„Wir gehen einen gefährlichen Weg“
Den hat er sicher: Torwart Hans Tilkowski im WM-Finale von 1966 im Wembley-Stadion. Foto: imago

„Wir gehen einen gefährlichen Weg“

Auch nach über 50 Jahren wirft das WM-Finale 1966 von Wembley immer noch die Frage auf:
Drin oder nicht? Torwart Hans Tilkowski war ganz nah dabei

Es ist vielleicht der berühmteste Treffer der Fußballgeschichte: Am 30. Juli 1966 fällt 
im WM-Finale zwischen Deutschland und England das Wembley-Tor. Drin oder nicht drin? 
Diese Frage beschäftigt die Fans noch heute. Torhüter Hans Tilkowski (82) erinnert sich.

Herr Tilkowski, konnten Sie an jenem 30. Juli 1966 spüren, dass etwas ganz Besonderes passiert? Dass bald danach der erste Aufschrei kommen würde: Her mit dem Videobeweis!
Nein, da ich gute Augen im Kopf habe, brauchte es keinen Videobeweis. Der Ball war nicht drin. Erst kürzlich sagte mir jemand: „Stell dir vor, ihr wärt Weltmeister geworden. Dann wären Franz Beckenbauer und Uwe Seeler in den Schlagzeilen. Dank des dritten Tores ist nun dein Name in aller Munde.“ „Ehrlich, lieber wär‘ ich Weltmeister“, hab ich ihm gesagt.

Es fiel ja nach dem 3:2 noch ein 4:2, ebenfalls dank Hurst.
Auch das hätte kein Tor sein dürfen. Es liefen jubelnde Zuschauer auf dem Platz rum.

Warum haben Sie diese Fehlentscheidungen des Schweizer Schiedsrichters Gottfried Dienst fast widerspruchslos hingenommen?
Endlich sagt das mal einer. Diese Wembley-Mannschaft hat unheimlich viel für den Sport und die Politik getan. Weil sie den Fair-Play-Gedanken bereits praktizierte, als es noch nicht die großen Plakate der Fifa gab. Der legendäre Fernsehreporter Rudi Michael (2008 gestorben – d. Red.) sagte zu mir: „Was ihr für den Sport in Deutschland getan habt, das kann man nicht in Worten messen.“

Heutzutage wird gemeckert und gezetert, der Schiedsrichter attackiert, dass es oftmals peinlich ist …
Wegen jeder Lappalie. Stell dir mal vor, wir wären geschlossen vom Platz gegangen. Was das für einen Eklat gegeben hätte. Das hätte Deutschland nicht nur sportpolitisch, sondern auch weltpolitisch geschadet. Heute weigern sich Trainer, nach einem Platzverweis das Feld zu verlassen. Und was bleibt auf der Strecke? Der glaubwürdige Fußball. Wir gehen einen gefährlichen Weg.

Dafür haben wir heute einen Rudi Völler, der sich so herrlich aufregen kann. Da hattet ihr es früher gut, als es kaum Kameras im Stadion gab.
Von wegen. Ich habe mal gegen Fortuna Düsseldorf einem in den Hintern getreten. Der Schiedsrichter hat es nicht gesehen. Dafür hat es der Fußballobmann des DFB dem Bundestrainer Sepp Herberger gemeldet. Der hat mich gleich zwei Spiele aus der Nationalmannschaft suspendiert.

Warum machen Sie denn auch solche Sachen?
Fortuna Düsseldorf machte den Ausgleich. Ich hatte gegen die tief stehende Sonne eine Mütze mit großem Schirm auf. Da kam dieser Spieler – und vor lauter Freude zog er mir die Mütze runter bis zum Kinn.

Zurück zum Wembley-Stadion. Da fiel ihnen die Kinnlade runter in dieser einen Sekunde, oder?
Es läuft bis heute bei mir wie vor einem geistigen Auge ab. Ich habe den Schuss von Geoff Hurst mit den Fingerspitzen an die Latte gelenkt. Und dann kam 2006 ein Physik-Professor ins Dortmunder Rathaus. Der hielt einen Vortrag und sagte, dass der Ball nach seinen Berechnungen um Bruchteile von Sekunden hinter der Linie war. Weil er angeblich auf dem Weg nach unten einen Bogen machte. Da bin ich zu ihm hingegangen und sagte: „Sie haben ja gar nicht berücksichtigt, dass ich den Ball mit den Fingerspitzen berührt habe.“

Haben Sie ihn widerlegen können?
Zumindest sagte er: „Dann muss ich das neu berechnen.“ Bis heute wird Schindluder mit diesem Tor getrieben.

Warum sind Sie sich so sicher, dass der Ball nicht drin war?
Alan Ball kommt über rechts, spielt scharf nach innen. Hurst rennt in den Ball rein, schießt. Ich stehe in etwa drei, vier Meter vor dem Tor, um den Winkel zu verkürzen, berühre den Ball mit den Fingerspitzen, kann über meine Schulter genau sehen, wie er auf der Linie auftickt und Wolfgang Weber ihn ins Aus köpft.
Schuld an allem war ja dieser Linienrichter – Tofik Bachramow aus Aserbaidschan. Der stand acht bis zwölf Meter von der Außenlinie weg. Also konnte er nur diagonal schauen. Willi Schulz und Horst Höttges liefen hin, als er winkte. Aber er wollte nur mit dem Schiedsrichter sprechen. Und dieser Gottfried Dienst entschied nach Rücksprache mit Bachramow auf Tor.

Man trifft sich im Leben ja meist zweimal …
Öfter sogar. Ich war immer wieder mit Gottfried Dienst (gestorben 2008 – d. Red.) bei Veranstaltungen. Er sagte zu mir in seinem Schweizer Dialekt: „Gut, dass es dieses dritte Tor gegeben hat. Sonst hätte sowieso keiner mehr über mich gesprochen. Ich wäre längst in Vergessenheit geraten.“

Und Bachramow, der bereits 1998 verstarb?
Ein deutscher Ingenieur hat mich nach Baku, in die Hauptstadt von Aserbaidschan, geholt. Zusammen mit Geoff Hurst, um ein Bachramow-Denkmal einzuweihen. Ich habe Hurst, mit dem ich mich gut verstehe, gefragt, ob er die Statue bezahlt hat. Da stand Bachramow in gefühlt vierfacher Körpergröße. Ich sollte ein Statement abgeben, weil Bachramow in Baku ein Volksheld ist. Ich habe dann eine Rede gehalten: „Ich bin hierhergekommen, um zu sagen: Es war kein Tor.“ Fast alle haben verständnislos mit dem Kopf geschüttelt. 70 Prozent der Leute hier, sagte der Dolmetscher, glauben, es sei ein Tor gewesen. Ich entgegnete, dass ich von Bachramows Landsleuten enttäuscht gewesen wäre, wenn sie ihn nicht unterstützten. Dennoch wäre es kein Tor gewesen. Ich hatte echt Ängste, weil die Stimmung gereizt war vor dem großen Denkmal.

Und wenn es wieder neue Untersuchungen gibt?
Ich hätte kein Problem damit, mich zu revidieren. Aber er war nicht im Tor, der Ball. Dennoch ist mir diese endlose Diskussion nicht zuwider, weil der Fußball von diesen Sachen lebt. Ich bin viel unterwegs. Soll aus meinem Buch („Und ewig fällt das Wembley-Tor“ – d. Red.) vorlesen, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender rufen an. Die meisten wollen wissen: „Wie war damals die Zeit?“ Bei Sepp Herberger hätte es Manuel Neuer schwerer gehabt mit seinem Offensivspiel. Herberger wollte keine Show. Niemand sollte sich abheben von den anderen. Zu mir sagte Herberger: „Ich brauche den Torwart für die Mannschaft.“

Es gab ein Wiedersehen mit Hurst im Wembley-Stadion.
Sie hatten hinter der Linie ein Stück Rasen abgestochen, groß wie eine Serviette, sodass der Ball automatisch ins Tor rollte. Hurst meinte, es war also doch ein Tor, obwohl er es damals gar nicht sehen konnte, weil er am Boden lag. Aber was blieb ihm anderes übrig, er musste es sagen. Da das Stück Rasen für einen wohltätigen Zweck versteigert wurde, machte ich nicht groß Theater.

Theater müsste Ihnen doch eigentlich liegen. Der große Schauspieler Paul Newman ist 2008 mit 83 Jahren gestorben. Für viele Fans leben Sie – aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit ihm – in ihm weiter.
Als ich in New York am Aufzug stand, kamen immer noch Leute und fragten: „You are Paul Newman?“ Stewardessen fragten, als ich im Flieger schlief, auch meine Frau. Dabei habe ich noch nicht mal einen Film von Paul Newman gesehen, ihn niemals getroffen. Ich bin auch kein heimlicher Zwillingsbruder.

Wie geht es der Hans-Tilkowski-Schule in Herne, wo – auch schon lange vor der Flüchtlingswelle – 330 Kinder aus 31 Nationalitäten lernen. Ihrem größten sozialen Projekt neben dem Friedensdorf International, wo sie als Botschafter auftreten.
Alle sprechen sie eine Sprache – die des Balles. Das ist die größte Befriedigung für unsere Arbeit.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

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