„Wir waren der Freiheit sehr nah“
Schön, schlau und ein Star ohne Allüren: Katja Riemann. Foto: MKnickriem

„Wir waren der Freiheit sehr nah“

 „Winter. Ein Roadmovie.“ heißt das Programm, mit dem Sie am 2. Februar gemeinsam mit Arne Jansen im Pavillon gastieren. Darin spüren Sie der Winterreise von Heinrich Heine und der Musik von Schubert nach. Beide vermitteln ein Gefühl von Traurigkeit, Melancholie, dem „Eingesperrtsein“ in den Klauen eines restriktiven Staates, ja auch ein wenig fremd in der eigenen Heimat zu sein. Wie kamen Sie zu dem Thema? Und: Kennen Sie das Gefühl?

Ich habe diesen Abend vor ein paar Jahren für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen konzipiert, in dem ich das Wintermärchen von Heine und die Winterreise von Schubert, die er zur Lyrik Müllers komponierte, zu einem Abend über Deutschland verdichte. Und das ist ziemlich aktuell, wenn man die Phantasie hat, die Übertragung zu finden zu dem Deutschland und Europa heute, was ich mir von meinen Zuschauern wünschen würde, sofern man sich etwas wünschen darf. Die Idee dahinter war, das Außen und Innen des Deutsch-seins oder deutscher Mentalität zu reflektieren. Mit dem scharfen Verstand und dem wunderbar jüdischen Humor des exilierten deutschen Schriftstellers, der sich auf die Reise von Paris nach Deutschland begab, nach 13-jähriger Abwesenheit und somit das erste Roadmovie der Geschichte schrieb, erzählen wir vom Außen, von politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, darauf habe ich mich in meiner Strichfassung konzentriert – und das Innen, das Zerrissene, Schwermütige, die Todessehnsucht, die Tiefe des Erlebens, wird durch Schuberts Musik hörbar gemacht und aufbewahrt in den Zeilen Müllers. Das ist für mich die Spannung, innerhalb der man sich einer Zerreissprobe ausgesetzt sieht, und die merkwürdige Auswüchse haben kann. Es ist vielleicht wahrhaftig für das, was deutsch sein mag. Zu Heines Zeiten sicherlich. Heute ist die Schwermut dem vielen und gernen Jammern gewichen.

…und? Waren Sie schon einmal fremd im eigenen Land?

Achso, und ja, ich kenne Schwermut und Fremdsein, es ist mein Lebenselixier, mein Fluch. Ich bin damit geboren und aufgewachsen. Aber man kann sich gewöhnen….obwohl…nicht wirklich..

Was ist Heimat für Sie?

Ich finde Heimat hauptsächlich bei Menschen. Und meine Heimat ist ganz sicherlich Europa.

Ist Heimat gleich Zuhause?

Nicht unbedingt.

Sie waren in Hannover von 1984 bis 1986 zuhause, als Sie an der Hochschule für Musik und Theater studierten. Sie sollen einst auf der Homepage der Hochschule zitiert worden sein mit: „Meine Zeit an dieser Hochschule bleibt unvergesslich und sitzt tief und warm in meinem Herzen“ . War Hannover Zuhause oder Heimat?

Hahaha, das steht auf der Homepage, das ist ja schön. Ja, es war eine tolle Zeit an der Schauspielschule. Ich war aber weder in Hannover zuhause, noch war es meine Heimat. Tut mir leid, das zu sagen, ich habe in Hannover gewohnt und studiert. Und ich glaube, ich hatte gute Jahre erwischt. Heute ist die Abteilung der Schauspieler auf dem Expogelände, da weiß ich nicht genau, wie stark die Inspiration ist. Als ich hier studierte, waren wir alle zusammen in dem Klotz, den ich ja sehr mochte, mit der Schnecke für die Musiker und diesen absurden Farben der Teppiche und Türen. Man stolperte auf dem Weg zur Mensa über die Balletttänzerinnen, wir hingen mit den Rhythmikern ab, wir machten alle zusammen Mensatheater, Schauspieler, Musiker, Sänger, Tänzer…ich fand das toll. Und alle waren voll Leidenschaft und im Tunnelblick nur dies eine zu tun: an ihrer Kunst zu arbeiten und dafür zu lernen. Und zu sterben, Amen. …was war die Frage? …achso, in Hannover wohnt meine geliebte Schwester und noch viele andere meiner wunderbaren Familienmenschen…Insofern gibt es in Hannover Heimat, ja.

Was macht das Thema Heimat aus Ihrer Sicht heute aktuell?

Was für eine schöne rhetorische Frage. Können wir hier ein bisschen Platz lassen? Dann kann jeder Leser das selbst hinschreiben.

Heine verbringt eine denkwürdige Nacht in Minden – einer der westlichsten preußischen Festungen damals. Wenn man die Stelle liest, ist sind sie bedrückend und doch komisch zugleich. Ein schmutziger Quast, eigentlich ein Detail, spielt doch dabei eine Hauptrolle. Es ist eine meiner Lieblingsstellen. Haben Sie eine Lieblingsstelle, die Sie als symptomatisch für die Situation damals im Land empfinden?

Ich hoffe, dass Sie zum Konzert kommen, denn Ihre Lieblingsstelle ist bei uns sehr dramatisch, der lauteste Moment des Abends und, wie ich finde, echt lustig. Die ganze Fassung ist meine Lieblingsstelle, darum habe ich den Abend gemacht. Und es geht für mich ehrlich gesagt nicht um das Damals, sondern um das Heute. Woher kommen wir, was war gewesen, dass wir heute sind. So sind. Natürlich steht über allem zu Beginn der Satz: die Jungfrau Europa ist verlobt mit dem schönen Geniusse der Freiheit, sie liegen einander im Arm, sie schwelgen im ersten Kusse. Dieser Freiheit waren wir sehr nah… jetzt entzieht sie sich uns durch erneut aufgebaute Grenzen wieder.

Was oder wen würden Sie in der heutigen Zeit zitieren? Was ist symptomatisch für unser Land derzeit?

Ich würde immer und unbedingt die Menschenrechte zitieren. Sie könnten hilfreich sein. Für alle Menschen, egal wo. The human rights declaration sind kein Vorwurf und keine Empörung, sie sind eine Stütze, eine Erinnerung an das Menschsein, quasi unser Waschblatt, mit dem wir durch die Welt gehen könnten. Und – sie könnten theoretisch sehr leicht durchführbar sein……

Während Schuberts Zeit erstickte der Traum von Europa in der Restriktion. Was wird heute aus Europa? Droht der Zerfall oder ist Europa zu retten? Und: Wer kann das schaffen?

Wenn ich darauf eine Antwort habe, kriege ich den Nobelpreis. Ich ruf dann an…

Gibt es ein Zukunftsprojekt, über das Sie reden können?
Ja, gibt es. Ich habe eine Reihe im TV übernommen. Sie heisst „Emma nach Mitternacht“. Ich spiele eine Radiopsychologin, von der man nicht so genau weiß, ob sie das überhaupt studiert hat und die in den letzten Jahren vor allem gereist ist und bei der sich Geschichten, Unsinn und messerscharfer Verstand aufs Wunderbarste mischen. Ich liebe diese Figur und hab sie sehr nah an mich rangeholt

Das Interview führte Heike Schmidt.

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