Brodowys Woche
Matthias Brodowy ist Kabarettist und Musiker. Foto: privat

Brodowys Woche

Erst denken

„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten!“ Dieser Satz des Psychoanalytikers C.G. Jung lief mir vor kurzem über den Weg. Das passiert mir berufsbedingt übrigens häufiger, dass mir solche Zitate ins Hirn wehen. Ich muss gestehen, dass ich tatsächlich gerne in Zitatesammlungen blättere. Auch das Internet liefert ja rund um die Uhr Kalendersprüche und kluge oder auch weniger kluge Sätze. Aber an diesem Ausspruch von Jung blieb ich hängen. Er passt so sehr in unsere Zeit der schnellen Reaktion. In unsere Zeit der radikalen Empörung. In unsere Zeit der Wutbürger, die in trumphafter Manier die Welt in ihre Schablone pressen. Faktencheck exklusive. Übrigens hat die Autokorrektur meines Smartphones, auf dem ich gerade diese Kolumne tippe, aus dem Wort „Faktencheck“ das Wort „Faltencreme“ gemacht. Ich will darüber nachdenken und nicht vorschnell urteilen, aber wenn selbst die Autokorrektur keinen Faktencheck kennt, sondern mir stattdessen Kosmetik anbietet, scheint die Wahrheit tatsächlich überschminkt zu sein. Wir leben in einer schnellen Zeit, in der wir simultan erleben können, was irgendwo in der Welt passiert. Die Liveticker der Nachrichtensender dröhnen im Minuten­takt. Und Meinungen sind schon gebildet, bevor man überhaupt alle Informationen hat. „Abwarten und Tee trinken“ wäre da ein ebenso zutreffender Kalenderspruch. Denn die Welt ist zu komplex, um sie auf die Schnelle zu begreifen. Und da macht es durchaus Sinn, erst in Ruhe nachzudenken anstatt das „Urteil to go“ zu twittern.

www.brodowy.de

Bildquelle

  • Brodowy: privat

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