Gibt es noch Ossis und Wessis?
Westberliner begrüßen einen Trabi in der Nacht des Mauerfalls imago/Sven Simon

Gibt es noch Ossis und Wessis?

Vor 25 Jahren wurde die Deutsche Einheit besiegelt – doch noch immer gibt es Unterschiede zwischen Ost und West

Von Klaus Wallbaum

Berlin. Sind die Deutschen wirklich ein einig Volk? Eine neue Studie des Berlin-Institutes für Bevölkerung und Entwicklung weckt Zweifel. Wenn am 3. Oktober der 25. Tag der deutschen Einheit gefeiert wird, ist einerseits festzustellen, dass sich viel angeglichen hat. Aber: Es bleiben vor allem Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West.
Mehr als die Hälfte der Deutschen meint, es gebe Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen. Im Osten denken das sogar mehr als 70 Prozent. Der typische Wessi ist aus Ost-Sicht arrogant, der typische Ossi aus West-Sicht zu anspruchsvoll und stets unzufrieden. Auch positive Seiten aber werden gesehen: Der Wessi gilt als selbstsicher, der Ossi als solidarisch und familienfreundlich. Beide Seiten denken über ihre Landsleute im eigenen Landesteil (und damit über sich selbst) freundlicher als über die im jeweils anderen.
34,4 Prozent der Westdeutschen verspüren keinen nennenswerten Sorgen, im Osten sind nur 22,9 Prozent so positiv gestimmt. Hier blicken 24,6 Prozent mit großer Kümmernis in die Zukunft, im Westen lediglich 18,5 Prozent. Die Unterschiede könnten auch am Vergleich liegen: Wegen höherer Arbeitslosigkeit, starker Abwanderung und einem allmählichen „Aussterben“ der Dörfer wird die Situation in den neuen Bundesländern von vielen vermutlich pessimistischer eingeschätzt – auch deshalb, weil es im Westen viele dieser Probleme nicht gibt.
Zwischen 1991 und 2013 haben die Ost-Bundesländer 2 Millionen Einwohner verloren, der Westen hat 2,5 Millionen Einwohner hinzugewonnen. Erst gingen viele Ostdeutsche in den Westen, inzwischen ist in ganz Deutschland ein Trend erkennbar, in die größeren Städte zu ziehen. Nur 20 der 500 reichsten Deutschen wohnen östlich der früheren Grenze zur DDR – und davon leben 14 in Berlin. Im Osten zählen Menschen mit einem Nettovermögen von 110 000 Euro schon zu den reichsten zehn Prozent, im Westen sind dafür 240 000 Euro erforderlich. Der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz hofft, dass es künftig stärker einen Wettbewerb der Lebensentwürfe gibt: Das Lebensmodell West („Mehr Schein als Sein“) sei nicht vorbildlich für ganz Deutschland. Daher solle das Lebensmodell Ost (Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Offenheit und Bereitschaft, zu den eigenen Schwächen zu stehen) künftig eine stärkere Rolle bekommen, hofft Maaz, der als einer der besten Kenner der Ost-West-Mentalität in Deutschland gilt.

 

Sind Ost und West nach 25 Jahren zusammengewachsen? Umfrage & Fotos: Triller
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Denis Sekularac (25), Student, Hannover: Ich habe ein Jahr in Berlin gewohnt und mir sind keine Unterschiede zwischen den Menschen aus dem Osten und dem Westen aufgefallen. Unterschiede gibt es in der Bezahlung. In einem Land sollten auch die Gehälter gleich sein.

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Till Dölle (18), Schüler, Hannover: Es gibt noch Unterschiede zwischen Ost und West, insbesondere in der Infrastruktur. Die Menschen haben ihre Gründe, wenn sie aus dem Osten abwandern. Hier ist die Politik gefragt.

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Dieter Heinrich (57) und Elke Bertram (52), Küchenmeister und Hotelier, Wedemark: Für uns spielen Unterschiede zwischen Ost und West keine Rolle mehr. Ungleichheiten, die es noch gibt, sollten auf politischem Weg behoben werden.

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Reinhard Bernoth (55), Gas-Ingenieur, Uetze: Ich habe beruflich oft mit Menschen verschiedener Herkunft zu tun. Ich finde schon, dass es Unterschiede gibt. Das ist auch eine Generationsfrage. Die Jüngeren sind mehr integriert.

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