Ein Leben auf dem Rad
Ein Herz und eine Seele: Stefanie Paul und ihr Rennrad. Foto: Schulz

Ein Leben auf dem Rad

Radrennsport: Stefanie Paul von der RSG Hannover spricht im Interview über Talent, Training und Familie

Hannover. Stefanie Paul ist Mitglied bei der Radsportgemeinschaft (RSG) Hannover. Für ihren Verein geht sie bei regionalen Rennen an den Start. In der Rennrad-Bundesliga ist sie allerdings für das „Team Stuttgart“ im Einsatz, in der Cross-Saison ist es das „Stevens Racing Team“. Beim Deutschland-Cup – der Meisterschaftsrunde im Cross – ist sie eine Kandidatin für den Sieg. Die 30-Jährige stammt ursprünglich aus Potsdam. Sie ist Musikpädagogin, leitet mehrere Kinderchöre, ist verheiratet und hat einen Sohn.
 
Frau Paul, Sie sind ja eher zufällig zum Radsport gekommen. Was macht für Sie die Faszination aus?
Ich war ursprünglich Läuferin, habe mich dann am Triathlon versucht. Als ich 2010 wegen des Studiums nach Hannover kam, kam ich in die Wohngemeinschaft meines späteren Mannes. Mit ihm bin ich ein paar Mal mit dem Rad ausgefahren. Er meinte, ich hätte Talent. Als dann auch schnell die Erfolge dazu kamen, bin ich dabei geblieben (lacht). Wenn ich nicht den Radsport machen würde, hätte ich mir irgendeinen anderen Sport gesucht. Aber es macht mir einfach Spaß, auf den zwei Rädern unterwegs zu sein.

Wie sieht eine Trainingswoche bei Ihnen aus?
Das ist immer etwas unterschiedlich, aber grob kann man sagen, dass die Einheiten in Dreierblöcken stattfinden. Ich mache es meist so, dass montags und freitags trainingsfrei ist und von Dienstag bis Donnerstag trainiert wird. Dabei steigere ich den Umfang von Tag zu Tag. Sind es dienstags beispielsweise zwei Stunden auf dem Rad, sind es Donnerstag auch mal vier. Dabei fahre ich am ersten Tag zumeist schnelle, kurze Intervalle, weil die Muskulatur noch ausgeruht ist. Am Mittwoch trainiere ich die Ausdauer, am dritten Tag sind es dann eher lange Intervalle wie zum Beispiel die Kraft am Berg. An den Wochenenden kommen dann häufig Rennen dazu.

Wie schwer ist es, Beruf, Familie und Radrennen unter einen Hut zu bekommen?
Schwierig, die Arbeit ist anstrengend genug. Im Gegensatz zu den Profis habe ich dadurch keine richtig freien Tage nur zur Regeneration. Meine trainingsfreien Tage sind dann meine längsten Arbeitstage, wo ich bis zu zwölf Stunden unterwegs bin. Mit dem Training erhole ich mich von der Arbeit und mit der Arbeit vom gesetzten Trainingsreiz. Mit dem Rhythmus funktioniert das ganz gut. Ohne die Unterstützung meines Ehemannes, meinen Schwiegereltern und braven Sohnes wäre dies unmöglich.

Wie oft müssen Sie gegen den inneren Schweinehund ankämpfen?
Der Kampf findet regelmäßig statt (lacht). Aber es motiviert zusätzlich, wenn man eine Trainingsgruppe hat. Da überwindet man sich schneller, auch bei Wind und Regen auf das Rad zu steigen.

An was denken Sie, wenn Sie stundenlang in die Pedale treten?
Viele andere Rennfahrer sagen, sie schalten dabei komplett ab und denken an gar nichts. Ich hänge schon meinen Gedanken hinterher. Ich denke auch bei den Rennen zu viel (lacht). Beim Techniktraining konzentriere ich mich vollkommen auf die Aufgabe, damit ich es auch gut umsetzen kann.

Sie fahren vom Frühjahr bis Herbst auf der Straße, das übrige halbe Jahr nehmen Sie an Cross-Rennen teil. Wie schwer ist es, sich auf das jeweils andere Metier einzustellen?
Ich bin kein richtiger Spezialist beim Cross. Ich habe aber den Vorteil, dass ich die Fitness aus der Straßenrennen-Saison mitnehmen kann. Ich fange dann ein paar Wochen vor Beginn der Cross-Saison an, immer mehr im Gelände zu fahren, trainiere die unterschiedlichen Abläufe, beispielsweise das Ab- und Aufspringen und das Hanghochlaufen.

Sie gehören in den Meisterschaften auf der Straße und im Cross einem professionellen Team an. Bedeutet das, dass Sie mit dem Sport auch Geld verdienen?
Ich wünschte, das wäre so (lacht). Das denken viele Leute. Aber tatsächlich bekomme ich durch Rennen im Jahr vielleicht ein paar hundert Euro Preisgeld. Aber durch die ganzen Fahrtkosten und großen Aufwand investiere ich viel mehr. Es gehört schon eine Menge Idealismus dazu, den Sport zu betreiben. Der Vorteil durch die Zugehörigkeit zu den Teams ist, dass man Material gestellt bekommt und bei den Rennen Unterstützung hat, beispielsweise durch einen Materialwagen und Verpflegung.

Welche Qualitäten muss ein guter Radrennfahrer mitbringen?
Eine gute Kondition ist wichtig. Wenn man ein athletisches Talent hat, kann man in dem Sport weit kommen. Ansonsten wird es schwierig. Die Technik kann man im Training verfeinern. Beim Straßenrennen ist der Körperbau relativ unwichtig. Dort können auch Kräftigere gute Sprinter sein. Im Cross darf man nicht zu viel Bremsen.
Denken Sie oft an einen möglichen Sturz?
Man lernt in dem Sport, immer möglichst positiv zu denken. Wenn ich an einen Sturz denken würde, würde es wahrscheinlich auch passieren. Man muss in dem Sport generell mental stark sein und an sich glauben.

Was ist das ideale Alter, um mit dem Radsport anzufangen?
Wenn man es in die Weltspitze schaffen will, ist es von Vorteil schon im Kindesalter mit etwa 13 bis 15 Jahren angefangen zu haben und muss immer intensiv an sich arbeiten und sich weiterentwickeln. Aber wir haben in der RSG auch eine, die gerade mit 48 Jahren angefangen hat und bei den lizensierten Amateurrennen durchaus erfolgreich ist. Grundsätzliches Talent spielt eine große Rolle.
Interview: Mark Bode

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