„Udo wollte nicht lange leiden“
Erfülltes Leben: Udo Lattek mit seiner Frau Hildegard im Jahr 2012. Foto: imago

„Udo wollte nicht lange leiden“

Udo Lattek – Der Meistertrainer / Seine Frau Hildegard erinnert an die Lebensleistung ihres Mannes

 15 Tage nach seinem 80. Geburtstag stirbt Udo Lattek in den Armen seiner Frau. Dass er mit acht deutschen Meisterschaften, drei DFB-Pokal- und drei Europapokalsiegen der erfolgreichste deutsche Vereinstrainer aller Zeiten war? „Wenn man um sein Leben kämpft, interessieren einen solche Sachen nicht mehr. Sie sind nicht mehr wichtig“, sagt seine Frau Hildegard Lattek. In einem sehr intimen und würdevollen Interview erinnert sie an die Lebensleistung ihres Mannes.
Da sich Hildegard Lattek im Haus, das im Kölner Vorort Löwenich steht, allein zu einsam fühlt, wohnt sie in einem Appartement der Residenz am Dom für betreutes Wohnen. In der Residenz, in der Udo Lattek gestorben ist. „Als waschechte Kölnerin erfüllt es mich mit Freude, die Spitzen des Doms zu sehen. Und falls es mir schlecht geht, kann ich auf den Knopf drücken“, sagt sie.

Frau Lattek, wie sehr ist Udo bei Ihnen noch präsent?
Ich gehe gerade das Buch durch, das ich für ihn zur silbernen Hochzeit geschrieben habe (die beiden haben 1962 geheiratet – d. Red.). Mir begegnen Sachen, die ich neu entdecke und verarbeite. Ich bin aus unserem gemeinsamen Haus nicht in die Stadtmitte gezogen, um zu verdrängen und zu vergessen. Nein. Auch wenn ich nach wie vor Gesellschaft habe. Nicht weit weg wohne von der Philharmonie. Wenn sie ausverkauft ist, bekomme ich in 99 Prozent der Fälle noch eine Karte.

Dennoch ein Leben unter älteren Leuten?
Ich gehe morgens schwimmen, im Fitnessraum an die Geräte – unter vielen jungen Leuten. Natürlich begegnet man auch Leuten, die 100 sind und im Rollstuhl sitzen. Das gehört ja zum Leben dazu.

Ihr Mann verstarb am 31. Januar 2015, 15 Tage nach seinem 80. Geburtstag – es ging viel schneller, als viele erwartet haben.
Ich habe lange Zeit zu Hause mit ihm gelebt (Lattek war nach zwei Schlaganfällen an Parkison erkrankt, einhergehend mit Demenz – d. Red.), habe versucht, so gut wie möglich die Krankheit zu meistern.

Und dann kam die Sekunde, von der an es nicht mehr möglich war.
Er war sehr krank. Es war abzusehen, dass der Körper nicht mehr mitmacht. Sonst wäre ich nicht in diese Residenz gezogen, hätte es allein gemacht. Ich hätte ihn so lange wie möglich zu Hause behalten, wenn es machbar gewesen wäre. Ich bin Gott dankbar, dass ich am Abend gespürt habe, dass er die Nacht nicht überstehen würde. Ich habe diese ganze Nacht an seinem Bett gesessen. Wir haben alles besprochen, ich habe gebetet und gesungen. Ich habe ihm erzählt, was für ein toller Mensch er war, was für tolle Erfolge er hatte. Udo ist in meinen Armen gestorben. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Ich habe versucht, die Kinder zu erreichen per Handy um 6 Uhr. Um 9 Uhr ist er dann gestorben. Ich hatte Kerzen angezündet. Es war ein richtig beeindruckender, sensibler Abschied, den wir beide hatten. Wir haben uns in einer guten Atmosphäre verabschieden können.

Sie beide waren voller Frieden?
Ich war dabei. Das hatte ich mir gewünscht. Ich habe geglaubt, dass sich Udo gern allein verabschiedet vom Leben. Als der Pfleger sagte, er setze sich jetzt ans Bett meines Mannes, sagte ich, dass ich mich selbst zu ihm setze, weil ich spürte, dass er es will. Ich habe ihn gut verabschiedet. Ich war so traurig und doch so gefasst. Wie viele sterben anonym in Alten- und Pflegeheimen. Das blieb ihm Gott sei Dank erspart. Man kann das vorher nicht planen. Aber es ist schön, wenn es sich so fügt.
War ihm bewusst, welch große Trainerlaufbahn er hingelegt hatte? Dass er der erfolgreichste deutsche Vereinstrainer war?
Ich glaube, das hat ihn zum Schluss nicht mehr interessiert. Wenn man um sein Leben kämpft, interessieren einen solche Sachen nicht mehr. Sie sind nicht mehr wichtig.

Udo sagte Monate zuvor: „Der Tod ist mir scheißegal.“ Glauben Sie, dass er so dachte?
Der Udo hat zu mir immer gesagt, nachdem unser Sohn gestorben ist (Dirk starb 1981 im Alter von 15 Jahren an Leukämie – d. Red.): „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber ich habe Angst vor der langen Zeit zu sterben.“ Leider ist es nicht so, wie es sich 99 Prozent der Menschheit wünschen. Sich hinzulegen und nicht mehr aufzuwachen. Er hätte es am liebsten so gehabt: Ich lege mich ins Bett und sterbe. Udo wollte nicht lange leiden.
Wenn Sie beide über alte Zeiten gesprochen haben: Hat ihn Bayern München am meisten geprägt?
Das würde ich so sagen. Ich war diejenige, die gern nach Köln zurückwollte. Udo wäre am liebsten in München geblieben. Auch die zwei Jahre Barcelona waren ihm sehr wichtig. Er wollte nie ins Ausland. Nach dem Tod unseres Sohnes war es ihm ein Bedürfnis.

Das komplette Interview mit Hildegard Lattek steht im Buch zur Serie.

50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 7 08 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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