Das Rote Sofa: Wolfgang Weihs und Rolf Zick
Die Urgesteine des Journalismus Wolfgang Weihs (links) und Rolf Zick schauen zurück und warnen „Glauben Sie nicht alles, was die Medien verbreiten“. Foto: Niehaus

Das Rote Sofa: Wolfgang Weihs und Rolf Zick

Rolf Zick und Wolfgang Weihs gehören noch zu einer Journalistengeneration, die ohne Laptop und Digitalkamera auskam. Zick, Jahrgang 1921, kannte als Reporter alle elf Ministerpräsidenten persönlich, Weihs war als Fotograf der dpa international unterwegs und kam 1967 nach Hannover. „Glauben Sie nicht alles, was die Medien verbreiten“ lautet der Titel einer Veranstaltung, die die beiden für den Kommunalen Seniorenservice Hannover vorbereiten. Ein Gespräch über den Wandel der Medien, die Lügenpresse und Facebook.

Herr Weihs, heute in Zeiten von Photoshop und Co. könnte man jedem Bild misstrauen. Wurden Fotos früher nicht bearbeitet?
Weihs: Doch, natürlich. Ich habe beispielsweise auch sehr viel Sportfotografie gemacht, unter anderem bei sechs Fußball-Weltmeisterschaften (Mexiko 1970 bis Mexiko 1986) gearbeitet. Damals konnte man nicht wie heute im Digitalzeitalter das Bild auf der Kamerarückseite sehen, gleich nachdem man es gemacht hatte. Da stellte sich manchmal schon die Frage: „Hast Du rechtzeitig abgedrückt? Hast Du den Ball mit drauf?“

Und wenn nicht?
Weihs: Dann haben wir in sehr seltenen Fällen den Ball mit drauf „gezaubert“. Einen Ball hatte ich immer im Petto, den ich auf die meist etwa 18 x 24 cm große schwarz-weiß-Vergrößerung bei der Szene ohne Ball kleben konnte.

Das hat niemand gemerkt?
Weihs: Nur, wenn der Schatten nicht stimmte. Ein Ball wirft immer einen Schatten nach unten, da von oben das Licht kommt. Blöd war es, wenn der Schatten oben war.

Wie oft kam das denn vor?
Weihs: Vielleicht einmal im Viertel Jahr. Mit der heutigen Technik kann man das einfach nicht vergleichen. Das ist, als wolle man ein Pferdefuhrwerk mit einem Auto vergleichen. Das geht nicht.

Aber hat das Bild dann nicht gelogen?
Weihs: Nein, in dieser Absolutheit kann man das nicht sagen. Der Ball war ja im Spiel. Nur eben nicht zu dem Zeitpunkt, als ich den Kameraverschluss abgedrückt habe, meist mit einer 1/1000 Sekunde Belichtungszeit. Entdeckt wurde dieser kleine Fehler erst nach der Entwicklung des Films und der „Vergrößerung“ des ausgesuchten Motivs in der mit Gelblicht gering beleuchteten Dunkelkammer. Diese aktuellen Arbeiten geschahen oft in Stadien in Tribünenkellern, da dort das notwendige Wasser für die Chemikalien und Strom für unsere Maschinen zum Senden der „Funkbilder“ war. Das dauerte Ende der 60-er Jahre 15 Minuten für ein s-w-Foto, ging später schneller, so dass acht Motive pro Stunde an die 200 Agenturkunden über die Zentrale in Frankfurt gesendet werden konnten.

Herr Zick, Sie haben schon in den fünfziger Jahren als Reporter gearbeitet. Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?
Zick: Die fünfziger Jahre waren geprägt vom amerikanischen Journalismus. Sie müssen wissen, dass es entweder ganz uralte Journalisten gab, die schon vor dem Krieg gearbeitet hatten, und ganz junge, die gerade erst anfingen. Es fehlte ja eine Generation an Redakteuren. Der amerikanische Journalismus, der dann zu uns kam, war geprägt von der Sensationsberichterstattung. Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Das hatte nichts mehr mit dem reinen Informationsjournalismus zu tun. Nichts mehr mit der nüchternen Berichterstattung, zu der sich jeder dann eine Meinung bilden konnte.

Beim Sensationsjournalismus sind die Nachrichten ja auch gefiltert; sie sind danach ausgewählt, ob sie die Kriterien einer Sensation erfüllen oder nicht.
Zick: Ja, im Grunde genommen ist dies das Krebsgeschwür des Journalismus.

Auch weil man Dinge dramatisiert und emotionalisiert?
Zick: Die Steigerung davon ist der investigative Journalismus, bei dem Journalisten alles anzweifeln, überall Verschwörungen oder Missstände sehen. Da wird nach dem Motto gearbeitet: „Ich muss nur etwas entdecken und bin der große Zampano.“ Viele sind ja inzwischen in den Journalismus gegangen, um ihre persönliche Meinung auszudrücken. Diese Vermischung von Kommentar und Nachricht geht gar nicht. Es hat sich eine Form von Meinungsjournalismus entwickelt, der grauenvoll ist – und alle machen mit.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Zick: Eine ganz große. Da äußert sich jeder zu jedem Thema. Früher haben die Menschen den Medien noch getraut. Was in der Zeitung stand, das war wahr. Heute sind wir beim Phänomen der Lügenpresse, weil niemand mehr genau weiß, wer was warum in den Orbit pustet. Millionenfach.

Und die Medien machen ja selbst mit. Auch die Medien sind beispielsweise auf Facebook vertreten.
Das ist die schlimmste Revolution, die wir je im Journalismus gehabt haben. Früher gab es Journalisten, die man für eine Nachricht zur Rechenschaft ziehen konnte. Heute ist oft nicht mehr nachvollziehbar, was Wahrheit und was Lüge ist. Ich weiß aber auch nicht, wie man das in den Griff bekommen soll.

Interview: Heike Schmidt

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