„Verlieren tut weh und ist lehrreich“
Enttäuschung nach dem WM Finale 2002: Oliver Kahn lehnt traurig am Torpfosten. Foto: imago

„Verlieren tut weh und ist lehrreich“

Torwartlegende Oliver Kahn hat in seiner Karriere einiges miterlebt

 

Kaum ein anderer Sportler hat so häufig erlebt, wie „diese eine Sekunde“ plötzlich alles
 verändern kann: Oliver Kahn verrät, welche Szene wirklich sein Leben bestimmt hat – ein Treffen mit einem ganz besonderen Sportler.

Herr Kahn, Sie sind schwarz gekleidet, was schlank macht. Wie hoch ist Ihr Kampfgewicht?
Ein paar Kilo über meinem früheren Gewicht als Hochleistungssportler empfinde ich als normal. Waldläufe gehören jede Woche zum Programm, ab und zu auch der Fitnessraum. Aber einen Sixpack brauche ich nicht mehr zwingend. Ich muss heute mehr mit dem Kopf und weniger mit meinem Körper arbeiten. Das Leben hat sich ziemlich verändert.

Früher konnten Sie nach Niederlagen nie schlafen.
Ich schaute mir dann häufig den Film „Papillon“ an, in dem Steve McQueen nach vielen Fluchtversuchen abgemagert und den Tod vor Augen nach zehn Jahren doch noch die Flucht aus dem Strafgefangenenlager glückt. Er gab einfach nie auf. Heute brauche ich das nicht mehr. Allerdings hat mich vor Kurzem der Film „Unbroken“ fasziniert, der die Geschichte des Olympia-Athleten, Kriegsteilnehmers und Kriegsgefangenen Louis Zamperini erzählt. Dieser Mensch hat mir imponiert. Unglaublich, mit welcher Willenskraft er die Zeit der Kriegsgefangenschaft überstanden hat! Unter anderem musste er über 40 Tage in einem kleinen Schlauchboot mitten im Pazifik überleben. Dagegen mutet jede noch so bittere Niederlage im Sport geradezu lächerlich an.

Bei der WM 2002 haben Sie im Finale gegen Brasilien eine fürchterliche Sekunde erlebt, als Sie einen Schuss von Rivaldo vor die Füße des dicken Ronaldo haben prallen lassen und der eiskalt zum 1:0 verwandelte (Endstand 2:0). Ist das bis heute noch ein Albtraum?
Viele Dinge, die man mit mir verbindet, der ein oder andere Ausraster auf dem Platz, die Niederlage im Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United oder der zweite Platz bei der WM 2002, darauf werde ich heute von vielen Menschen sehr häufig angesprochen. Vor allem wenn ich Vorträge vor Unternehmern halte, stoßen diese Ereignisse auf großes Interesse.

Was ist denn daran so interessant?
Die Beantwortung der Frage, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen, um gestärkt aus dem Scheitern hervorzugehen, betrifft uns alle irgendwann im Leben. Aber auch, wie man den Erfolg bewältigt, was für mich vor allem zwischen dem Champions-League-Sieg 2001 und der WM 2002 eine echte Herausforderung war. Möglicherweise wäre es für mich als Mensch fatal gewesen, wenn wir 2002 Weltmeister geworden wären. Vieles, von dem ich bis dahin überzeugt war, die extreme Besessenheit, dieses Leben wie in einem Tunnel, wurde durch die Niederlage in gesündere Bahnen gelenkt.

2001 kamen zwei Sekunden, die Steve McQueen gefallen hätten. In Hamburg, wo Sie Schalke die Meisterschaft entrissen und mit der Eckfahne jubelten. Und ein paar Tage später, als Sie im Finale gegen Valencia im Elfmeterschießen drei Strafstöße gehalten haben. Den letzten, gegen Pellegrino, das war doch diese eine Sekunde, in der Sie für alles belohnt worden sind.
Manchester hatte uns 1999 gezeigt, was in vier Minuten alles möglich ist. Das ging mir in einer Hundertstelsekunde in Hamburg durch den Kopf. Ich bin zu Schiedsrichter Markus Merk gelaufen und habe ihn gefragt, wie lange es noch geht. Stefan Effenberg schaute mich ganz verdutzt an. Ich sagte: „Es sind noch vier Minuten. Vier! Da kann ein Team zwei, drei Tore schießen.“ Deshalb habe ich heute zu meinen Niederlagen ein sehr positives Verhältnis. Gewinnen ist einfach. Verlieren tut weh und ist lehrreich. Nicht umsonst hat Eric Schmidt, der frühere CEO von Google, sinngemäß gesagt: „Wir feiern unsere Niederlagen.“

Wir lernen gerade von Ihnen, was wertvolle Sekunden sind.
Diese eine Sekunde, die tatsächlich mein Leben verändert hat, spielte sich ganz woanders ab. Ich habe damals noch in Karlsruhe gespielt, als mich Winfried Schäfer 1991 im Heimspiel gegen Bochum zur Halbzeit eingewechselt hat. Es stand 0:2. Ich musste in dieser zweiten Halbzeit nur einen Ball halten. Da kam ein Spieler von halb links allein auf mich zu. Schießt ins lange Eck. Ich krieg‘ blitzartig meinen Fuß noch hin, kann das Tor verhindern. Wir gewinnen 3:2. Seit diesem Zeitpunkt habe ich nie mehr wieder auf der Bank gesessen in einem Verein. Wer weiß, wenn ich diese Parade nicht gemacht hätte, wie dann meine Karriere verlaufen wäre. Das war die entscheidende Sekunde.

Und der Elfmeter von Pellegrino?
Ich wusste nicht mal, dass es der entscheidende war. Ich war so in eine Welt eingetaucht, dass ich nur damit beschäftigt war, so viele Elfmeter wie möglich zu halten. Erst als ich zur Mitte schaute und die Spieler jubelten, begriff ich, was passiert war.

Heute arbeiten Sie als TV-Experte. Kann es sein, dass Sie noch mal bei einem Verein einsteigen?
Bei einem Verein stünde ich wieder viel mehr im Rampenlicht, was ich gar nicht mehr anstrebe. Heute verfolge ich andere Ziele. Meine sportlichen Erfolge auch auf unternehmerischer Ebene fortzuführen ist eine echte Herausforderung und treibt mich an.

2006 bekamen Sie eine SMS von Oliver Bierhoff. Sie sollten ins Münchner Sofitel kommen, Jürgen Klinsmann wolle Ihnen etwas mitteilen.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass mir die Verantwortlichen sagen werden, dass Jens Lehmann die Nummer eins ist bei der WM. Ich habe wenig gesprochen, bin in mein Auto gestiegen und zum Training gefahren. Mit meiner Entscheidung, dass ich als Nummer zwei mitfahre, haben damals wohl nur wenige gerechnet. Sich mit einem Rücktritt durch die Hintertür zu verabschieden – das wäre nicht mein Stil gewesen.

Die größte Szene gab es im Viertelfinale gegen Argentinien, als Sie vor dem Elfmeterschießen zu Lehmann gingen, auf ihn eingeredet haben, ihm die Hand drückten.
Es hat mich regelrecht erschrocken, dass das damals so hoch gehängt wurde. Ich hatte das Glück, als 13-Jähriger Helmut Schmidt als Vorbild zu haben. Er wurde 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum vom Bundestag abgewählt. Es gab einen Moment, den ich immer im Kopf trage: als Schmidt durch die Reihen marschierte und als großer Staatsmann Helmut Kohl, seinem Nachfolger und Kontrahenten als Bundeskanzler, die Hand reicht. Das war ein Moment der Größe, der sich bei mir eingeprägt hat. Wie klein wäre es 2006 gewesen, nicht zu Jens zu gehen. Ich sagte zu ihm: „Das ist jetzt dein Moment. Nutze ihn, bring uns weiter.“

Das Buch zur Serie
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