wollte reiten – und gewinnen.

War Ihr Umfeld nicht besorgt?
Neben unserem Tierarzt, Willi Büsing, ahnte nur Fritz Thiedemann, was genau los war. Er war zehn Jahre älter, er war mein Mannschaftskollege und Kumpel. „Schnauze halten, gucken, wir machen das schon“, sagte Fritz zu mir. Wir waren damals nicht zimperlich.

Vor dem zweiten Umlauf wenig später gab der Tierarzt Ihnen ein Zäpfchen und flößte Ihnen starken Kaffee ein. Dann ging es mit Halla zurück in den schwersten Parcours der Welt. Eigentlich unmöglich, oder?
Galoppieren ging. Aber die Sprünge waren unerträglich. Ich schrie bei jedem Sprung. Die Stute sprang mit jedem Schrei höher. Halla und ich haben füreinander gekämpft. Ohne mich ging es für sie nicht. Aber mit einem anderen Pferd wäre es für mich nicht gegangen. Wir blieben null – und gewannen Einzelgold und Mannschaftsgold.

Halla galt als schwieriges Pferd. Für etliche Reiter war sie „unreitbar“. Wie haben Sie die Stute rumgekriegt?
Ich lernte Halla 1951 kennen. Sie war auf der Rennbahn gewesen, in der Vielseitigkeit und überall für untauglich befunden worden. Der Bursche, der mir Halla brachte, sagte nur: „Achtung, ist eine Frau. Kann zickig sein.“ Zum Glück habe ich ein Händchen für Frauen. Eine Frau kann man nicht schlagen, mit einer Frau muss man reden. Nur wenn gar nichts mehr geht, hilft kaltes Wasser. So habe ich das mit Halla gemacht: Es gab Worte, Leckerlis und ab und zu kaltes Wasser.

War das Ihr Erfolgsrezept im Umgang mit Pferden?
Ich habe mit sieben Pferden olympische Medaillen gewonnen, die als nicht reitbar galten. Das waren Persönlichkeiten, intelligent wie Menschen. Für mich waren sie perfekt, mit dummen Pferden konnte ich nichts anfangen. Am liebsten bin ich eigentlich Stuten geritten: Eine Frau geht für einen Mann, den sie liebt, durchs Feuer. Auf eine Frau können Sie sich verlassen. Auf Männer nicht.

Sie sind in Wuppertal geboren und aufgewachsen. Wie kamen Sie zum Reiten?
Mein Vater war in Wuppertal Reitlehrer. Ich war Einzelkind, ging in den Kindergarten, in die Schule und nachmittags in den Stall. Ich habe mich nützlich gemacht und durfte ab und zu in den Sattel.
Im Krieg wurde Ihre Familie zersprengt. Ihr Vater starb. Was bedeutete das für Ihre reiterliche Laufbahn?
Ich war das Hänschen, das durch den Krieg zum Hans wurde. An reiten war zunächst nicht zu denken. Meine Mutter war ausgebombt worden. Wir waren kaputt. Wir hatten Hunger. Nach dem Krieg arbeitete ich im Taunus als Pferdepfleger. Ich war ein Niemand. Bis ich Eisenhower traf.

General Dwight D. Eisenhower?
Ja. Eisenhower war Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone. Ich kümmerte mich um seinen Stalltrakt. Eines Morgens musste ich mit zwei gesattelten Pferden im Hof stehen. Da kam ein älterer Herr auf mich zu und sagte: „Eisenhower.“ Ich antwortete: „Winkler.“ Wir sind dann zusammen ausgeritten. Ohne Begleitung. Eisenhower plauderte über sein Leben. Ich über meins. Wir haben uns wunderbar verstanden.

Stimmt es, dass Sie Eisenhower Reitunterricht gegeben haben?
Nein. Aber er hat mein Talent erkannt. Seine Frau und er wollten mich mit nach Amerika nehmen. „Wir würden Sie gern adoptieren“, sagte er zu mir. „Sie wären dann ein Eisenhower, mit allen Rechten und Pflichten.“ Fast hätte ich eingewilligt. Aber ich konnte meine Mutter nicht alleinlassen. Das war die Entscheidung meines Lebens. Eisenhower fuhr nach Hause, wurde Zivilist und bald darauf Präsident der Vereinigten Staaten.

Und Sie wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren der Star des deutschen Reitsports. Wie haben Sie den Höhenflug erlebt?
Allein. Meine Schwiegermutter sagte dazu: „It’s lonely on the top, but you eat better.“ Es ist einsam an der Spitze, dafür isst man besser. Ich hatte wenige Freunde, aber umso mehr Neider. Das liegt in der Natur der Sache.

Vor sechs Jahren starb Ihre vierte Frau Debby an den Folgen eines Reitunfalls.
Sie ritt auf unserem Reitplatz, dreihundert Meter von hier. Ich hatte mir ihr Training angeguckt und war danach im Haus verschwunden. Ihre Stute muss sich vor irgendetwas erschrocken haben. Sie stieg, kippte nach hinten über und begrub meine Frau unter sich. Totalschaden. Ein Sturz ist normalerweise kein Problem. Wir sind alle hundertmal gestürzt. Aber die Art, wie Debby gestürzt ist, war schlimm. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus.

Was ist aus dem Pferd geworden?
Glauben Sie mir: Wenn ich eine Pistole gehabt hätte, hätte ich die Stute erschossen. Aber ich habe sie nicht mehr gesehen. Debbys Tod war ein furchtbarer Schlag für mich. Ich war derjenige, der da hätte liegen sollen. Ich war derjenige, der hätte sterben sollen.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.