Die Nachkriegszeit war hart
Stolze Besitzerin hinter dem Verkaufstresen: Am 1. Januar 1957 übernehmen Helga und Horst Ellhoff die traditionsreiche Bäckerei am Lindener Markt.

Die Nachkriegszeit war hart

Die Ellhoffs leben seit 1890 am Lindener Markt 4. Für „hallo Linden“ öffnen sie ihr Familienalbum. In einer kleinen Serie erzählen Mutter Helga, Onkel Eberhard und Sohn Jörg ihre ganz persönlichen „Lindener Geschichten“.

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Stolze Besitzerin hinter dem Verkaufstresen: Am 1. Januar 1957 übernehmen Helga und Horst Ellhoff die traditionsreiche Bäckerei am Lindener Markt.

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Helga Ellhoff (vorne) ist mal wieder auf einer Feier eingeschlafen. Die Freundinnen Anneliese (links) und Uschi freut es.

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Das letzte Brötchen, das in der eigenen Bäckerei hergestellt wurde, hat Helga Ellhoff bis heute aufgehoben Foto: heinze

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Der Backofen im 1961 fertig gestellten neuen Backhaus im Innenhof war der ganze Stolz von Horst Ellhoff.

 

Von Hartmut Heinze

Linden. Es war harte Arbeit. Und es war viel Arbeit. Aber der Beruf hat Helga Ellhoff immer viel Spaß gemacht. 15 Jahre lang – von 1957 bis 1972 – führte sie gemeinsam mit ihrem Mann Horst die Geschäfte der alteingesessene Bäckerei am Lindener Markt. „Als mein Mann mich gefragt hat, ob wir die Bäckerei übernehmen wollen, habe ich sofort ja gesagt. Ich habe es nie bereut – es war eine wunderbare Zeit“, erinnert sie sich. „Ich bin eine gebürtige Fleischer und wurde Bäckerin“, sagt sie mit einem Lachen.
Die Nachkriegszeit war hart und schwierig. Hannover lag in Trümmern, die Menschen hatten keine Arbeit und wenig Geld. Und es war eng geworden in Hausnummer 4 am Lindener Markt: Bis zu drei Familien mussten sich eine 75 Quadratmeter große Vierzimmerwohnung teilen. Schließlich mussten die vielen Flüchtlinge aus Schlesien ja irgendwo untergebracht werden.
Am 1. Januar 1957 übernahmen Horst und Helga Ellhoff die Bäckerei von Onkel Karl. „Wir mussten das Geschäft von Grund auf hochpäppeln und verlorene Kunden zurück gewinnen“, erinnert sich Helga Ellhoff: „Onkel Karl kümmerte sich mehr um seinen Kleingarten am Lindener Berg, als um die Bäckerei“. Das Sortiment des Ladens war überschaubar. Es gab mit Korbgerster und Gerster nur zwei unterschiedliche Brote, dazu kamen vier Sorten Brötchen und Zuckerkuchen. „Wir sind gerade so über die Runden gekommen“, sagt Helga Ellhoff. An ihren langjährigen Mitarbeiter Günter Gericke erinnert sie sich besonders gerne: „Das war der Münchhausen von Linden – er hat immer die Kinder veräppelt und ihnen Lügengeschichten von Hühnern mit drei Beinen erzählt“.
1958 war die Empörung der Kundschaft groß: Die Ellhoffs erhöhten die Brötchenpreise um einen halben – von sechseinhalb auf sieben Pfennige. Einige Stammkunden waren so sauer, dass sie nicht mehr in der Bäckerei einkauften. Trotzdem ging es mit der Bäckerei immer weiter bergauf. 1960 wurde mit dem Bau eines neuen Backhauses im Innenhof begonnen. Kleingartenvereine, Schützen- und Volksfeste wurden mit Köstlichkeiten aus der Bäckerei Ellhoff beliefert. Auch der bekannte hannoversche Fischhändler Berkhahn kaufte seine Brötchen im Geschäft am Lindener Markt. „Da durfte ich immer Gurkenbrötchen essen – Fisch mochte ich damals nicht“, erinnert sich der im Mai 1962 geborene Jörg Ellhoff. Die Bäckerei hatte werktags von 6 bis 18 Uhr und am Sonnabend von 6 bis 14 Uhr geöffnet. Gebacken wurde nachts bereits ab 3 Uhr. „Ich kannte meinen Vater nur schlafend im Bett oder in der Backstube stehend“, sagt Jörg Ellhoff. Und auch auf den zahlreichen Festen, die die Ellhoffs feierten, forderte der Fleiß der Bäckerfamilie schnell seinen Tribut: Mutter Helga schlief regelmäßig nach kurzer Zeit mitten im Trubel ein.
Auch in Linden hielt – wenn auch ein bescheidener – Wohlstand Einzug. Viele Menschen fanden bei der Hanomag oder Conti Arbeit, die ersten Gastarbeiter zogen nach Hannover. „Viele Spanier kamen zu uns einkaufen – die mochten unser Buttermilchbrot so gerne“, erinnert sich Jörg Ellhoff. Ende der sechziger Jahre setzten die Ellhoff erstmals Fertigbackmischungen zur Herstellung von Brot und Brötchen ein. Das kam bei der Kundschaft gar nicht gut an: „Sie hatte ja recht, das schmeckte nicht nach ihm und nicht nach ihr“, sagt Helga Ellhoff. Schnell wurden die Fertigmischungen daraufhin aus dem Hause Ellhoff verbannt und die Waren wieder traditionell hergestellt – Teig kneten war jeden Tag angesagt. 1972 mussten Helga und Horst das Geschäft aufgegeben und an einen neuen Pächter übergeben. Die Gesundheit spielte nicht mehr mit.
Vor wenigen Tagen traf Helga Ellhoff zufällig eine alte Stammkundin, die sie sofort erkannte und sagte: „Frau Ellhoff, ich erinnere mich immer noch so gerne an ihren Frankfurter Kranz. Der war ja so lecker!“
Die Ellhoffs haben jede Menge „Lindener Geschichten“ zu erzählen. Freuen Sie sich auf die Juni-Ausgabe von hallo Linden! Da geht unsere Serie weiter. Haben auch Sie „Lindener Geschichten“ zu erzählen? Rufen Sie uns unter Telefon 5 18 20 40 an oder schreiben Sie an
aktionen@wochenblaetter.de eine E-Mail.FranzEllhoff_1

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