„Muss Kunst nicht provozieren, Frau Végh?“
Heike Schmidt spricht mit Christina Végh, der Direktorin der kestnergesellschaft (rechts) über Vergangenheit und Zukunft des Kunstvereins. Foto: Oberdorfer

„Muss Kunst nicht provozieren, Frau Végh?“

Sie haben keine Ahnung von der Kunst? Macht nichts! Trotzdem sollten Sie sich am Samstag, 3. September, zur Kestnergesellschaft aufmachen. Sie wird 100 Jahre alt und richtet ein großes Fest aus. Von 12 bis 18 Uhr wird in den Räumen an der Goseriede 11 in Hannover gefeiert. Zu sehen gibt es aber nicht nur Kunst, Kinder können beispielsweise auch selbst zu Malern werden. Der Eintritt ist kostenlos. Warum sich der Weg zur Kunst auch sonst lohnt, erklärt die Direktorin Christina Végh im Gespräch auf unserem Roten Sofa.

Die Ausstellung anlässlich des 100-jährigen Bestehens der kestnergesellschaft hieß „Stellung nehmen“. Wann haben Sie das letzte Mal Stellung genommen?
Ich nehme täglich Stellung. Jede Entscheidung schließt eine Stellungnahme mit ein.

Ist das nicht manchmal schwer?
Das ist natürlich unterschiedlich. Man muss die Sachlage und die Argumente prüfen und dann abwägen.

Das hört sich sehr verkopft an. Treffen Sie auch Bauchentscheidungen?
Bei aller Sachlichkeit, ich glaube Intuition spielt immer mit ein Rolle, ich glaube man macht sich was vor, wenn man meint, Bauch und Kopf voneinander trennen zu können, so wie in der Kunst Form und Inhalt nicht voneinander losgelöst sein können.

Wie ist Ihr Eindruck: Nehmen immer weniger Menschen Stellung? Oder immer mehr?
Schwierige Frage. Ich denke, einerseits erscheint uns die Welt komplexer. Wir bekommen heute weit mehr Informationen als jede Generation vor uns, zudem sind politische, wirtschaftliche, ökologische Fragestellungen weltweit mehr denn je miteinander verwoben.  Sich in dieser Gemengenlage zu orientieren, ist herausfordernd, es gibt genug Beispiele momentan, die zeigen, dass viele Menschen sich einer Stellungsnahme nicht verwehren, allerdings dazu neigen, einfachen Antworten, die der Komplexität nicht Rechnung tragen, zu folgen. Ich denke, wir müssen heutzutage die Informationen etwas länger sortieren.

Ihre Aufgabe ist es ja auch, Kunst zu sortieren. Wie machen Sie das?
Zum einen interessieren mich die Künstler, die neue Wege beschreiten, zum anderen aber auch ältere Künstler, deren Werke meiner Meinung nach zu Unrecht bisher weniger Beachtung fanden oder aber die für eine jüngere Generation wegweisend sind. Wir sind immer Kinder unserer Zeit, das heißt, Dinge, die heute aktuelle gesellschaftspoltische Relevanz haben, lassen uns auch in jeder Zeit anders an Geschichte oder ältere Kunst herantreten.  Zudem möchte ich, dass  Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ausstellungen sichtbar werden. Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, zeigt Werke von Monika Baer. Sie ist eine Künstlerin, die mit den Mitteln der Malerei die Frage zwischen dem Objekt und seiner Darstellung erneut aufwirft, die Grenzen oder den Übergang von einer „Bildrealität“ und der „wirklichen“ Welt auslotet. In einer Welt wie heute, wo wir umgeben sind von so vielen (digitalen) Bilder, die unterschiedliche Realitäten bedeuten, ist diese Frage brisant.

Jede Ausstellung kostet Geld. Ist es der Kunst überhaupt möglich, unabhängig Stellung zu nehmen? Oder anders gefragt: Wie kann man die Kunst gegen den Kommerz verteidigen?
Kunst ist nie frei von finanziellen Rahmenbedingungen. Das war sie übrigens noch nie. Kunst wird oft als Luxus angesehen. Dem muss ich aber vehement widersprechen. Schauen Sie in die Krisengebiete, was passiert, wenn dort die Kunst zerstört wird. Da zeigt sich: In krassen Situationen werden Kulturgüter beschützt. Sie sind der Boden der Erinnerung. Alles, was Gegenwart in der Kunst ist, ist ein Weiterarbeiten an diesem Wert.

Sie haben einmal gesagt, Sie stünden eher dafür, Stellung zu nehmen, anstatt zu provozieren. Muss Kunst nicht provozieren?
Der eine fühlt sich von roten Haaren provoziert, für den anderen sind grüne Haare ganz normal. Wichtig ist, dass Sie offen und neugierig sind, wenn Sie zu uns kommen – und sich nicht in Grundsätzen bestätigt sehen wollen, ansonsten wären wir im Feld des Kommerzes angekommen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Skandale sagen mehr über die Betrachter, das Publikum aus, als über die Qualität einer künstlerischen Arbeit.

Interview: Heike Schmidt

Die kestnergesellschaft ist nicht nur einer der ältesten, sondern auch der renommiertesten Kunstvereine Deutschlands. Am 31. August 1916 gründeten der Fabrikant Hermann Bahlsen, der Verleger August Madsack sowie der Inhaber der Pelikanwerke Fritz Beindorff die kestnergesellschaft. Die erste Ausstellung zeigte Bilder von Max Liebermann. 1936 wurde der Kunstverein zwangsgeschlossen. Zuvor hatte der Vorstand drei Jahre lang persönliche Risiken auf sich genommen, um ihren jüdischen Direktor Justis Bier von den Repressalien der Nationalsozialisten zu schützen. Bier gelang es, in die USA zu fliehen. 1948 wurde die kestnergesellschaft wiedereröffnet. Heute feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen.

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