Das Rote Sofa: Samuel Finzi
Ein Star auf den Bühnen, ein Kommissar in der ARD und auf der Suche nach der Wahrheit im Schauspiel Hannover: Samuel Finzi

Das Rote Sofa: Samuel Finzi

Ob Psychologe Vincent Flemming aus der gleichnamigen Serie, Dr. Stormann aus dem Tatort, ob als Teufel oder als Konstantin – Samuel Finzi ist einer der interessantesten Schauspieler Deutschlands. Ob auf dem Theater oder im Fernsehen – er hat einen Hang zu Figuren, die abseits des Mainstreams agieren, die anders sind. Ein Gespräch darüber, warum Glück dumm macht und fake news gelenkte Veränderung sein können.

Sie spielen derzeit in „Macht und Widerstand“ am Schauspiel Hannover. Es geht um Bulgarien nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Die Figur, die Sie spielen – Konstantin – stellt in dieser scheinbaren neuen Freiheit Fragen. Fragen nach der Vergangenheit, die ihm nicht beantwortet werden. Was ist eine Freiheit wert, in der man keine Fragen stellen darf?
Dann muss man erst einmal fragen: Was ist Freiheit überhaupt? Und wie erreicht man die? Es ist leicht zu behaupten, dass man eine gewisse Freiheit unter allen Umständen erreichen kann. Die Gedanken sind immer frei. Wenn einem das gelingt, kann man sich frei nennen. Wenn man sich das nicht fragen darf, dann ist man begrenzt und ausgesperrt. Dann ist die Freiheit nichts wert. Aber ich denke, Konstantin ist in seinem Kopf, seinem Geist der Freieste von allen – auch weil er nicht aufhört, Fragen zu stellen. Er gibt nicht auf.

Samuel Finzi wurde am 20. Januar 1966 in Plowdiw, Bulgarien, geboren. Im Dezember 1989 kam er nach Berlin. Er arbeitete unter anderem an Schauspielhäusern in Düsseldorf, Köln, Bochum, Zürich, am Thalia Theater in Hamburg, dem Frankfurter Schauspiel, dem Burgtheater in Wien oder auch an der Volksbühne in Berlin. Zudem spielte er in der Krimiserie Flemming den gleichnamigen Psychologen oder im Kieler Tatort den Rechtsmediziner Dr. Stormann. Er drehte mit Til Schweiger „Honig im Kopf“, war in „SMS für Dich“ genauso mit dabei wie in der Verfilmung von „Marie Curie“. Foto: Ribbe

Aber er erhält keine Antworten. Stattdessen sind die Bonzen von einst die Chefs von heute. Sie bestimmen, wie die Geschichte auszusehen hat. Ist Geschichte immer eine Geschichte der Sieger?
Es gibt einen schönen Ausdruck in dem Stück von der „gelenkten Veränderung“. Ich denke, da ist viel Wahres dran. Denken Sie an fake news.
Ist es überhaupt immer möglich, herauszubekommen, was gelenkte Veränderung ist?
Es gibt diesen Satz, dass nicht wichtig ist, wer auf dem Pferd sitzt, sondern wie er das Karussell fährt. Manche Dinge sind unauswechselbar. Aber durch nachfragen, bohren, Widerstand leisten könnte man das herausfinden. Aber viele Menschen sind einfach zu satt, als dass sie das auf sich nehmen würden. Wahrscheinlich liegt es in der Natur des Menschen, dass sie es bequem haben wollen – das ist ja auch nichts Verwerfliches. Es leben hier viele Menschen, denen es gut geht, die sich in ihrer Welt eingerichtet haben. Es heißt ja auch „Glück macht dumm“.

Oder dumme Menschen leben glücklicher. Sie fragen nicht nach und provozieren auch keine Konflikte. Sie selbst stammen aus Bulgarien. 1989 haben Sie das Land verlassen. Haben Sie einen großen Bezug zum dem Land Ihrer Familie?
Es war mir lange Zeit egal. Ich habe mich geweigert, mich mit diesem Land auseinanderzusetzen. Es war nicht interessant für mich, denn ich interessiere mich für die geistige Entwicklung einer Gesellschaft. Die Entwicklung dort war furchtbar. Sie war nicht vorhanden. Zudem war mir damals der Spagat zwischen meinem Herkunftsland und dem Land, in dem ich lebe, zu groß. Es gab auch wenige Autoren, die mich interessiert haben. Das änderte sich mit dem Buch von Ilija Trojanow. Das hat mich emotional gepackt. Ich habe viele Sachen erfahren, die ich nicht wusste. Plötzlich wurde mir klar, in welchem monströsen System ich aufgewachsen bin. Bis dahin hatte ich emotional nicht erfasst, was meine Eltern und Großeltern durchgemacht hatten. Ich habe gemerkt: Ich möchte darüber reden. Es ist also ein ganz persönliches Motiv, warum ich dieses Stück gemacht habe.

Ich habe mich gefragt, ob man sich in einem solchen System nicht eingesperrt vorkommt…
Als Kind denkt man darüber nicht nach. Da möchte man draußen spielen, und ich hatte eine glückliche Kindheit. Selbstverständlich wusste ich, dass mein Großvater unter den Kommunisten gelitten hatte. Er war Jurist, stammte aus einer bürgerlichen Familie und erhielt ein Berufsverbot. Danach verdiente er sein Geld als Geiger. Aber meine Familie nahm das so hin. Erst im Nachhinein ist mir vieles klar geworden. Neulich hat jemand von der neuen politischen Bewegung in Bulgarien gesagt, sein Traum sei nicht, dass man Norwegen, sondern dass man Rumänien werde. Das schildert die Situation im Land sehr deutlich. So eine Richterin wie in Rumänien, die konsequent gegen Korruption vorgeht, gibt es in Bulgarien nicht. Da gab es vielleicht drei Fälle, die angezeigt wurden. Aber das waren alles kleine Fische, ein kleiner Vize-Bürgermeister, so etwas. Das ist so apathisch. Das tut weh.

Muss man Demokratie nicht auch lernen?
Sicher muss man das, wenn die Bevölkerung verblödet. Aber es gibt eine Generation, die nach der Wende geboren ist, die ganz anders auf die Welt blickt. Die können sich informieren. Das konnten wir auch. Aber haben es nicht gemacht. Doch wahrscheinlich wird eine Veränderung innerhalb der Gesellschaft so lange dauern wie der Kommunismus an der Macht war: 50 Jahre.

Sowohl im Film als auch auf der Theaterbühne spielen Sie eher widersprüchliche Menschen: Sei es der Psychologe Vincent Flemming in der gleichnamigen Serie oder im Tatort der Rechtsmediziner Dr. Stormann.
Wir Menschen sind in unserem Wesen widersprüchlich. Das suche ich in meinen Rollen. Ich drehe jetzt beispielsweise einen Kinderfilm. Er heißt „Meine teuflisch gute Freundin“. Ich spiele den Teufel. Eine super Rolle. Der Teufel schickt seine Tochter auf die Erde, um die Menschen böse zu machen. Davor habe ich in Tel Aviv für die gleichnamige Krimi-Reihe der ARD gedreht, davor das Projekt mit Til Schweiger „Hot Dog“ abgedreht, und, in dem bevorstehenden Film „Subs“ nach dem Buch von Thor, Kunkel (Regie: Oskar Roehler) geht es um eine makabre Geschichte, um Sklaven und Herrscher.

Das hört sich an, als seien Sie bis 2022 ausgebucht.
So ist das nicht. Ich arbeite eben und das sehr gerne.

Morgen werden Sie wieder in Hannover zu sehen sein. Haben Sie schon etwas von der Stadt gesehen?
Kaum. Es ist ja nicht viel Zeit. Ich gehe zu Fuß nach Hause und wohne wohl in einem der hässlichsten Gebäude der Stadt. Es ist ein 60er-Jahre-Bau, in dem man die Wohnungen über einen außenliegenden Flur erreicht. Furchtbar. Merkwürdigerweise habe ich mich dort sehr wohl gefühlt. Es ist alles sehr clean. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank. Sehr basic. Und es hat eine Ordnung, die in jeder Stadt und in jeder Kultur gleich ist. Das ist auch eine Form von Freiheit.

Von Heike Schmidt

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