130 Stützen geben Linden Halt
Das Gerüst soll Bäumen Halt geben: Gartendirektor Ronald Clark zeigt die extra für die 300 Jahre alten Linden im Berggarten entwickelten Stahlstützen. Ein Großteil der Stahlkonstruktion wird später im Boden verschwinden. Foto: Oberdorfer

130 Stützen geben Linden Halt

Ende März soll es soweit sein, dann dürfen Berggartenbesucher wieder die 300 Jahre alte Lindenallee betreten – zumindest das kleine Teilstück direkt hinter dem Sea Life-Aquarium, das den Bereich der Gewächshäuser mit dem westlichen Teil des Gartens verbindet. Derzeit ist die Allee gesperrt, zahlreiche Bäume sind so marode, sie könnten umstürzen und Spaziergänger gefährden.

Die alten Linden einfach fällen und eine neue Allee zu pflanzen ist keine Option, seit der seltene und besonders geschützte Juchtenkäfer in den morschen Hölzern entdeckt wurde. Nun sollen es 130 Metallstreben richten, die die alten Bäume stützen und so ein Umfallen für weitere 20 bis 25 Jahre hinauszögern. Stehen sie, dann können auch Besucher wieder auf der Allee flanieren. Drei Statiker eines Architekturbüros haben zwischenzeitlich Prototypen für die Stützen entwickelt und an einigen Linden getestet.

Das Ergebnis: Sie erfüllen ihre Aufgabe und sorgen für sicheren Halt der alten Bäume. Die Stadt hat mittlerweile die Produktion von 30 Stützen für den ersten Bauabschnitt in Auftrag gegeben. Sie sollen bis Ende März aufgebaut sein. Klappt das, sollen in einer zweiten Stufe weitere 100 Stützen für die restlichen Linden angeschafft und von einer Firma installiert werden.

Einfach ist die Aufgabe nicht, es fehlt schlicht an Erfahrung mit dem Absichern von 300 Jahre alten Bäumen. „Wir betreten mit dem Projekt Neuland, so etwas hat noch niemand vor uns gemacht“, erklärt Gartendirektor Ronald Clark. Für den Stadtkämmerer hat er dann noch eine erfreuliche Nachricht parat: „Es sieht so aus, dass wir mit den für die Aktion eingeplanten 350 000 Euro auskommen werden.“

Clark selber macht keinen Hehl daraus, dass er lieber die alten Bäume der Allee ausgetauscht hätte. Aber: „Wenn man nicht haben kann was man liebt, dann muss man lieben was man hat“, wendet er ein altes, der Kurfürstin Sophie zugeschriebenenes Zitat auf die Juchtenkäfer und alte Linden an. Wenn voraussichtlich im Frühjahr 2017 alle Bäume abgestützt und die Allee wieder komplett für die Besucher freigegeben ist, dann will er den Juchtenkäfer einbeziehen und zu einer Attraktion im Berggarten machen. Wie das geschehen soll ist noch offen, „wir beginnen jetzt ein Konzept auszuarbeiten“, erklärt Clark.

juchtenkaeferDer Juchtenkäfer – oder auch als Eremit bekannt – ist ein sehr selte- nes Insekt. Er lebt einzeln in Höhlen von noch lebenden Bäumen, nicht in abgestorbenen Hölzern. Die Naturschutz-Richtlinie der EU stellt ihn unter besonderen Schutz. Foto: Wikipedia

Ein Deckel schützt die Käfer

Der Baumschnitt: In den vergangenen Monaten wurden erste Linden bereits zurück geschnitten. Stamm und Äste der 300 Jahre alten Bäume sind zumeist hohl.

Der Baumschnitt: In den vergangenen Monaten wurden erste Linden bereits zurück geschnitten. Stamm und Äste der 300 Jahre alten Bäume sind zumeist hohl. Foto: Oberdorfer

Die Linden im Berggarten werden künftig nicht nur mit einem Metallgerüst gestützt, sondern auch mit einer Platte verschlossen – so soll verhindert werden, dass Eichhörnchen oder Vögel die wertvollen Käfer verspeisen, denn diese haben das sechsbeinige Insekt zum Fressen gern. Dieser Schutz wird nötig, da nach dem Rückschnitt der Bäume, die Schnittflächen große Öffnungen in die zumeist hohlen Bäume freilegen.

Für die Bäume selber haben die Statiker folgenden Rettungsplan entwickelt: Knapp einen Meter vom Baum entfernt steckt künftig ein armdicker Metallpfahl in der Erde. Weit ausladende und mit Erddübeln versehene Metallstreben sorgen im Boden für ausreichenden Halt. Ist das Gerüst aufgebaut, wird das Erdreich wieder geschlossen. Sichtbar bleibt allein ein Diagonaleisen und der dicke Metallpfahl. Von dem führt wiederum eine verstellbare Querstrebe zum Baumstamm. Diese wird mittels einer Manschette mit der Linde verbunden. Ein zwischen den Bäumen gespanntes Drahtseil sorgt für zusätzlichen seitlichen Halt.

Für diese Linde kommt die Stahlkonstruktion zu spät: Der Baum fiel vor wenigen Wochen um. „Ohne Windeinwirkung“, wie Gartendirektor Ronald Clark erläutert. Foto: Oberdorfer

Für diese Linde kommt die Stahlkonstruktion zu spät: Der Baum fiel vor wenigen Wochen um. „Ohne Windeinwirkung“, wie Gartendirektor Ronald Clark erläutert. Foto: Oberdorfer

Wichtig: Bevor das Gerüst aufgestellt wird, muss der Baum zurückgeschnitten werden. Alle Äste oberhalb des Stamms werden gekappt. Die Linden vertragen diesen Radikalschnitt gut: „Wir haben einige Bäume probeweise zurück geschitten. Binnen weniger Wochen hatten sich zahlreiche neue Triebe gebildet“, freut sich Gartendirektor Ronald Clark. Und: Während des Rückschnitts mit der Motorsäge war stets ein Käferexperte dabei, überprüfte, wo geschnitten werden kann und wo die Säge besser nicht angesetzt werden sollte, um die Käfer nicht zu schädigen.

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