Das Rote Sofa: Autor Heinrich Thies
Heinrich Thies hat ein Buch über Marlene Dietrich und ihre Schwester Elisabeth geschrieben. Foto: Oberdorfer

Das Rote Sofa: Autor Heinrich Thies

Unterschiedlicher können Schwestern kaum gewesen sein: Die eine, eine Glamourstarqueen, die während des Zweiten Weltkrieges auf Seiten der Amerikaner stand; die andere, eine brave Ehefrau, die ein Truppenkino für Wehrmachtssoldaten und SS-Offiziere in Bergen-Belsen führte. Marlene Dietrich und ihre Schwester Elisabeth trennten altersmäßig zwar nur knapp zwei Jahre; aber im späteren Leben sollten es Welten sein. Heinrich Thies hat nun ein Buch über die ungleichen Schwestern geschrieben. Es trägt den Titel „Fesche Lola, brave Liesel – Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester“ – denn zu dem „Tugendmoppel“ hatte „Pussycat“ zeitlebens ein schwieriges Verhältnis.

Als Marlene Dietrich bei einem ihrer letzten Interviews gefragt wurde, ob sie Geschwister habe, antwortete sie: „Nein.“ Wie kommt man darauf, dass sie dennoch eine Schwester gehabt haben könnte?
Bis 1945 war es ja kein Geheimnis, dass sie eine Schwester hatte. Es wurde auch später noch bisweilen berichtet, dass in Bergen-Belsen die Schwester eines Weltstars lebt. Aber Marlene hat alles getan, um sie aus der Öffentlichkeit herauszuhalten und aus ihrer Lebensgeschichte zu tilgen.

Warum?
Es war ihr peinlich, dass ihre Schwester auf Seiten der Nazis ein Truppenkino betrieben hat – und das in Bergen-Belsen. Marlene wollte keineswegs mit der Kollaborateurin (aus Bergen-Belsen) in Verbindung gebracht werden. Sie hat offenbar befürchtet, dass dies einen Schatten auf ihr Image als Nazigegnerin werfen könnte.

Das Buch „Fesche Lola, brave Liesel“ von Heinrich Thies handelt von den ungleichen Schwestern Marlene Dietrich und Elisabeth. Foto: Oberdorfer

Und wenn es mit der Wahrheit nicht so klappte, wurde die Geschichte einfach umgedeutet…
Ja. Diese Geschichte beispielsweise, dass sie Angst um ihre Schwester gehabt habe, dass diese ihretwegen ins KZ gekommen sei, war schlicht vermutlich gespielt gewesen. Marlene wusste doch, was Liesel nach Bergen-Belsen geführt hat. Ihr war ja bekannt, dass deren Mann schon 1937 das dortige Truppenkino am Adolf-Hitler-Platz übernommen hat. Die beiden Schwestern hatten ja bis Anfang 1939 Kontakt.

 

Das Lügen hatte ja durchaus Tradition in der Familie.
Richtig. Schon der Tod des Vaters beispielsweise wurde umgedichtet. Er hatte zahlreiche Affären und ist 1908 in einer Heilanstalt gestorben. Erzählt wurde aber immer, er sei vom Pferd gefallen. Später hieß es dann, er sei im Ersten Weltkrieg gefallen. Marlene hat ihr eigenes Leben auch umgedichtet und sich zum Mythos stilisiert. Alle ihre Autobiographien sind entsprechend getürkt.

Da ist es sicher schwer, die Wahrheit herauszufinden. In der Marlene Dietrich-Collection sind 300000 Blatt Papier. Wie viel davon haben Sie für die Recherchen gelesen?
Ich habe mich weitgehend auf den Briefwechsel zwischen den Schwestern, Tagebücher und Kindheitserinnerungen beschränkt; das waren 300 bis 400 Blatt.

Was war das Überraschendste, das Sie bei Ihren Recherchen entdeckt haben?
Mich hat es sehr beeindruckt, wie unterschiedlich diese beiden Schwestern waren: Auf der einen Seite Marlene, die selbstbewusste Glamourkönigin; auf der anderen Seite Liesel, die graue Maus, die sich selbst als dumm und hässlich empfand – und dabei nichts von beidem war. Trotzdem hatten die beiden aber auch manche Gemeinsamkeit. Beide waren zum Beispiel auf ihre Art einsam.

Und man hat nicht den Eindruck, dass Liesel wirklich eine glühende Verfechterin des Nationalsozialismus war.
Nein, das war sie wahrscheinlich wirklich nicht. Sie war eine brave Ehefrau, und als ihr Mann die Führung des Kinos von Goebbels angeboten bekam, griff er zu und sie zog nach. Sie war eher eine Mitläuferin. 1939 hat sie Marlene in einem Brief noch geschrieben: „Mach Dir nicht zu viele Sorgen. Es kommt doch alles, wie es will.“

Das hört sich fast etwas naiv an. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Marlene ihrer verleugneten Schwester aber über einen Anwalt Geld zukommen lassen, hat ihr Seidenkleider und Pelze geschickt. War das eine Art Schweigegeld?
So könnte man es ausdrücken. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Marlene hat ihre Schwester auch geliebt und sich für sie verantwortlich gefühlt – und umgekehrt war Liesel Marlene zeitlebens dankbar. Diese beiden Schwestern standen sich also ungeheuer nah – trotz ihrer extrem unterschiedlichen Charaktere und Lebenswelten.  In Bergen war übrigens vielen bekannt, dass unter ihnen die Schwester eines Weltstars lebte. Aber man hat zumeist den Mantel des Schweigens darüber gebreitet. Mit Rücksicht auf Liesel, vielleicht aber auch, weil man wusste, wie Marlene über Bergen-Belsen dachte.

Interview: Heike Schmidt

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