So etwas erlebt man selten im Leben
Diese eine Sekunde: Ottmar Hitzfeld mit der Meisterschale im Hamburger Volksparkstadion im Jahr 2001 Foto: imago

So etwas erlebt man selten im Leben

Trainerlegende Ottmar Hitzfeld kennt wie kaum ein anderer die entscheidenden Sekunden in einem Fußballspiel

Die Fußball-Bundesligisten greifen auf immer jüngere und unerfahrenere Trainer zurück. Einer, der mit sieben deutschen Meisterschaften, drei DFB-Pokal-Erfolgen und zwei Champions-League-Siegen Geschichte geschrieben hat, ist Ottmar Hitzfeld (68). Ein Interview mit einem Mann, der wie kein Zweiter weiß, wie „diese eine Sekunde“ alles verändern kann. Im Sport und im Leben.

Herr Hitzfeld, als Sie ein Kind waren, sollen Sie sehr schüchtern gewesen sein – später wurden Sie der beste Trainer der Welt. Wie passt das zusammen?
(lacht) Eigentlich gar nicht. In der Schule hatte ich immer Angst, mich zu melden. In der pädagogischen Hochschule habe ich ungern Vorträge gehalten.

Was war die Sekunde Ihres Durchbruchs?
Es war 1971, ich war 22, meine Eltern waren in den Ferien. Ich habe mich hingesetzt und einen kleinen Vortrag auswendig gelernt: wie viele Spiele ich bei meinem Heimatverein Lörrach gemacht habe, dass ich Torschützenkönig war, in der südbadischen Auswahl spielte. Und dann habe ich Helmut Benthaus, den Trainer vom FC Basel, angerufen. Ich habe ihn gefragt, ob ich zum Probetraining kommen darf. Diese Sekunde, in der ich das Telefon in die Hand genommen habe – normalerweise wäre ich nie so mutig gewesen –, war der Durchbruch. Mein Drang, Profi zu werden, war größer als die Angst. Ohne dieses Telefonat hätte es auch den späteren Trainer Hitzfeld nicht gegeben.

Ihr Trainer-Spitzname: der General. In der Schweiz waren Sie zweimal Meister, dreimal Pokalsieger – dann holte Sie Borussia Dortmund 1991 in die Bundesliga. 1995 feierten Sie Ihre erste deutsche Meisterschaft. Die Sekunde des Abpfiffs?
Mir kamen die Tränen. Eine Riesenlast ist in der Sekunde gefallen. Gerade in Dortmund, wo der Fußball eine ganz andere Bedeutung hat als in München – in Dortmund ist Fußball Religion, dort ist die Identifikation viel größer. Man bekommt jeden Tag mit, wie alle mitfiebern. Ich bekam Bilder zugeschickt: Altäre mit schwarz-gelben Kerzen, Heiligenbilder.

Sie gingen in die Platzwartkabine, um ein paar Minuten allein für sich zu sein.
Ich war gerührt. Mein Vater war 90 Jahre alt, ich habe ihn aus der Kabine angerufen. Dass er noch erleben durfte, dass sein Sohn deutscher Meister wurde! Mein Vater stand immer hinter mir. Er konnte nie glauben, dass ich Bundesliga-Trainer bin.

Sechs weitere Meisterschaften sollten folgen. Die unvergesslichste: Im Hamburger Volksparkstadion läuft die 94. Minute …
… 2001. Das war der Wahnsinn und für mich die emotionalste Meisterschaft. Hamburg hatte in der 88. Minute das 1:0 gemacht, wir waren tot.

Sie wurden Meister.
Nach dem Gegentor von Barbarez bin ich kurz erstarrt. Aber ich wusste, wir bekommen noch eine Chance. Dann kommt der Rückpass, den der Hamburger Torwart Mathias Schober aufnimmt. Es gibt Freistoß! Olli Kahn sprintet nach vorne und tigert vor dem Torwart herum, Willy Sagnol beruhigt ihn. Stefan Effenberg holt sich Patrik Andersson und sagt ihm: „Du schießt.“ Normalerweise wäre Effe der Schütze gewesen. Was dann passiert ist, diese Emotionen, diese Sekunde des Glücks, so etwas erlebt man selten im Leben.

1999 hatten Sie das Gegenteil erlebt. Champions-League-Finale, Sie führen mit Bayern gegen Manchester United 1:0. Spieler ziehen sich bereits Sieger-T-Shirts an. Doch dann ändert eine Sekunde alles.
Als wir das 1:1 bekommen, denke ich: Mist, Verlängerung! Eine Minute später dann hatten wir verloren. Das war unglaublich brutal, ein Schock für alle. Die Mannschaft liegt auf dem Boden, alle fassungslos.

Was haben Sie gemacht?
Ich habe sie aufgerichtet und mich bedankt. Man kann seinen Spielern nicht immer nur danken, wenn man gewinnt …

War es am nächsten Morgen noch brutaler?
Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt eingeschlafen bin. Ich hatte oft schlaflose Nächte, in denen du dann verarbeitest. In dieser Nacht waren es die Fragen: Wie verkraftet dieser Verein den Rückschlag? Fällt die Mannschaft auseinander? Gibt’s Schuldzuweisungen? Wie reagiert die Vereinsführung? Wir sind an dieser Sekunde gewachsen, nicht zerbrochen.

2001 gewannen Sie nach der Meisterschaft auch die Champions League, die Sie 1997 schon mit Borussia Dortmund gewonnen hatten. Nur Carlo Ancelotti, Ernst Happel, José Mourinho und Jupp Heynckes haben das neben Ihnen mit zwei Mannschaften geschafft.
Im Elfmeterschießen, Olli hat drei Elfmeter gehalten. Das war ein Titel für die Ewigkeit, die Meisterschaft wird von Bayern erwartet. Drei Jahre war ich zu diesem Zeitpunkt Trainer bei Bayern, dreimal waren wir Meister, zweimal im Champions-League-Finale, das geht an die Substanz. Ich habe Raubbau am eigenen Körper betrieben. Ich war da schon ein bisschen müde und wollte vorbeugen. Also habe ich Uli Hoeneß am Tag nach dem Sieg im Flugzeug, wir waren auf dem Weg nach New York, gesagt: „Ich möchte aufhören.“ Uli hat gesagt: „Es kommt nicht infrage, du hast einen Vertrag, du bleibst.“ Damit war das Thema erledigt. Sie kennen den Uli ja. (lacht)

Sie betrieben weiter Raubbau. Bis nichts mehr ging.
2003 haben wir mit Bayern das Double geholt. Ich habe mich darüber nicht mehr so riesig gefreut, kein Adrenalin mehr verspürt. Ich war ermüdet und hätte da schon aufhören müssen. Ich hatte aber nicht einmal die Kraft, Uli Hoeneß zu sagen, dass ich aufhören möchte. So schwach war ich.

Wann war die Sekunde, in der Sie erlöst wurden?
Wir wurden in dem Jahr Vizemeister. Zweiter ist bei Bayern die Hölle. Nach der Saison hat mich Uli zum Essen eingeladen. Da wusste ich schon, was passiert. Als ich hingefahren bin, hatte ich Angst, dass er plötzlich doch sagt, wir machen noch weiter. Ich hätte nicht die Kraft gehabt, Nein zu sagen. Als Uli dann sagte, dass wir uns trennen, war das eine richtige Erlösung für mich. Eine Befreiung.

Woran hatten Sie im Alltag gemerkt, dass es nicht mehr geht?
Ich hatte ein Burn-out, war ausgebrannt. Ich hatte keine Freude mehr. Der Druck nahm zu. Wenn wir gewonnen haben, war das nur noch Erleichterung, ich habe gedacht: „Zum Glück nicht verloren.“ Wenn ich morgens aufgewacht bin, hätte ich mir am liebsten die Decke über den Kopf gezogen und wäre liegen geblieben. Aber ich musste aufstehen, zum Training, an die Säbener Straße, mich vor meine Mannschaft stellen, vor die Presse. Mir fiel alles schwerer: Mit Entscheidungen habe ich mich schwerer getan. Ich habe Rückenprobleme bekommen, die Hüfte hat geschmerzt. Ich war ausgelaugt, aber ich konnte nicht sagen: „Ich bin müde, habt Erbarmen mit mir.“ Das ging ja nicht. Es musste weitergehen.

Haben Sie sich Hilfe geholt?
Früher war das Thema Burn-out noch sehr heikel. Ich konnte es nicht sagen, die Zeit war noch nicht reif. Mittlerweile hat sich das total geöffnet, es ist in der Gesellschaft akzeptiert, dass es jeden treffen kann, egal welchen Beruf er ausübt.

Sie wurden nach einem weiteren Engagement bei Bayern Nationaltrainer der Schweiz. Und es gab eine weitere bewegende Sekunde im Trainerleben des Ottmar Hitzfeld: der Abpfiff Ihrer letzten Partie, als zwei Tage zuvor Ihr Bruder gestorben war.
Ich wollte es geheim halten. Ich wollte die Mannschaft und das Umfeld nicht belasten, den Erfolg nicht gefährden durch mein persönliches Problem. Ich wollte keine Anteilnahme, ich wollte es mit mir alleine ausmachen. Sogar meinem Assistenztrainer habe ich nichts gesagt.

Dann kam es doch raus.
Ich wollte gerade zum Frühstück mit der Mannschaft, da bekam ich von Bekannten viele SMS mit Beileidsbekundungen. Eine Schweizer Zeitung hatte es rausgefunden. Ich wollte nicht, dass die Spieler zu mir an den Tisch kommen und kondolieren. Ich hätte das emotional nicht verkraftet. Also bin ich von Tisch zu Tisch gegangen, habe jedem die Hand gegeben. Damit war das Thema erledigt.

Wie haben Sie das ausgehalten? Ihr Bruder stirbt – und Sie müssen Ihre Mannschaft auf ein Fußballspiel einstimmen.
Das war fast unmenschlich. Ich bin an meine Grenzen gegangen, wie ich es noch nie vorher erlebt habe. Diese Situation kannte ich ja nicht. Eine Grenzerfahrung. In der Sekunde des Abpfiffs war der erste Gedanke meinem Bruder gewidmet. Als das Spiel zu Ende war und wir unglücklich in der Verlängerung gegen Argentinien ausgeschieden waren, war mein Auftrag erfüllt. Ich konnte trauern.

Was empfinden Sie, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?
Dankbarkeit, dass ich ein solches Leben leben durfte. Wenn man Trainer wird, weiß man, dass man ein Zigeunerleben vor sich hat. Ich war privilegiert, begünstigt vom Glück. Und ich habe zum Glück auch immer wieder richtige Entscheidungen getroffen. Bis auf 2003 – da hätte ich aufhören müssen! Ich möchte meine Gesundheit nicht mehr aufs Spiel setzen, man lebt nur einmal. Die Geschichte, die ich geschrieben habe, möchte ich nicht mehr unnötig gefährden.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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