Das Glück der Optimisten
Eine Bildungsreise der anderen Art: Der Universalgelehrte erklärt sein Weltbild in „Candide“. Foto: Thomas M. Jauk

Das Glück der Optimisten

Candide hat es nicht leicht: Seine heimliche Liebschaft mit der Baronesse Cunegonde (Ania Vegry) fliegt auf. Er wird verbannt. Dann fast hingerichtet – und trotzdem zieht er mit unerschütterlichem Optimismus immer weiter durch die Welt. Denn eins hat er von seinem Lehrer Dr. Pangloss (Frank Schneiders) gelernt: Die Welt, in der wir leben, ist die beste aller möglichen. Wem dieser Leitspruch bekannt vorkommt, liegt nicht ganz falsch. Allerdings stammt er nicht von einem Dr. Pangloss, sondern vielmehr von Gottfried Wilhelm Leibniz, der vor 300 Jahren verstarb. Willkommen im Leibniz-Jahr!

Mit der Comic Operette „Candide“ von Leonard Bernstein hat die Staatsoper schon im vergangenen Jahr die Feierlichkeiten eröffnet und einen bunten, collagenartigen Bilderbogen präsentiert, dem sich manch einem nicht auf den ersten Blick in seiner vollen Gänze erschließen mag. Aber wie auch? Dazu werden zu viele philpsophische Diskussionen der Leibniz-Zeit in manchmal rasantem Tempo miteinander verknüpft.

Ausgangspunkt ist Leibniz‘ Theodizee, die er 1710 schrieb – natürlich auf Französisch und die mit vollem Titel lautete „Essais de Théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l‘homme et l‘origine du mal“ zu Deutsch: „Abhandlungen über die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Bösen“. Kernaussage ist: Wir leben in der besten aller möglichen Welten – auch wenn es dort Übel gibt. Diese musste Gott nämlich zulassen, um „das Beste“ überhaupt zu ermöglichen.

So weit, so gut – bis 1755 das Erdbeben von Lissabon Europa erschütterte und Kritiker auf den Plan rief. Einer von ihnen war der spitzzüngige Voltaire, der seinen gutgläubigen Candide durch die Welt schickt – natürlich auch nach Lissabon – und der es auf seiner Reise mit zahlreichen Übeln zu tun bekommt. So ist die Erzählung über seinen Candide, den Leibniz unter dem Pseudonym Dr. Ralph,  eben auch die Auseinandersetzung mit der besten aller Welten und mit Leibniz selbst. Die „Comic Operette“, die Leonard Bernstein 1956 aus diesem Stoff gemacht hat, gibt dem Ganzen Schwung, Charme und eine Leichtigkeit, die selten ist bei philosophischen Auseinandersetzungen, bei denen es um nichts weniger als die Weltordnung geht.

Von daher ist es auch gar nicht schlimm, wenn man beim ersten Sehen dieser Operette nicht alles versteht, sondern sich zunächst einmal wundert – über den witzigen Frank Schneiders, der als Dr. Pangloss mit Allongeperrücke und dickem Buch auf die Bühne kommt; einer wunderbar frischen, pretty in Pink gewandete Cunegonde, die aus ihrem Leben – dank männlicher Hilfe – das beste aller ihr möglichen macht; und natürlich einem Candide (Sung-Keun Park), der so unerschütterlich an die Liebe zu Cunegonde und das Gute im Menschen glaubt, dass es schon fast schmerzt. Und ein zweites Mal diese Operette von Bernstein zu schauen, schadet auch nicht – man wird immer wieder ein neues Detail sehen und sich daran freuen.

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