Wildtiershows vor dem Aus
Gemeinsam mit Zirkuschef Klaus Köhler eine Cola trinken – das könnte in Hannover bald vorbei sein. Auftritte von Wildtieren in Zirkussen – wie hier Schimpanse Robby bei einem Auftritt im Zirkus Belly – stehen massiv in der Kritik. Foto: Oheim

Wildtiershows vor dem Aus

Mehrheit in Ratsausschuss spricht sich für Verbot von Zirkusvorstellungen mit Kamel und Co. aus

Von Hartmut Heinze
Hannover. Künftig soll es in Hannover keine Zirkusvorführungen mit Wildtieren mehr geben, zumindest nicht auf städtischen Flächen: Eine große Koalition aus SPD, Grüne, Piraten, FDP und Linke drängen im Rat auf ein entsprechendes Auftrittsverbot. Es geht um die Auftritte von Löwen, Giraffen, Flusspferde, Robben, Affen, Elefanten, Nashörner, Großbären und anderen wilden Tieren. Ein entsprechender Antrag der rot-grünen Ratsmehrheit bekam am Mittwoch im Finanzausschuss eine klare Mehrheit.
Jedes Jahr kommen im Schnitt etwa sieben Zirkusse nach Hannover. Einige von ihnen arbeiten mit Wildtieren. Elefanten balanciert, Tiger springen durch brennende Reifen, Bären lassen Hula-Hoop-Reifen kreisen. Seit vielen Jahrzehnten sind Kunststücke mit Wildtieren vom Zirkus kaum wegzudenken – in Hannover könnten sie bald der Vergangenheit angehören. „Solche Zirkusse haben in Hannover nichts verloren,“ sagt Alexander Leineweber, Einzelvertreter der Piraten in Hannovers Stadtrat. Er ist der Meinung, dass Wildtiere in reisenden Zirkusbetrieben nicht tier- und artgerecht gehalten werden können, weil „wilde Tiere nicht in Gefangenschaft und schon gar nicht in unverhältnismäßig kleine Käfige gehören“.
Auch Patrick Drenske, umweltpolitischer Sprecher der Grünen im Stadtrat ist dieser Ansicht. „Viele Zirkusse kommen heute schon ohne Wildtiere aus, die anderen sollten sich daran ein Beispiel nehmen“, sagt er. Ein Zirkus solle Menschen erfreuen, Abwechslung bieten und „kein Leid erzeugen“, sagt er.
„Wildtiere sind keine Haustiere und wir wollen dem Tierschutz Genüge tun,“ sagt Christine Kastning, Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat. Sie ist zwar der Meinung, „dass es mit den Zirkussen, die nach Hannover kommen, kaum Probleme gibt“, will das Thema aber  „im Blick behalten“, damit eine bundesweit einheitliche Rechtslage geschaffen werden kann. Eine andere Meinung vertritt Kerstin Seitz, Mitglied des Finanzausschusses auf Seiten der CDU. Sie ist der Auffassung, dass „kein Tier gequält werden darf“, will aber „nicht generell alles verbieten“ und hält die bestehenden deutschen Gesetzte „schon für recht streng“. Sie fordert einen „Bestandschutz und Übergangslösungen für Tiere, die zur Zeit schon unter vernünftigen Bedingungen in Zirkussen leben“.In 18 europäischen Ländern und auch in 55 deutschen Städten gibt es bereits weitgehende Auftrittsverbote für Zirkusse mit Wildtieren. Eine bundesweit einheitliche Regelung ist bislang nicht in Sicht. Die Bundesregierung plant kein deutschlandweites Verbot, obwohl sich der Bundesrat bereits zweimal für eine Verbannung von Wildtieren aus Zirkussen ausgesprochen hat. Einer FORSA-Umfrage vom Mai 2014 zufolge sind 82 Prozent der Deutschen der Meinung, dass Wildtiere nicht artgerecht in Zirkussen gehalten werden können.

Hannover, Kandidaten zur Kommunalwahl in Niedersachsen: Christine Kastning (45), SPD, Fraktionsvorsitzende, Ratsfrau

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Das sagt ein Zirkuschef zum Verbotsantrag

Dieter Seeger, Tourneeleiter und Tierschutzbeauftragter vom Zirkus Charles Knie, hält ein „generelles Verbot von Tieren sogenannter wildlebender Arten für völlig unnötig und in keiner Weise gerechtfertigt“. Es handele sich nicht um echte Wildtiere, da „alle Tiere seit Generationen in menschlicher Obhut geboren wurden und leben“r. Auch zum viel zitierten Reisestress hat Seeger eine andere Meinung. Er sagt, dass sei ein „erfundener Mythos“. Wissenschaftliche Studien von Verhaltensforscher und Veterinäre würden beweisen, dass „Circustiere keinerlei Stress auf der Reise empfinden“. Er bietet jedem Interessierten an „direkt im Zirkus hinter die Kulissen zu schauen“. Es gebe nichts zu verbergen und „den Tieren in unserem Zirkus geht es gut“. Auch in Zukunft „werden wir nicht auf unsere Tiere verzichten“, sagt Seeger, „weil sehr viele Menschen nur wegen der Tiere in den Zirkus gehen“. Charles Knie gehört zu den größten europäischen Zirkussen und hat Dressuren mit Wildtieren im Programm, unter anderem mit Seelöwen, Kamelen und Zebras.

Dieter Seeger, Tierschutzbeauftragter Zirkus Charles Knie

Dieter Seeger,
Tierschutzbeauftragter Zirkus Charles Knie

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