„Wir sind auf Augenhöhe“
Martin Kluck ist Spielertrainer bei Hannover United. Foto: Bode

„Wir sind auf Augenhöhe“

Fußgänger Martin Kluck spricht über die Faszination des Rollstuhlbasketballs

Über Jahre hatten es die Rollstuhlbasketballer von Hannover United immer wieder versucht, sich in der Bundesliga zu etablieren. Es folgte jedoch immer wieder der sofortige Abstieg. Nun scheint die Mannschaft von Spielertrainer Martin Kluck eine Entwicklung vollzogen zu haben. Im Interview spricht Kluck über die öffentliche Wahrnehmung seiner Sportart, besondere Weihnachtsgeschenke und die Ziele mit seinem Team.

Herr Kluck, Sie sind Fußgänger. Wie sind Sie denn zum Rollstuhlbasketball gekommen?
Das fragen mich ganz viele Leute (lacht). Ich bin damit einfach groß geworden. Mein Vater hat eine Rollstuhlbasketballmannschaft trainiert, weil ein guter Freund im Rollstuhl saß und mein Vater Basketballerfahrung hatte. Seit Kleinauf bin ich immer dabei gewesen und habe mich bei jeder passenden Gelegenheit auch in einen Rollstuhl gesetzt.

Im Alter von zwölf Jahren hatten Sie einen außergewöhnlichen Geschenkwunsch zu Weihnachten …
Das stimmt. Ich hatte mir einen Rollstuhl gewünscht. Aber das sorgte bei meinen Eltern auch nicht für irritierte Blicke. Es war ja normal bei uns.
Sie hatten auch Fußgänger-Basketball, wie Sie es nennen, gespielt. Wieso hatten Sie sich schließlich für die Rollstuhlvariante entschieden?
Bis zur C-Jugend hatte ich auch normales Basketball gespielt. Aber es hat mir in der Mannschaft einfach keinen Spaß gemacht, was mit am Trainer lag. Ich bin im Nachhinein froh, dass ich mich so entschieden habe. Denn ich hätte so viele tolle Menschen nie kennengelernt.

Wo sehen Sie die Hauptunterschiede zwischen den beiden Basketballvarianten?
Grundsätzlich ist beides eine körperlose Sportart. Das Regelwerk ist eigentlich identisch. Aber im Rollstuhlbasketball kracht es schon häufig und Spieler fallen auch aus den Rollstühlen. Taktisch ist es auch anders. Es geht mehr darum, Wege freizublocken und bestimmte Positionen vor dem Gegner einzunehmen, der einen dann von dort nicht mehr verdrängen kann.

Oberbürgermeister Stefan Schostok war schon öfter bei Ihren Spielen und hob einmal besonders hervor, dass Männer und Frauen gemeinsam spielen. Wieso funktioniert das im Rollstuhlbasketball?
Es hängt natürlich damit zusammen, dass es insgesamt recht wenig Aktive gibt. Bundesweit sind es keine 4000. Das heißt, wenn man zwischen Männern und Frauen trennt, hätten die einzelnen Vereine noch weitere Fahrten als ohnehin schon vor sich. Es klappt wunderbar, dass beide Geschlechter in einem Team spielen. Frauen haben grundsätzlich nicht so viel Kraft, werden aber generell auch niedriger eingestuft.

Sie sprechen von der Klassifizierung …
Richtig. Jeder Rollstuhlbasketballer wird von einer Kommission klassifiziert. Ein Nichtbehinderter wie ich bekommt 4,5, ein stark Beeinträchtigter beispielsweise 1,0. Es gibt Abstufungen in 0,5er Schritten. Frauen erhalten zusätzlich noch einen Abzug von 1,5 Punkten. Das ist wichtig, denn alle fünf Spieler, die gemeinsam auf dem Feld stehen, dürfen insgesamt nur 14,5 Punkte haben. Ich kann beispielsweise mit beiden Armen besser nach einem Ball greifen als jemand, der bis zur Brust querschnittsgelähmt ist.

Wird Rollstuhlbasketball inzwischen von der Öffentlichkeit akzeptiert?
Es entwickelt sich in die richtige Richtung. Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir hinmöchten. Viele denken noch, beim Rollstuhlbasketball werfen sich ein paar Opas den Ball zu. Wenn sie dann einmal bei uns waren, sind sie meist überrascht, wie dynamisch und athletisch es ist.

Wie können Sie die Berührungsängste mit einer Behindertensportart noch weiter reduzieren?
Wir bemühen uns sehr, unseren tollen Sport auch in die Schulen zu tragen. Wir möchten den Schülern zeigen, was auch mit einer Behinderung möglich ist und sie dafür sensibilisieren. Das Leben endet dann nicht, man kann Sport treiben. Und beim Rollstuhlbasketball kann man sich sogar mit Nichtbehinderten messen. Das ist doch klasse. Bei den Schülern kommt es meist gut an. Einige sind anfangs noch etwas zögerlich, wenn sie sich in einen Rollstuhl setzen sollen, andere rollen sofort damit los.

Sie können nach einem Spiel aufstehen und normal gehen. Ihre Mitspieler oftmals nicht. Stört dieser Umstand das Verhältnis zwischen ihnen?
Nein, gar nicht. Wir sind alle auf Augenhöhe und da spielt es gar keine Rolle, wer sich wie bewegt. Nach einem Training kommt es auch vor, dass mich ein körperlich beeinträchtigter Mitspieler mit seinem Auto mitnimmt. Es ist eine besondere Art der Inklusion. Beim Rollstuhlbasketball werden Nichtbehinderte in den Sport integriert (lacht).

Sie waren mit Hannover United über Jahre eine Fahrstuhlmannschaft. Zu gut für die zweite, zu schlecht für die erste Liga. Wieso können Sie jetzt nach dem vierten Erstligaaufstieg mithalten?
Wir hatten in der Vergangenheit viele junge Talente, denen für die Bundesliga einfach die Erfahrung fehlte. Ich bin der Überzeugung, dass wir nur mit der Verpflichtung von internationalen Spielern mithalten können. Und das scheint auch zu funktionieren. Wir haben den nächsten Schritt gemacht, sind konkurrenzfähig und stehen über dem Strich.

Was möchten Sie mit Hannover United noch erreichen?
Das kurzfristige Ziel ist der Klassenerhalt. Da haben wir im Januar die entscheidenden Spiele. Und mittelfristig möchten wir uns in der Sportstadt hinter 96 und den Recken mit anderen Sportarten messen. Wir wollen nicht als Behindertensportart angesehen werden. Sondern als eine Sportart von vielen.

Interview: Mark Bode

Der Ligabetrieb ruht nun erst einmal. Am 13. Januar folgt das nächste Bundesligaduell, ab 18 Uhr ist RRR Wiesbaden zu Gast. Am 28. Januar folgt ab 16 Uhr die Heimpartie gegen die Baskets 96 Rahden. Nähere Informationen zum Team gibt es im Internet unter

www.hannover-united.de

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