Benzinpreise im freien Fall
Meist geht es noch billiger: Smartphone-Apps helfen bei der Suche nach einer günstigen Zapfsäule. Foto: oberdorfer

Benzinpreise im freien Fall

Günstige Preise an Zapfsäulen treiben Klimaschützern Sorgenfalten ins Gesicht

Von Reinhard Urschel
Berlin. Schlangen bilden sich nur selten vor den Tankstellen, aber es sind schon Autofahrer gesichtet worden, die nicht nur ihren Wagen, sondern auch etliche Kanister befüllen: Benzin und Diesel sind so billig wie schon lange nicht mehr. Wohl dem, der Platz im Heizöltank hat und sich jetzt einen ordentlichen Vorrat anlegen kann. Der niedrige Ölpreis freut die Verbraucher, aber Experten warnen auch – der Tiefstpreis birgt auch Risiken. Können wir uns wirklich uneingeschränkt freuen?
Die Freuden über den niedrigen Ölpreis kann jeder sehen, die Risikien dahinter sind leider verborgen. Gerade ist die Klimakonferenz in Paris zu Ende gegangen. Umweltminister aus der ganzen Welt haben beschlossen, endlich den Kampf gegen Klimakiller aufzunehmen und die Verbrennung fossiler Brennstoffe – zu denen auch das Erdöl in jeder Form gehört – einzudämmen. Doch der sinkende Ölpreis macht alle Anstrengungen wieder zunichte. Der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie meldet einen Anstieg der verkauften Ölheizkessel um fast ein Drittel. In den USA sind im zu Ende gehenden Jahr so viele Autos mit großem Hubraum zugelassen worden wie lange nicht mehr. Allein Mercedes-Benz hat weltweit um ein Viertel mehr SUVs, verkauft, die besonders viel Sprit brauchen.
Der niedrige Ölpreis hemmt spürbar den Fortschritt, melden die Hersteller innovativer Heizsysteme. Bei Wärmepumpen ist der Absatz in Deutschland in diesem Jahr um vier Prozent zurückgegangen, bei Biomasse-Anlagen sogar um 18 Prozent.
Finanzexperten werfen immer mal wieder den Begriff Deflation in die Runde. Bei einem sehr niedrigen Ölpreis sinkt die Inflation gegen Null. Um dem entgegen zu wirken, pumpt die Europäische Zentralbank frisch gedrucktes Geld in den Markt, was hohe Risiken birgt: von Immobilienblasen bis hin zu hohen Fehlinvestitionen von Unternehmen durch billiges Geld auf dem Finanzmarkt.
Zur Kehrseite der glänzenden Medaille gehört auch eine geopolitisch höchst brisante Vorstellung: Durch den niedrigen Ölpreis könnten ärmere Förderländer wie Nigeria, Kolumbien, Malaysia oder selbst Venezuela politisch gefährlich instabil werden, wegen der stark sinkenden Einnahmen. Schon wird hier eine neue Flüchtlingswelle für möglich gehalten, in Richtung Europa.

 

Haben Sie auch Bedenken, wenn der Ölpreis weiter sinkt? (Fotos und Umfrage: triller)

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Dr. Hans-Jürgen Schulze (72), Ingenieur, Hemmingen: Die Folgen für die Schwellenländer werden negativ sein. Die Summe der Ereignisse wird sich auch bei uns auswirken. Die positive Wirkung auf die Verbraucher in Deutschland wird nur kurzfristig sein. In der Zuliefererindustrie wird es zum Verlust von Arbeitsplätzen kommen.

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Katja Adelt (52), Beamtin, Hannover: Für den Verbraucher sind die niedrigen Preise kurzfristig von Vorteil. Vermutlich wird sich der geringe Ölpreis langfristig negativ auswirken. Ich wünsche mir eine sachliche und informative Aufklärung über das Thema.

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Lars Horstmann (35), Augenoptiker, Hildesheim: Über die wirtschaftlichen Folgen des niedrigen Ölpreises habe ich noch nicht nachgedacht, sondern mehr über die negativen Folgen für die Umwelt. Der niedrige Preis ist für Verbraucher und Industrie kein Anreiz, weniger zu konsumieren oder nach Alternativen zu forschen.

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Nils Danzer (22), Student, Braunschweig: Die niedrigen Preise für Benzin und für die Heizkosten sind für den Verbraucher gut. Die langfristigen Folgen für die Volkswirtschaft lassen sich noch nicht absehen. Sicherheitspolitisch mache ich mir keine Gedanken.

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Ulrich Zielke (53), Geologe, Großburgwedel: Durch die globale wirtschaftliche Verflechtung kann der niedrige Ölpreis für alle Länder negative Folgen haben, da er zu einem höheren Konsum verleitet. Weil die Ölvorräte begrenzt sind, wird es deshalb mittelfristig zu einem kräftigen Preisanstieg kommen.

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