Brodowys Woche: Meins
Matthias Brodowy ist Kabarettist und Musiker. Für „hallo Wochenende“ schreibt er seine Kolumne „Brodowys Woche“.

Brodowys Woche: Meins

Die Herbstferien neigen sich dem Ende entgegen, die Reisenden kehren zurück. Auf den Autobahnen kommt man sich näher und verbringt viel Zeit miteinander. Wie schön kann da eine Bahnfahrt sein. Kann! Muss nicht! Als ich kürzlich mit der Bahn gen Süden fuhr, war der Waggon, in dem ich einen Platz reserviert hatte, bedauerlicherweise nicht mitgefahren. Der Zug platzte aus allen Nähten, aber in einem 6er-Abteil fand ich noch eine freie Sitzgelegenheit. „Ist der noch frei?“ Drei schauen weg, einer nickt, missbilligenden Blickes sagt ein anderer: „Wahrscheinlich ja!“ Ich jongliere mich mit meinem Koffer hinein und merke, wie ich hier als Fremder in eine zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft eindringe. Es ist doch komisch, wie schnell man ein Revierverhalten entwickelt. Ich gebe ihnen ein anderes Bahnbeispiel. Nehmen wir an, man fährt alleine in einem 6er-Abteil von Hannover nach München. In Göttingen steigt keiner zu, in Kassel und Fulda auch nicht. Spätestens jetzt beschleicht einen das Gefühl, dass hier keiner mehr reinkommen kann. In Würzburg aber, nach zwei Stunden, in dem einem das Abteil irgendwie gehörte, passiert es. „Ist hier noch frei?“ Ja, wenn es unbedingt sein muss… Wir haben beide ein Bahnticket für einen Platz, keinem von uns beiden ist ein Abteil zugesprochen, aber das Revierverhalten ist größer. Man hat sich schnell an seine zufällige Komfortzone gewöhnt, da darf sich nichts dran ändern. Wer über den Menschen etwas erfahren will, muss einfach nur Bahn fahren!

Matthias Brodowy

www.brodowy.de

Bildquelle

  • Brodowy: privat

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