Das Rote Sofa: Vanessa Münstermann
Vanessa Münstermann will mit ihrem Verein „Ausgezeichnet“ anderen Opfern helfen. Foto: Oberdorfer

Das Rote Sofa: Vanessa Münstermann

Nichts ist für Vanessa Münstermann mehr so wie es einmal war: Ihr linkes Ohr fehlt. Die linke Gesichtshälfte ist von Narben überzogen. Ihr linkes Auge wird sie verlieren. Verantwortlich dafür ist ihr ehemaliger Freund, Daniel F.. Er lauerte der damals 27-Jährigen auf und überschüttete sie mit Schwefelsäure. Tags zuvor hatte Vanessa ihn bei der Polizei wegen Stalkings und Gewalt angezeigt. Sie lag zwölf Tage im künstlichen Koma und hat zahlreiche Operationen hinter sich. Das Landgericht Hannover hat Daniel F. für die Säureattacke zu zwölf Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Jetzt, ein Jahr nach der Tat, hat die junge Frau den Verein „AusGezeichnet“ gegründet. Sie will anderen Opfern helfen.

Wenn Sie an den Tattag zurückdenken, woran erinnern Sie sich?
An jedes Detail. Als ich aus dem Koma aufgewacht bin, hatte ich keinen Blackout. Als die Ärzte mich fragten: „Wissen Sie, was passiert ist?“ dachte ich zuerst, sie wollten von mir wissen, wie sie mich behandelt hatten. Aber an die Tat erinnere ich mich sehr genau.

Welche Gefühle löst es bei Ihnen aus?
Angst. Die Angst überwiegt, dass es sich wiederholen könnte. Ich lebe auf Zeit. Acht Jahre habe ich. Was ist, wenn er dann raus kommt? Er hat schließlich angedroht, es wieder zu tun. Und ich weiß ja nicht, was wahr ist. Wird er es wieder tun? Ist das wahr oder eine Lüge? Ich hatte ja nicht die Chance, mit ihm zu reden.

Sie würden nochmals mit ihm reden?
Naja, wenn, wüsste ich ja auch nicht, ob er die Wahrheit sagt.

Er schickt Ihnen ja auch Briefe…
Ja, heute ist gerade wieder einer gekommen. Ich beantworte sie auch alle, aber schicke sie nie ab. Das ist quasi eine Therapie für mich. Ich fahre auch an die Orte, an denen wir waren. Vielleicht ist das ein Fehler. Aber es ist besser, das zu tun, als später zu bereuen, was man nicht getan hat.

Hassen Sie diesen Menschen nicht?
Nein. Ich denke, er ist ein sehr armer Mensch. Ich denke, er hat sich nicht überlegt, was er sich selbst auch angetan hat. Schließlich will er doch auch noch einmal lieben und leben. Hass kostet mich zudem zu viel Kraft. Die brauche ich für andere Dinge, beispielsweise für meinen Verein. Ich möchte Menschen mit meinen Erfahrungen helfen.

Wie das?
Auf der Intensivstation hörte ich viele Dinge, die ich nicht einordnen konnte. Was sind Verbrennungen? Was tut man da? Wie sieht das aus? Ich wollte wissen, was passiert. Da kommt kein anderes Verbrennungsopfer vorbei und erklärt das alles. Da ist man auf sich allein gestellt.

Wie viel haben Sie in den ersten Tagen auf der Intensivstation mitbekommen?
Obwohl ich im Koma lag, sehr viel. Da war beispielsweise Schwester Konstanze. Sie wusch mich. Sie streichelte mich. Sie unterhielt sich mit mir. Wenn Sie so wollen, möchte ich die Schwester Konstanze sein, die anderen genauso hilft.

Man hat Ihnen zu Anfang keinen Spiegel gegeben…
Ja, aber man sieht sich ja trotzdem in den vielen Fensterscheiben der Intensivstation…

Und wie war es, als Sie das erste Mal in den Spiegel gesehen haben?
Ich habe mich auf der Toilette eingeschlossen. Meine erste Reaktion war: „Oh Scheiße.“

Heute verdecken Sie Ihre Narben nicht…
Nein. Jeder will doch heute besonders sein. Ich bin schon besonders.

War das immer so?
Natürlich habe ich im ersten Moment auch gedacht: Oh Gott, jetzt kriege ich nie mehr einen Mann ab. Heute will ich gesehen werden. Mein neues Auge wird auch ein blaues Auge sein – ohne Pupille. Dann kann man nicht mehr genau sehen, wohin ich eigentlich gucke.

Wie viele OPs stehen Ihnen noch bevor?
Die Ärzte sagen „open end“ – also in den zwölf Jahren unzählige…

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre es?
Dass Daniel nie mehr an mich rankommt.

Sie haben ihn damals wegen Stalkings angezeigt. Er überschüttete Sie mit Säure. Könnten Sie verstehen, dass Frauen angesichts Ihres Schicksals Angst haben, denselben Schritt zu tun? Würden Sie nochmal so handeln?
Schwierige Frage. Ich glaube, Herr Rosenbusch (der Richter) hatte Recht. Er sagte in der Verhandlung, es war das einzig Richtige von mir, ihm Grenzen aufzuzeigen. Aber ich kann natürlich nicht für alle Frauen sprechen. Ich verstehe auch die Angst. Ich lebe nun täglich mit ihr.

Interview: Heike Schmidt

Der Verein
Vanessa Münstermann hat vor kurzem den Verein „AusGezeichnet“ gegründet. Sie möchte anderen Menschen helfen, die ein ähnliches Schicksal wie sie erlitten haben. „Ich bin entstellt. Ich möchte anderen Entstellten helfen“, sagt sie schlicht. Viele würden sich nicht mehr hinauswagen, würden sich schämen und hätten Angst, sich zu zeigen. „Wenn ich nur eine Person aus dem Haus kriege, dann habe ich schon mein Ziel erreicht.“ Dafür will sie kämpfen. Aufgeben kam für sie persönlich nie in Frage: „Ich weigere mich in die Zukunft zu schauen und mein Leben von Schmerz und Leid dominieren zu lassen und habe beschlossen, der grausamen Tat etwas Positives abzugewinnen, vielleicht sogar einen gewissen Sinn zu geben.“
Weitere Informationen über den Verein findet man im Internet unter www.ausgezeichnet-ev.de

 

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