„Wo ist Behle?“
Die Frage „Wo ist Behle?“ machte ihn berühmt: Der ehemalige Skilangläufer und Bundestrainer Jochen Behle. Foto: Imago

„Wo ist Behle?“

Im Interview erzählt der ehemalige Skilangläufer Jochen Behle über den Moment, der sein Leben veränderte

„Wo ist Behle?“ Diese Frage macht Langläufer Jochen Behle bei den
Olympischen Spielen 1980 über Nacht berühmt und verändert das Leben des bis 
dahin völlig unbekannten jungen Deutschen. Wie es dazu kam und wie sehr ihn eine der
bekanntesten Fragen in der deutschen Sportgeschichte nervt, erzählt er im Interview.
Wo ist Behle? Immer wieder ruft Bruno Moravetz an diesem 17. Februar 1980 diesen einen Satz: „Wo ist Behle?“ Seine Stimme klingt immer verzweifelter. Doch was der ZDF-Reporter und zwölf Millionen deutsche Zuschauer vor dem Fernseher sehen, ist nichts als ein verschneiter Wald. Als Jochen Behle bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid beim Langlauf über 15 Kilometer an den Start geht, kennt ihn kaum einer. Die Welt schaut auf die Skandinavier, die den Langlauf gerade bestimmen. Auf den Finnen Juha Mieto etwa, der um seine erste Einzelgoldmedaille kämpft oder den Schweden Thomas Wasberg – der am Ende im wohl knappsten Rennen der Langlaufgeschichte um eine Hundertstelsekunde vor Mieto Olympiasieger werden sollte. Doch das Rennen entwickelt sich zunächst anders. Denn plötzlich stürmt der junge Jochen Behle mit einem mutigen Antritt allen davon, hängt die gesamte Weltelite ab und führt bei der Zwischenzeit. Eine Sensation – die keiner mitkriegt.

Herr Behle, wo waren Sie in dem Moment eigentlich?
Damals ging es beim Skilanglauf noch auf einer 15-Kilometer-Runde ab in den Wald. Ich stand noch am Anfang meiner Karriere und damit bei den amerikanischen Regisseuren auf keiner Liste. Dann habe ich plötzlich geführt und war nicht im Bild zu sehen. Bruno Moravetz (der Sportreporter starb am 31. Dezember 2013 mit 92 Jahren, Anm. d. Red.) hat sich darüber mordsmäßig geärgert und dann diesen Satz gesagt …

„Wo ist Behle?“ Ein Satz, der Sie und ihn über Nacht berühmt gemacht hat. War das die eine Sekunde, die Ihr Leben verändert hat?
Mit Sicherheit. Über all die Jahre ist dieser Satz geblieben. Dabei habe ich ja erst überhaupt gar nichts mitgekriegt. Ich habe die Reportage nicht gehört, bin dann nach dem Rennen (Behle wurde Zwölfter, Anm. d. Red.) ab nach Skandinavien. Irgendwie habe ich dann mitgekriegt, dass das ein Riesenthema ist. Damals war ja Fasching – und plötzlich war ich im Rosenmontagszug ein Thema. Mit Sprechblasen und so. Einfach Wahnsinn.

War dieser Satz das Highlight Ihrer sportlichen Karriere, in der Sie ja keine Medaillen bei einem Großereignis wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gewinnen konnten?
Natürlich habe ich davon profitiert. Aber es gab schon viele andere Höhepunkte. Sechsmal ist ja auch nicht jeder bei Olympischen Spielen dabei. Und ich durfte ja sogar einmal die deutsche Fahne tragen (bei den Winterspielen im japanischen Nagano 1998, Anm. d. Red.). Ohne dass ich je eine Medaille gewonnen habe.

Schauen Sie die Aufnahmen von der Eröffnungsfeier der Spiele in Nagano manchmal noch an?
Natürlich wird das im Gedächtnis immer etwas Besonderes bleiben. Aber ich habe davon keine Filmaufnahmen oder Bilder. Das ist Vergangenheit. Die habe ich genossen und gut ist.

Verstecken Sie auch Ihre Pokale oder andere Auszeichnungen aus Ihrem Sportlerleben im Keller?
Zum Teil sind sie tatsächlich im Keller. Viele sind auch bei meinen Eltern. Mein Opa war Schreiner, der hat mal einen Schrank dafür gemacht. Dort sind die Erinnerungen gut aufgehoben, da sollen sie auch bleiben. Ich lebe lieber in der Gegenwart oder denke an die Zukunft.

Nach ihrer sportlichen Karriere sind sie Bundestrainer geworden und haben mit den deutschen Skilangläufern spektakuläre Erfolge gefeiert.
Die beim Deutschen Skiverband haben sich sicher gedacht: „Jetzt hat der Behle immer den Mund weit aufgerissen, jetzt soll er mal beweisen, ob er es besser machen kann.“ Ich habe damals auch ganz klargemacht, dass ich mich nicht verbiegen werde. Und dass es nicht einfach werden wird mit mir. Aber sie haben mich machen lassen, und wenn man dann Erfolg hat, wird auch nicht diskutiert.

Verraten Sie doch mal das Geheimnis, wie Sie dieses kleine Wunder vollbracht haben.
Ich habe das ganze Team neu aufgestellt – Techniker, Heimtrainer. All diese Gruppen haben eine gute Arbeit gemacht. Aber ich glaube, dass René Sommerfeldt der ausschlaggebende Faktor war. Er hat damals in Lahti (2001, Anm. d. Red.) gleich eine WM-Medaille gewonnen. Er war leistungsbereiter als die anderen, ist an die Grenze gegangen. Dann kamen die Jüngeren wie Axel Teichmann oder Tobias Angerer und haben dieses Tempo aufgenommen. Dazu kam, dass die Norweger in dieser Zeit auch eine schwächere Phase hatten.

Von Erfolgen wie damals unter Ihrer Führung können die deutschen Skilangläufer und Skilangläuferinnen heute nur träumen …
Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir wieder solche Erfolge haben. Solche Talente, die wir damals hatten, sind nicht in Sicht. Die Ergebnisse, die hoffnungsvolle Sportler wie Tim Tscharnke oder Thomas Bing zuletzt abgeliefert haben, sind eine Katastrophe. Beide waren ja schon mal im Weltcup ganz vorn, aber sie haben sich gar nicht weiterentwickelt. Dabei finde ich die neue Trainer-Konstellation in Ordnung. Männer-Coach Janko Neuber ist ein sehr guter Trainer, und Torstein Drivenes bringt frischen Wind aus Norwegen bei den Frauen rein. Aber als ich im vergangenen Winter gesagt habe, dass nicht hart genug trainiert wird, wurde ich immer kritisiert. Jetzt trainieren sie wesentlich mehr und finden es plötzlich alle gut. (lacht)

Sagen Sie zum Abschluss doch noch mal ganz ehrlich: Nervt sie das ständige „Wo ist Behle?“ nicht?
Überhaupt nicht. Diese Frage hat mir auf meinem Weg eine Menge geholfen, hat mich über all die Jahre begleitet Sie gehört irgendwie dazu, egal wo ich unterwegs bin.

Das Buch zur Serie
50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben: Das Buch zur Serie ist im Handel erhältlich. Telefonische Bestellung unter: (05 31) 708 85 60
Internet: dieseeinesekunde.de / ISBN 978-3-946544-04-3; 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.