„Eine gute Investition in die Zukunft“
Doris Schröder-Köpf und Jasmin Arbabian-Vogel (rechts) im Gespräch mit Gesamtredaktionsleiterin Heike Schmidt. Foto: Niehaus

„Eine gute Investition in die Zukunft“

Wie kann Integration gelingen? Welche Rolle spielt es, die Sprache des Landes, in dem man lebt, zu beherrschen, und wie wichtig ist es, einen Job zu bekommen? Fragen, die wir zwei Frauen gestellt haben, die sich damit auskennen müssen: Doris Schröder-Köpf (52) ist Landesbeauftrage für Migration und Teilhabe im niedersächsischen Landtag. Jasmin Arbabian-Vogel (47) ist Unternehmerin und hat vor 20 Jahren den Interkulturellen Sozialdienst aufgebaut, der sowohl einen Pflegedienst wie auch außerklinische Intensivpflege oder auch Senioren-WGs umfasst. Beide Frauen sind in der SPD engagiert.

Auf den ersten Blick habe ich heute ganz unterschiedliche Frauen hier sitzen… (Beide antworten fast zeitgleich)
Arbabian-Vogel: Also, finde ich überhaupt nicht! Schon allein von der Figur: beide zierlich…
Schröder-Köpf: Finde ich auch nicht! Wir beide sind zielstrebig, durchsetzungsfähig…
Arbabian-Vogel: …und wir sind beides Menschen, die Dinge, von denen sie überzeugt sind, mit Leidenschaft verfolgen.

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt? Können Sie sich daran noch erinnern?
Arbabian-Vogel (lacht): Sehr genau sogar!
Schröder-Köpf: Das war im Kurt-Schumacher-Haus, als wir uns einigen Ortsvereinen vorgestellt haben.
Arbabian-Vogel: Die haben uns da befragt und auseinandergenommen. Das war die so genannte Ochsentour. Wir waren ja beides Personalien, die Aufsehen erregt haben, ich kam ja als Unternehmerin nicht klassisch aus dem Stall…
Schröder-Köpf: Da gab es viele kritische Fragen.

Welche?
Schröder-Köpf: An die Details erinnere ich mich nicht mehr. Nur an die Stimmung.

Heute sind Sie Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, Frau Arbabian-Vogel führt seit 20 Jahren ihr Unternehmen, in dem es eben auch um kulturübergreifende Pflege geht. Wie kam es dazu, Frau Arbabian-Vogel?
Arbabian-Vogel: Ich kam 1986 aus dem Iran nach Deutschland, habe hier studiert und nebenher in einem Altenpflegedienst gejobbt. Da gab es weitgehend noch keine Pflegeinfrastruktur. Als ich meinen Abschluss hatte, wurde mein Vater alt und krank. Ich sah immer deutlicher die Defizite im Sozial- und Pflegedienst. Daraufhin habe ich mich mit dem interkulturellen Pflegedienst selbstständig gemacht. Am Dienstag, 8. März, wird dieser nun zwanzig Jahre alt.

Über das Selbstverständnis Ihres Unternehmens schreiben Sie, Sie wollten das „Besondere“, nicht das „Fremde“ herausstellen…
Arbabian-Vogel: Heute würde ich das ganz anders formulieren. Es geht nicht um das Trennende, sondern vielmehr um das Verbindende. Inzwischen habe ich erfahren, dass wir so unterschiedlich gar nicht sind: Jeder freut sich über die Geburt eines Kindes, jeder trauert über Verstorbene, nur die Kosmetik ist unterschiedlich – wie wir trauern oder Freude zeigen. Wichtig ist zu sehen, was uns verbindet.

Das ist sicherlich auch ein wichtiger Punkt in Bezug auf die Flüchtlingssituation in Deutschland…
Schröder-Köpf: Ja, sicher. Es gibt viel Verbindendes, aber auch viel Trennendes. Wir sind zum Beispiel als Gesellschaft jetzt geteilt in Wissende und Lernende. Die, die schon immer oder lange in Deutschland leben, sind die Wissenden. Die Menschen, die jetzt kommen, müssen lernen – unsere Gesetze, Regeln, das Schulsystem, die Sprache. Es ist eine große Herausforderung, sich hier zurechtzufinden. Übrigens: Für die Gesellschaft sind natürlich auch die Kosten eine große Herausforderung. Allerdings sehe ich das als gute Investitionen die Zukunft an.

Inwiefern? Brauchen wir Zuwanderung?
Schröder-Köpf: Wanderungsbewegungen hat es immer gegeben. Weltweit. Aber auch von Deutschen ins Ausland und von anderen Ländern nach Deutschland. Wir sind praktisch durch die Hintertür und ohne große gesellschaftliche Debatte eines der größten Einwanderungsländer der Welt geworden. Übrigens zeigen das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven und das demnächst eröffnende Museum in Friedland das sehr schön auf.

Aber Museen sind das Eine, die aktuelle Situation ist das Andere. Frau Arbabian-Vogel, wie war Integration damals?
Arbabian-Vogel: Integration? Gab es nicht! Die Menschen wurden ja ins Land geholt, um Aufbauarbeit zu leisten. Auf Integration war man ja gar nicht aus. Ziel war ja, dass diese Menschen wieder in ihre Heimatländer zurückkehren sollten.
Schröder-Köpf: Viele hatten ja auch den Traum vom eigenen Häuschen in der Heimat, in die sie zurückkehren wollten. Viele sind aber dann geblieben.

…und leben heute manchmal noch weitgehend unter sich. Wie kann Integration denn heute gelingen? Man sagt immer, Sprache sei ein Schlüssel dazu…
Arbabian-Vogel: Das wichtigste Element ist, diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. In England ist es beispielsweise so, dass dort die Sprache im Betrieb gelernt wird. Da wird nicht erst Englisch gelernt und dann in einem Job angefangen. Das läuft parallel.
Schröder-Köpf: Wie wollen Sie auch einem Flüchtling aus Eritrea beispielsweise unser doch – von außen betrachtet – etwas kompliziertes Ausbildungssystem erklären? Ich denke, Flüchtlinge brauchen sofort einen Betriebsbezug und sollten parallel die Sprache lernen.

Also eine Vereinfachung der Ausbildung?
Schröder-Köpf: Nein. Die Menschen, die jetzt zu uns kommen, brauchen sofort einen Zugang zu Betrieben – über Praktika ist das möglich.

Das Programm „Early Intervention“ der Bundesagentur für Arbeit, das Flüchtlinge frühzeitig in Jobs bringen wollte, ist gescheitert. Gerade einmal eine Handvoll von hunderten Asylbewerbern konnten sie in Jobs und Lehren vermitteln.
Arbabian-Vogel: Ihre Frage ist, warum das nicht funktioniert hat? Ganz klar: Das war eine Behörde, die damit beauftragt war, Menschen zu vermitteln. Viel wichtiger als jede Behörde ist aber der persönliche Kontakt. Wir brauchen kleine, lokale Bündnisse.
Schröder-Köpf: Wir brauchen persönliche Kontakte. Die Menschen müssen so schnell wie möglich Arbeit bekommen.
Arbabian-Vogel: Und der Bedarf besteht! Die Betriebe haben derzeit einen hohen Bedarf!
Schröder-Köpf: Und man darf nicht vergessen: Derzeit sind viele junge Männer bei uns angekommen. Die brauchen eine gewisse Art von Struktur – und das ist unabhängig von der Kultur überall so. Zumal es erwiesen ist: Wer lange außerhalb einer Struktur gelebt hat, findet sich – je länger der Zustand dauert – umso schwieriger wieder ein.
Arbabian-Vogel: Aus Sicht der Unternehmerin kann ich zudem sagen: Teams, die multinational aufgestellt sind und den Input mehrerer Kulturen haben, bieten auch einen Mehrwert für Unternehmen. Sie bieten oftmals mehr Lösungsvorschläge als homogene Teams.

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