Sein Job: Schütze den Quarterback
Dafür ist er zuständig: Sebastian Vollmer (Mitte) hält seinem Quarterback Tom Brady (links) den Rücken frei. Foto: imago

Sein Job: Schütze den Quarterback

Als erster Deutscher gewinnt Sebastian Vollmer 2015 den Super Bowl im American Football

Sebastian Vollmer ist in dieser Saison mit einer Hüftverletzung zum Zuschauen verdammt – leider auch beim Super Bowl 51. Dort trafen seine New England Patriots in der Nacht von Sonntag auf Montag auf die Atlanta Falcons und gewannen in einem packenden Match  in der Nachspielzeit mit 34:28 die begehrte Trophäe. 2015 gelingt Sebastian Vollmer etwas, was zuvor noch kein Deutscher schaffte: Mit den Patriots siegt er im Endspiel. Immer und immer wieder wirft er sich mit seinem Körper in den Gegner. Nimmt Verletzungen in Kauf, schlimme Verletzungen. Sebastian Vollmer (32) hat nur einen Job, einen harten Job: Er muss seinen Quarterback, den wichtigsten Spieler seines Teams, beschützen. Im Interview erzählt er von seinem größten Sieg und der Verletzungsgefahr.

Herr Vollmer, 2012 standen Sie gegen die New York Giants erstmals im Finale. Damals gab es eine Niederlage. Wie sind Sie damit umgegangen?
Wir arbeiten sehr hart in einer Saison, haben viele Spiele. Wenn man ins Finale kommt, ist das eine große Sache, die nicht viele Sportler in ihrer Karriere erleben dürfen. Ein Wahnsinnserlebnis. Dass wir verloren haben, war sehr hart für mich. Nach ein paar Tagen schwang diese negative Stimmung aber in Kampfgeist um.
Drei Jahre später: Wieder stehen die Patriots im Superbowl – dieses Mal gegen die Seattle Seahawks. Anfang des letzten Viertels führt Seattle mit 24:14. Nach einer irren Aufholjagd liegen die Patriots eine Minute vor Ende mit 28:24 in Führung – aber die Seahawks sind in Ballbesitz. Nur noch wenige Sekunden sind zu spielen. Russell Wilson, Seattles Quarterback, setzt zum womöglich entscheidenden Touchdown-Wurf an, der das Spiel erneut drehen und entscheiden kann …

Herr Vollmer, bitte beschreiben Sie die letzten Sekunden des Spiels.
Die Seahawks haben die Chance, das Spiel mit einem Touchdown zu entscheiden. Wir wissen aber, dass wir dann mit unserer Offensive noch einmal aufs Feld dürfen und ein paar Sekunden Zeit für einen Gegenangriff haben. Doch dann fängt unser Spieler Malcolm Butler den Pass ab – und plötzlich geht ein unvorstellbarer Jubel durch das Stadion. Sofort ist mir klar: Jetzt bitte, bitte keinen Fehler mehr machen!
Was haben Sie in der Sekunde gedacht, als das Spiel wirklich zu Ende war und Sie wussten, dass Sie den Superbowl gewonnen haben?
Mich überkam ein ganz komisches Gefühl. Als das Spiel dann wirklich zu Ende war, war es die pure Freude. Um ehrlich zu sein, habe ich das aber alles in dem Moment überhaupt nicht mitbekommen (lacht). Es waren plötzlich so viele Menschen auf dem Feld und man umarmt jeden, der einem in die Quere kommt. Man freut sich riesig, guckt nach seiner Familie. Das geht alles wie im Film. Ich wollte einfach nur feiern.

Beim Football muss man unzählige Spielzüge im Kopf haben. Ist es schon einmal vorgekommen, dass Sie auf dem Feld standen und nicht wussten, was Sie machen müssen?
Ja, leider (lacht). Es gibt hunderte Spielzüge. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man nicht weiß, welchen der Gegner uns anbietet. Man muss dann spontan entscheiden und auf den Gegner eingehen. Kompliziert.

Ihr Körper ist im Laufe der Jahre übel in Mitleidenschaft gezogen worden, Sie waren einige Male schwer verletzt. Was motiviert Sie, sich jede Woche zigmal im Spiel in den Gegner zu werfen?
Das ist mein Job. Wir wissen alle, was auf uns zukommen kann. Wir können diesen Beruf nicht ängstlich oder zögerlich ausüben.
Auch nicht, wenn es um Krankheiten wie die Gehirnkrankheit CTE geht, die durch zu viele harte Schläge auf den Kopf ausgelöst werden kann? In der NFL ist dies ein Reizthema …
Natürlich wissen wir, dass solche Verletzungen gerade im Football häufiger auftreten können. Wir sind ja nicht naiv und denken, wir sind unverletzbar. Wir wissen alle, dass dem Gehirn auch was passieren kann. Aber man darf sich nicht verängstigen lassen. Man muss sich aber immer im Klaren sein, dass was passieren kann.
Sie waren der erste Deutsche, der es beim NFL-Draft (ein Casting, bei dem sich Profiteams Spieler auswählen, die zuvor in den Colleges und Universitäten gespielt haben, Anm. d. Red.) zu einem Team schaffte. War Ihnen sofort klar, dass Sie ab sofort Footballprofi in Amerika sind?
An diesem Tag des Drafts weiß man nicht, was passiert. Man wartet den ganzen Tag ab, ob man gedraftet wird und wo man dann hingeht. Es ist ein ganz komisches Gefühl. Dieses Warten! Es ist klar, dass das Leben sich sehr schnell verändern wird, wenn man ausgewählt wird. Ich musste innerhalb von ein paar Tagen von Houston nach Boston ziehen. Das ganze Leben hat sich verändert. Als ich angefangen habe, Football zu spielen, wusste ich gar nichts über diesen Sport.

Am Ende wurde aus diesem Weg eine Bilderbuchkarriere. Dennoch stehen Sie nicht so im Fokus wie etwa Dirk Nowitzki in der NBA. Stört Sie das?
Nein! Diese Vergleiche möchte ich auch gar nicht. Dirk hat eine Wahnsinnskarriere hingelegt und ist im Basketball immer noch einer der Besten. Ich finde das aber auch nicht schlimm. Ich mache es aus der Liebe zum Sport und nicht, um bekannt zu sein.

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