„Spieler waren schwach wie eine Flasche leer“
Ein großartiger Trainer: Giovanni Trapattoni, hier mit seiner Frau Paola beim Besuch des Länderspiels Italien gegen Deutschland 2016. Foto: Imago

„Spieler waren schwach wie eine Flasche leer“

Der damalige Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni sorgte mit seiner legendären Wutrede für reichlich Aufsehen

Der 10. März 1998, Bayern München steckt in der Krise, die Spieler meutern – völlig unerwartet holt Trainer Giovanni Trapattoni bei einer Pressekonferenz zu einem kultigen Rundumschlag aus, der die deutsche Sprache bereichert.

An der Bar hat Giovanni Trapattoni, Jahrgang 1939, nur noch Augen für die Bedienung. „Ist der Espresso aus Italien?“, fragt er – und schaut ihr dabei so tief in die Augen, dass er zwei Löffelchen Zucker neben die Tasse schüttet. „Immer noch ein Charmeur alter Schule“, wagen wir einzuwerfen. „Was heißt alte Schule? Der liebe Gott war gnädig mit mir. Ich danke ihm, dass ich gesund bin. In mir schlägt das Herz eines 20-Jährigen. Nur in meinem Pass steht, dass ich schon ein hohes Alter erreicht habe – und der liegt weit weg auf dem Zimmer.“
Trapattoni, Bayern Münchens Kulttrainer (Saison 1994/1995 und 1996 bis 1998), reagiert zunächst ungewöhnlich nervös, als die Sprache auf seine Wutrede kommt. Auf diese 210 Sekunden an jenem 10. März 1998, Punkt 15 Uhr im alten Pressestüberl des FC Bayern. Ein legendäres Datum. Eine Rede, die am Abend in der „Tagesschau“, im „heute-journal“ – in jeder Nachrichtensendung auf Platz eins rangierte.

Giovanni, lassen Sie uns noch mal darüber reden.
Nein, Hinko. Warum? Ich will das nicht. Ich habe mich später geschämt wegen dieser Rede.

Warum? Sie pushte Ihre Sympathiewerte nach oben, die Fans hissten Plakate wie „Grazie Trap“. Sie wurden zu einem Star in der TV-Werbung. Müllermilch, Pasta, Maultasche, Reifen.
Bäh! Ich verrate Ihnen etwas: In Italien hätte diese Rede höchstens die Putzfrau interessiert. Sonst niemanden.

Giovanni, Sie sind ein guter Schauspieler. Sie hatten Ihren Spielern zwei Tage freigegeben, die Rede auf acht Zetteln vorbereitet. Sie haben kein einziges Mal auf diese Zettel geschaut.
(lächelt erstmals) Und jeder hat es verstanden. Kann ich etwa schlecht diese deutsche Sprache? Ich musste etwas sagen. Sieben Punkte hinter Kaiserslautern, in der Champions League drohte das Aus gegen Dortmund. 0:1 haben wir in Schalke verloren. Einige Spiele ohne Tor. Wie ich gesagt habe: Ein Trainer ist nicht ein Idiot. Ein Trainer sieht, was passiert in Platz.

Mario Basler und Mehmet Scholl hatten sich beklagt, nicht aufgestellt worden zu sein – und Thomas Strunz auf Nachfrage gesagt, dass er auch nicht immer alles verstanden hätte. „Wir waren alle geschockt über das Ausmaß seines Zorns“, sagte Strunz später.

Sie sind vor mehr als zehn TV und Radiomikrofone und Dutzende von Aufnahmegeräten gestürmt, haben sich mit beiden Armen auf das Pult gestützt. Nicht mal Pressechef Markus Hörwick konnte Sie stoppen. „Sind Sie bereit?“, haben Sie in jener Sekunde in die Runde – noch – gelangweilter Journalisten gerufen. Haben dann mit rotem Kopf, ohne eine Frage abzuwarten, losgelegt.
Und am Ende habe ich Beifall bekommen, stimmt doch, oder? Wann bekommt man Beifall von Journalisten? (Er beendete seinen Vortrag mit den oft kopierten Worten „Ich habe fertig!“ – d. Red.)

Ja, Beifall als erster Trainer der Bayern-Geschichte bei einer Pressekonferenz. Sie hatten gleich nach wenigen Sekunden geschrien: „Spieler waren schwach wie eine Flasche leer.“
(Trapattoni lächelt jetzt beim Gespräch milde – d. Red.) Die Wahrheit ist: Ich hatte schon Sonntagnacht nach dem Schalke-Spiel vor den Spielern eine Rede gehalten. Im Sheraton-Hotel in Essen.

Sie haben wild mit den Armen fuchtelnd am Abendtisch eine Flasche Rotwein umgeworfen, die sich über Manager Uli Hoeneß ergoss.
Mi dispiace. Tut mir leid, Uli. Die Flecken gingen nicht mehr raus. Ich habe gesagt, dass ich ihm die Rechnung zahle. Er konnte ja nichts dafür, dass wir verloren hatten. Und die Flasche, die wir gern getrunken hätten, war wirklich leer …

Noch mal zu den legendären 210 Sekunden zwei Tage später. Der arme Thomas Strunz. Würden Sie heute noch mal sagen: „Was erlaube Struuunz?“
Er ist heute TV-Kommentator, berät sogar Spieler. Hat ihm meine Rede also geschadet? Nein. Sie hat ihm genützt.

Anders als Trapattoni. Der FC Bayern wird am Ende der Saison Zweiter, „Trap“ muss gehen – neuer Trainer wird Ottmar Hitzfeld. Trapattoni wird Trainer vom AC Florenz, Italiens Nationalmannschaft, Benfica Lissabon, Stuttgart, Red Bull Salzburg und Irlands Nationalmannschaft.

Ihre Frau Paola sagt, Giovanni würde am liebsten auf der Bank sterben …
Wenn ich kein Trainer bin, fehlt mir der Rasen. Dieser betörende Duft des Grüns. Ich möchte immer als Trainer arbeiten. Die ganze Welt des Fußballs ist in meinem Kopf.

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